Langer Atem, kurze Weile

Eintrag ins Goldene Buch für Buchpreisträger Frank Witzel

+
„Ach so, das soll Frank Witzel heißen?“ Oberbürgermeister Horst Schneider kann den Eintrag des mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Schriftstellers im Goldenen Buch der Stadt Offenbach zwar nicht lesen – freut sich aber ebenso wie EVO-Vorstandsvorsitzende Heike Heim auf die Lesung aus dessen Roman.

Offenbach - In der deutschen Literaturszene ist Frank Witzel inzwischen sehr bekannt – in Offenbach kann er immer noch unerkannt ausgehen. Um ihn der Öffentlichkeit zu präsentieren, empfing die Stadt den Träger des Deutschen Buchpreises in der Alten Schlosserei, wo er sich in ihr Goldenes Buch eintrug. Von Markus Terharn 

Der Witzel-Wälzer ist etwa so dick, wie sein Titel lang ist: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Heike Heim, Vorstandsvorsitzende der Energieversorgung Offenbach, nannte ihn nicht, „weil ich mir sicher bin, dass Sie ihn alle hervorragend memoriert haben“, witzelte die Gastgeberin. An die 200 Interessenten folgten der Einladung von Stadt und EVO in deren Alte Schlosserei. Wo früher allenfalls Bedienungsanleitungen und Pin-up-Poster studiert wurden, galt’s am Mittwochabend der Epik. Heim bemühte kühne Vergleiche: Witzels „Erfindung“, als beste literarische Neuerscheinung 2015 mit dem Deutschen Buchpreis gewürdigt, erkläre die alte Bundesrepublik wie Uwe Tellkamps „Turm“ die DDR oder Günter Grass’ „Blechtrommel“ das Deutschland der NS-Zeit. Ihre Meinung: „Man erkennt sich darin wieder!“

Lesen Sie dazu auch:

Frank Witzel: Prophet gilt in der Stadt

Frank Witzel erhält den Deutschen Buchpreis 2015

„Offenbach hat wunderbare Menschen: Olympiasieger, Deutsche, Europa- und Weltmeister“, so Oberbürgermeister Horst Schneider. „Aber einen Buchpreisträger hatten wir noch nicht.“ Die Ehrung sei an einen bekanntermaßen Unbekannten gegangen, sagte der Rathauschef. Unter starkem Beifall gratulierte er dem Gewinner „dieses tollen, großen Preises“, der damit den Überraschungserfolg des Jahres gelandet habe. Die Auszeichnung sei „unbestreitbar gerechtfertigt“, meinte Schneider und zitierte die Juroren-Formulierung vom „im besten Sinne maßlosen Romankonstrukt“. In seiner Laudatio erinnerte er daran, dass der auch als Künstler und Musiker hervorgetretene Witzel 2012 den Robert-Gernhardt-Preis für die Fortsetzung seiner Mammutarbeit erhalten habe. Den Offenbachern (und sich selbst) empfahl er die Lektüre der vorangegangenen Romane „Bluemoon Baby“ und „Revolution und Heimarbeit“. Als ein „Generationsmitschwimmer“ und „Spät-68er“ habe er den „Deutschen Herbst“ 1977 gut im Gedächtnis. Der RAF-Terror sei prägend für die westliche Republik gewesen.

Schneider dankte Organisatoren (Stadtbücherei, Haus der Stadtgeschichte, Steinmetz’sche Buchhandlung, Buchladen am Markt, BuchRabe) und Sponsoren (EVO, Sparkasse, Kulturmanagement, Wirtschaftsförderung). Und schritt zum offiziellen Höhepunkt: Auf antikem Mobiliar, im Depot des Stadtmuseums von der neuen Kuratorin Katja M. Schneider entdeckt, trug sich Witzel in Offenbachs Goldenes Buch ein. Und ergriff endlich selbst das Wort, als dessen Meister er sich gezeigt hatte. „Ich darf mich ganz herzlich bedanken für die wunderbaren Worte, derer ich mich kaum würdig erweisen kann. Aber ich versuche es trotzdem!“ Dabei half Moderator Klaus Walter, der Witzel seit gut 15 Jahren kennt, zehn Jahre „Rücken an Rücken“ (Friedrichstraße und Karlstraße) mit ihm gewohnt und zusammen mit ihm sowie Thomas Meinecke zwei Bücher verfasst hat.

Fakten zur Buchmesse 2016 in Frankfurt

Zurück aus Leipzig und vor Lesungen in Düsseldorf und Freiburg hatte Witzel seinen ersten öffentlichen Auftritt in der Stadt, in der er wohnt. „Da kann ich wenigstens hier schlafen“, war sein trockener Kommentar. Wieso er 15 Jahre für den Roman gebraucht habe? „Ich habe ja nicht von morgens bis abends daran gesessen“, stellte Witzel klar. Es seien auch nicht 139 Verlage gewesen, die das Manuskript abgelehnt hätten, sondern „nur“ 39. Dennoch habe er mehrmals fast aufgegeben und an kleinere Formen gedacht, „Haiku oder sowas“. Sinn für Humor bewies der just 60 Gewordene nicht nur im Zwiegespräch, sondern auch im Vortrag zweier Passagen aus seinem Bestseller. Der offenbarte langen Atem ebenso wie Talent zur Kurzweil. Davon vermochte der Verfasser all jene zu überzeugen, die im Anschluss den Band erwarben – und ihn sich gleich signieren ließen.

Kommentare