Eingeschränkte Beleuchtung

Offenbach ‐ Als die Offenbacher vor 75 Jahren den Jahreskalender 1935 aufhängten, wussten sie noch nicht, in welchem Tempo sie im neuen Jahr auf einen Krieg vorbereitet werden sollten. Dabei fing das Jahr durchaus freundlich an. Von Lothar R. Braun

Das Winterhilfswerk (WHW) sammelte auf den Straßen Geld für Bedürftige. Als sichtbaren Ausweis für geleistete Spende erhielt man putzige kleine Abzeichen. Es war nützlich, sie erkennbar am Mantel zu tragen, denn Spendenverweigerung wurde nicht gelitten.

Zum Ausgang des Winters gab es als WHW-Abzeichen künstliche Enzianblüten. „Kauft das kleine Edelweiß, des Führers Lieblingsblume“, warb die Offenbacher Zeitung. Auch ein friedlicher Wettstreit bestimmte das erste Quartal. Zum zweiten Mal wurde die deutsche Jugend zu einem „Reichsberufswettkampf“ aufgerufen. Wer dabei in seinem Beruf mit Bestleistungen abschnitt, konnte mit attraktiven Belohnungen und beruflicher Förderung rechnen.

„Ganz Offenbach in Bürgel“

Die Fastnachter gaben sich unterdessen dem Karneval hin. „Ganz Offenbach in Bürgel“ titelte die Zeitung am 4. März. Darunter folgte ein farbiger Bericht über das Fastnachtstreiben der Ranzengarde. Ihr Wachaufzug, so wird berichtet, sei „in mustergültiger Ordnung und Disziplin“ erfolgt. Zuschauer, die „aussahen als hätten sie zu viel Geld“ wurden von den Ranzengardisten „in Schutzhaft“ genommen“. Schutzhaft war ein geläufiger und offiziell angewendeter Begriff in jenen Jahren. Als „Schutzhaft“ bezeichnete das Regime die Einlieferung in ein Konzentrationslager.

Dabei fand es sicher nicht allzu viel Beachtung, dass der Nazi-Gauleiter Jakob Sprenger in den Zeitungen veröffentlichen ließ: „Der Führer hat mich am 1. März mit der Führung der hessischen Regierung beauftragt“. Das werde nicht viel ändern, ließ er wissen: „Die Beamten, Angestellten und Arbeiter der hessischen Staatsregierung waren seither schon gewohnt, die Anweisungen zu befolgen, die ich als Gauleiter und Reichsstatthalter über die hessische Staatsregierung gegeben habe“.

Werbung für den Luftschutz hatte wenig Erfolg

Noch hatte der Wind nicht alles Konfetti von den Bürgeler Straßen geweht, als die Offenbacher Polizeidirektion einen Aufruf veröffentlichte, in dem sie auch den Gauleiter mit dem Satz zitierte: „Interesselosigkeit am Luftschutz ist Landesverrat“. Der Aufruf kündigte an, nach dem 11. März werde die Polizei in jedem Haus, an jeder Wohnung für den Beitritt zum Reichsluftschutzbund werben. Dazu seien Hauslisten zu erstellen und den Beamten auszuhändigen. „Minderbemittelte Volksgenossen“ und Schüler belaste die Mitgliedschaft mit einem Monatsbeitrag von zehn Pfennig. Andere Volksgenossen könnten die Höhe ihres Beitrags selbst einschätzen.

Die Werbung für den Luftschutz hatte offenbar nicht den gewünschten Erfolg. Noch im selben Frühjahr erfolgte der Erlass eines „Luftschutzgesetzes“. Es verpflichtete alle Deutschen zu Dienst- und Sachleistungen für den Luftschutz.

Als ersten traf es den Geburtsjahrgang 1914

Der 15. März war „Heldengedenktag“. Hitler, so berichtete die Zeitung, verbrachte den Tag bei der Einweihung des neuen Tannenberg-Denkmals, das in Ostpreußen einen deutschen Sieg im Kriegsjahr 1914 verherrlichte und auch die sterblichen Überreste des Siegers Generalfeldmarschall von Hindenburg aufgenommen hatte. „Ein Mahnmal der Unsterblichkeit“ sei dort entstanden.

Drei Tage später schreckte Europa auf. Die Schlagzeile der Offenbacher Zeitung lautete: „Aufruf des Führers zur allgemeinen Wehrpflicht“. 36 Divisionen in zwölf Armeekorps sollten aufgestellt werden. Das werde als „Schlussstrich unter den Versailler Vertrag“ verstanden, schrieb die Zeitung. In der Tat hatte Hitler den verhassten Friedensvertrag von 1919 wie einen Zettel zerrissen. Die meisten Deutschen freuten sich darüber. Besonnene indes hielten den Atem an.

Die Halle des Turnvereins Offenbach an der Goethestraße ließ das Wehrpflichtgesetz zur Musterungsstelle für junge Männer aus Stadt und Kreis Offenbach werden. Als ersten traf es den Geburtsjahrgang 1914. Aber auch die Männer des Jahrgangs 1915 mussten dort nackt vor die Militärärzte treten. Denn fast zeitgleich war auch eine Dienstpflicht im „Reichsarbeitsdienst“ (RAD) verordnete worden. Der RAD bewaffnete die jungen Männer mit Spaten, die sie nach sechs Monaten gegen Gewehre einzutauschen hatten. „Schön ist es, Soldat zu sein“ jubelte die Zeitung.

Ernstfall war noch fern

Mittlerweile liefen die Vorbereitungen für die erste große Luftschutzübung an. Für den 28. Mai, von Einbruch der Dunkelheit bis 22.30 Uhr, wurde über Offenbach ein „Zustand der eingeschränkten Beleuchtung“ verhängt. Im Klartext bedeutete das die Verdunkelung der Stadt. Kein Lichtstrahl dürfe aus Türen und Fenstern auf die dunklen Straßen fallen. Kurz vor dem Termin sagten die Behörden die Übung ohne jede Begründung wieder ab. Doch es gab so etwas wie einen Ersatz. In der Flutstraße wurde die Bergung von Verwundeten aus einem mit Giftgas verseuchten Schutzraum geprobt. Das Versprühen von Tränengas machte die Ernsthaftigkeit des Spiels deutlich.

Immerhin, der Ernstfall war noch fern. Die Flieger gingen noch zu Fuß. Am 31. Mai las man die Schlagzeile: „Die Flieger marschieren“. Gemeint war ein Umzug mit Marschmusik, der in Offenbach „fliegerischen Nachwuchs“ anwerben sollte. Man war noch nicht ganz so weit.

Rubriklistenbild: © pixelio/ Günter Havlena

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