Teststrecke

Neue Fahrradstraße in Offenbach: Einsichtsfähigkeit gewünscht

Einbahnstraße? In der Senefelderstraße sorgt die sogenannte Busschleuse wohl für Unglauben. Es ist allerdings kein verspäteter Aprilscherz, für den es etliche Autofahrer offenbar halten. Zur Ehrenrettung: Dieser Autofahrer dreht nach einigem Zögern um und biegt in die Weikertsblochstraße ab. Foto: Kuhn
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Einbahnstraße? In der Senefelderstraße sorgt die sogenannte Busschleuse wohl für Unglauben. Es ist allerdings kein verspäteter Aprilscherz, für den es etliche Autofahrer offenbar halten. Zur Ehrenrettung: Dieser Autofahrer dreht nach einigem Zögern um und biegt in die Weikertsblochstraße ab.

Fahrradstraßen sind als (Teil-)Lösung der Verkehrsprobleme gedacht. Eine 500 Meter lange Teststrecke ist für viele Radler rein subjektiv betrachtet kein Gewinn.

Offenbach – Vorweg: Die Maßnahme sorgt für reichlich Irritationen – trotz Berichterstattung, trotz kommunaler Homepage. „Warum wurde die Durchfahrt in der Senefelderstraße für 50 Meter zur Einbahnstraße umgestaltet?“, fragt Harald Gössl.

Als der Autor dieser Zeilen das Geschehen dokumentiert, wird er ausgerechnet von einer Radlerin angeranzt: „Nichts Besseres zu tun, als Autofahrer zu fotografieren...“ Fehlt ein „arme“ vor den Autofahrern und ein „Denunziant“ hinter den Pünktchen.

Ulrich Lemke (Projektentwicklungsgesellschaft OPG, die von der Stadt mit dem Management der Fahrradstraßen beauftragt ist) behält Recht mit seiner Aussage: „Es braucht Zeit.“ Genau diese scheinen viele Autofahrer am Mittwochmorgen (21.04.2020) nicht zu haben. Die persönliche Beobachtung: Von zwölf Autos missachten sieben diese neue Einbahnregelung in der Senefelderstraße, die meisten reduzieren nicht einmal die Geschwindigkeit. Wer dort als Radler auf Vorrang und somit neue Freiheiten hofft, fährt gefährlich.

Leser Thomas Hesse wollte sich „nach Ihrem interessanten Zeitungsartikel“ die neue Verkehrsführung auf dem Weg zur (Heusenstammer) Stamm-Metzgerei ansehen. Er schreibt: „Als ich dort Richtung Süden im neu angegrenzten Bereich zwischen Humboldt- und Birkenlohrstraße entlang radele, kommt mir trotzdem ein Auto entgegen, komisch. Also radel ich auf der Senefelderstraße zum Odenwaldring weiter. Kurz vor der Kreuzung kommen mir hintereinander zwei flotte Kraftfahrzeuge entgegen. Na, dann schau ich mich doch mal um, ob sie an der Busschleuse entsprechend der Verkehrszeichen links oder rechts abbiegen. Aber das war wohl nichts, beide ignorieren mal kurzerhand das Sperrschild und fahren geradeaus. Auch hier würden wir uns doch die zum Thema Corona so hoch gelobte Einsichtsfähigkeit und Disziplin der handelnden Menschen wünschen.“

Es gibt naturgemäß andere Sichtweisen, wie ein Blick auf die Kommentare unserer Internetseite (‹ www.op-online.de) zeigt. So findet Nutzer mantruck: „Die grünen bzw. umweltfreundlichen Gedankengänge müssten doch einmal auf ihre Auswirkungen hin überprüft werden, um - objektiv gesprochen - Unsinn zu vermeiden!“ Hingegen schreibt HypoRheal: „Ich bin erstaunt und überrascht, dass die Stadt zu einem solchen, konsequenten Schritt bereit ist und ihn auch umsetzt. Meinen Respekt für diese Entscheidung, ich halte sie für richtig und notwendig.“

Mit Freude registriert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), dass es beim Fahrradstraßen-Projekt weitere Fortschritte zu beobachten sind. „Gut umgesetzte Fahrradstraßen können das Radfahren deutlich leichter und angenehmer machen.“

Die lokale Gruppe ist jedoch nicht von den Monitoring Ergebnissen der Hochschule Darmstadt überrascht, dass der Kfz-Verkehr nach der Errichtung der Fahrradstraße in der Senefelderstraße sich nicht reduziert oder verlangsamt hat. „Es ist für uns auch nicht verwunderlich, dass sich viele Radler dort unsicher fühlen, wenn mehr als die Hälfte der Kraftfahrzeuge in der Straße schneller als erlaubt fährt.“

Die sogenannte Busschleuse sei gut und richtig, aber sie könne nur ein Baustein sein. In einer Mitteilung schreibt der ADFC: „Fahrradstraßen sind nur dann sinnvoll, wenn sie als spezifische Führungsform des Radverkehrs klar und eindeutig erkennbar ist. Ferner ist von zentraler Bedeutung, dass in Fahrradstraßen kein durchgehender Autoverkehr ermöglicht wird und sie gegenüber den einmündenden Straßen und an Kreuzungen Vorrang erhalten. Um Kfz-Durchgangsverkehre in Fahrradstraßen zu unterbinden, sind bauliche Sperren gut geeignet.“

Damit richten sie den Blick weg von der Senefelder- und hin zur Taunusstraße. Im Nordend sei zu beobachten, dass bei der bisher existierenden Fahrradschleuse die Einbahnstraßenregelung für den Autoverkehr vielfach missachtet wurde und die Fahrradschleuse regelmäßig zugeparkt wurde. „Um die Fahrradstraße in der Taunusstraße erfolgreich zu gestalten, müssen solche Probleme von Beginn an angegangen und verhindert werden.“

VON MARTIN KUHN

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