Einst der größte Arbeitgeber

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Auf großes Interesse stieß ein Modell im Chemie-Museum, das den Industriepark an der Kettelerstraße in seiner Blütezeit zeigt. Fotos:

Offenbach - Die Offenbacher Chemieindustrie ist ein abgeschlossenes Kapitel der Stadtgeschichte. Nur ein kleines Werksmuseum auf dem Alessagelände an der Mainstraße zeugt noch davon, dass von hier einmal bahnbrechende chemische Entwicklungen ausgegangen sind. Von Lothar R. Braun

Und dieses Museum wird nun ebenfalls demontiert. Am Samtag konnte man es noch einmal besichtigen. Danach verschwindet es vorerst im Depot des Hauses der Stadtgeschichte. Die Alessachemie hat ihr kleines Museum der Stadt geschenkt. Dazu übernimmt Alessa sogar die Umzugskosten.

Mehr noch: Als die Stadtverordnete Grete Steiner und Dr. Jürgen Eichenauer, der Leiter des Hauses der Stadtgeschichte, das Geschenk am Samstag in Empfang nahmen, wurde ihnen auch eine persönliche Gabe zuteil. Almuth Poetz, die Geschäftsführerin der Alessa-Chemie, überraschte sie mit je einem Laborkittel samt Schutzbrillen. Das soll sie rüsten für den Umgang mit gefährlichen Stoffen. Die Besucher im prall gefüllten Saal beklatschten es.

Das Haus der Stadtgeschichte erhält mit dem Alessa-Geschenk eine informative Bereicherung. Bebilderte Schautafeln berichten über die Geschichte des Werks und seiner Produkte, über Verfahrenstechniken und Weltmarkterfolge. Ein Labortisch mit Laborgeräten illustriert, etliche Produktproben und Produktionsgerätschaften informieren. Sie veranschaulichen einen wichtigen Zweig der industriellen Vergangenheit der Stadt, sagte Eichenauer.

Grete Steiner erkennt in den Exponaten einen Beitrag zur Stärkung des Offenbacher Wir-Gefühls. Mit ihnen könne vor allem die jüngere Generation angesprochen werden: „Ohne Kenntnis der Vergangenheit kein Verständnis für die Gegenwart.“

Die Museumsübergabe war in die Veranstaltungen der „Tage der Industriekultur“ eingebettet. Das gewährte der Kunsthistorikerin Christina Uslular-Thiele ein ungewöhnlich großes Publikum, als sie anschließend über die Geschichte dieses Chemiewerks referierte. Seinen Anfang nahm es mit jenem Dr. Ernst Sell, der in den 1840er Jahren eine einsam gelegene Ziegelei zwischen Offenbach und Bürgel erwarb, um fortan dort chemische Produkte herzustellen. Aus der Ziegelei wurde die Geburtsstätte der Anilinfarben.

1850 übernahm Karl Oehler das Unternehmen. Als 1905 die „Chemische Fabrik Griesheim-Elektron“ es übernahm, hatte es bereits eine weltweite Bedeutung erlangt. Mit Griesheim fand sich das Werk 1925 im Verbund der IG Farbenindustrie. Als die Alliierten diesen Konzern nach 1945 zerlegten, entstand aus dem Offenbacher Werk die „Napthol-Chemie Offenbach“, die wieder einige Jahre später in die Hoechst AG einbezogen wurde. Offenbach wurde ein Hersteller von Grundstoffen für die erfolgreiche Trevira-Faser.

Das Finale begann mit der Zerlegung der Hoechst AG. Nun folgten Namen, an die Offenbach sich nie so recht gewöhnte. Der Schweizer Konzern Clariant übernahm 1997 das Offenbacher Areal aus dem Hoechst-Erbe samt dem Fechenheimer Cassella-Werk. Die Alessa-Chemie produzierte an der Mainstraße Druckerschwärze, eine Invista & Fibres GmbH Vorstufen für Sicherheitsgurte und Airbags. In der ersten Jahreshälfte 2010 endete auch das nach allmählichem Siechtum.

Heute erinnert nur noch die Größe des Areals daran, dass hier einmal Offenbachs größter Arbeitgeber stand. Kessel, Tanks und Rohrbrücken sind nach China verkauft oder verschrottet. Die Reste behütet eine Sicherheitsfirma bei Tag und Nacht vor Diebeshänden.

Das letzte Wort am Samstag hatten Christina Uslular-Thiele mit einer baugeschichtlichen Führung durch das Verwaltungsgebäude und dann der Dozent Winfried B. Sahm mit einer Lyriklesung des Titels „Das allerwichtigste ist die teure, furchtbar gefährliche Salzsäure“. Beide sind Dozenten der Volkshochschule. Das mag erklären, warum am Samstag vor dem Eingang des ehemaligen Chemiewerks die Fahne der Volkshochschule irritierte.

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