Beschneidung von Frauen

Einschnitt in Körper und Seele

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Waris Diries Bücher haben weibliche Genitalverstümmelung bekannter gemacht. Das freut Rechtsanwalt Dirk Wüstenberg.

Offenbach - Ein Offenbacher Anwalt kämpft gegen weibliche Genitalverstümmelung. In vielen Teilen der Welt werden Mädchen noch immer beschnitten. Von Veronika Szeherova

Sie sind Frauen, die ihrer Weiblichkeit beraubt wurden. Deren Körper verstümmelt sind – und ihre Seelen. In vielen Teilen der Welt werden Mädchen noch immer beschnitten. Die Folgen für ihre Gesundheit und Sexualität sind gravierend – wenn sie die Prozedur überhaupt überleben. Ein Thema, das Deutschland nicht betrifft? Falsch, sagt der Offenbacher Rechtsanwalt Dirk Wüstenberg (42). Er ist bundesweit der einzige Anwalt, dessen Fachgebiet weibliche Genitalverstümmelung ist.

Etwa 150 Millionen Frauen weltweit sind genitalverstümmelt, die meisten in Afrika und Asien. Etwa 23.000 leben in der Bundesrepublik, tausenden Mädchen droht dieses Schicksal noch. Töchtern von islamischen Familien, die in Deutschland leben, aber die Tradition fortführen wollen. Oder Flüchtlingen, die der Prozedur bisher entgangen sind – die ihnen aber bei einer Rückkehr in ihr Land droht. Weibliche Genitalverstümmelung wird nach deutschem Recht als gefährliche Körperverletzung gewertet. Bislang fehlt aber ein eigener Straftatbestand im Strafgesetzbuch.

„Die Politik interessiert sich nicht“

„Die deutsche Gesellschaft verweigert sich dem Thema, die Politik interessiert sich nicht dafür“, kritisiert Wüstenberg. Mediales Interesse sei kaum vorhanden, woran auch die Diskussion um die rituelle Beschneidung von Jungen nichts geändert habe. Er schreibt seit 2006 Beiträge für juristische Fachpublikationen. Der Zufall brachte ihn zum Thema, als er aus beruflichem Interesse über Islamisierung und Scharia recherchierte. Dabei stieß er auf die Autobiografie der somalischen Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali, die genitalverstümmelt ist. „Das war für mich neu und hat mich berührt.“ Er stellte fest, auf ein in Deutschland juristisch unerschlossenes Feld gestoßen zu sein, zu dem es weder Verfahren noch Urteile gab. Seitdem steht er in Kontakt mit 30 Organisationen und Vereinen, beteiligt sich an Veranstaltungen zum Thema. Seit 2007 ist er stellvertretender Sprecher von Integra, dem Deutschen Netzwerk zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung.

Beratung und Vertretung für Betroffene bietet der Anwalt unentgeltlich an. Die meisten Fälle sind Kinder unter sieben Jahren. Ihre Eltern haben die Verstümmelung meist selbst veranlasst und befürworten sie, vertreten ihr Kind also nicht. „Auch erwachsene Frauen erstatten aus Angst und Scham nie Anzeige“, weiß Wüstenberg. Deshalb landen jährlich aus einer großen Dunkelziffer nur etwa fünf Fälle in seiner Kanzlei: „Es sind keine Strafrechtsfälle im klassischen Sinn – eine Hälfte ist familienrechtlich, die andere asylrechtlich.“ Berechtigte Sorge vor Genitalverstümmelung im Herkunftsland ist im Asylrecht ein „Duldungsgrund aus humanitären Gründen“.

Schutz ist fast unmöglich

In der Regel wenden sich Organisationen wie Terre des Femmes an ihn, die konkrete rechtliche Beratung suchen. Die Verstümmelung ist meist schon vollzogen. Ein Mädchen im Vorfeld zu schützen, ist fast unmöglich. Trotz des Kinderschutzgesetzes, das es außenstehenden Personen wie Ärzten, Erziehern oder Nachbarn ermöglicht, Verdachtsfälle zu melden, fallen viele durch die Maschen.

Wüstenberg erinnert sich an einem Fall, als ein Mädchen vor dem Eingriff bewahrt wurde. Ein in Deutschland lebender ägyptischer Vater wollte mit seiner Tochter nach Ägypten reisen, um sich um ihre „Gesundheitsvorsorge“ zu kümmern. Seine Frau schaltete das Gericht ein. Es verhängte gegen den Vater ein begleitetes Umgangsrecht, zudem darf das Mädchen den Schengen-Raum nicht verlassen. „Das Urteil beruhte eher auf Vermutungen als auf Tatsachen, es war mehr eine politische als eine rechtliche Entscheidung“, findet Wüstenberg. „Die Richterin hat ,Wüstenblume‘ gesehen“, ergänzt er lächelnd. Das Buch und der Film über das genitalverstümmelte Topmodel Waris Dirie hätten den Blick der Öffentlichkeit etwas geschärft.

Fehlende Unterstützung

Der Offenbacher Anwalt hat sich schon mit vielen fremden Gesetzen auseinandersetzen müssen, kritisiert die fehlende Unterstützung der Außenpolitik. Immerhin, im Inland passiert etwas. Der Bundestag will noch in diesem Jahr über eine Erhöhung des Strafmaßes entscheiden. Wüstenberg wird als rechtlicher Berater bei der Gesetzesformulierung helfen.

Typisch sind Eingriffe während eines „Ferienaufenthalts“ in Afrika. Oder in London, wo viele somalische Ärzte arbeiten. Sorgen bereitet Wüstenberg, dass „Eingriffe mit Sicherheit auch in Deutschland geschehen“. Ob durch „Wanderbeschneider“ oder gar durch Ärzte, die dies heimlich tun. „Es passiert sicher einiges jenseits des Gesetzes“, vermutet auch Professor Christian Jackisch, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Offenbach. Verstümmelte Frauen gehören laut ihm zum Klinikalltag, wenn auch „nicht als Akutfälle“. Die körperlichen und seelischen Folgen erlebe er immer wieder: „Es ist ein in unserer Zeit nicht nachzuvollziehendes Leid, was den jungen Frauen zugefügt wird.“

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