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Aprilscherz: Eintrittsgeld für Wilhelmsplatz

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Gar nicht glücklich über seine zusätzliche Aufgabe: Aber als Pächter einer Stadt-Immobilie hat Markthaus-Wirt Jörg Münch auch öffentliche Aufgaben. So muss er heute die für 2009 geltenden Markt-Marken verkaufen.

Offenbach - Der Offenbacher Wochenmarkt gilt als der schönste und beste weit und breit. Nun soll sich der glänzende Ruf in barer Münze auszahlen: Ab sofort müssen Einkäufer eine Art Eintrittsgeld entrichten. Wer Obst, Gemüse, Fleisch, Brot oder sonst etwas an einem der 85 Stände erwerben möchte, braucht ab Freitag, 3. April, eine Tageskarte. Von Alexander Koffka

Die gibt es in Form eines ein Euro teuren und für einen Markttag gültigen Aufklebers, der gut sichtbar zu tragen ist. Alle Marktbeschicker sind verpflichtet, die Aufkleber im Auftrag und auf Rechnung der Stadt zu verkaufen. Zudem sind hochwertige und dekorative Buttons erhältlich, die ein Jahr gültig sind und 25 Euro kosten. Zum Auftakt gibt es die Jahreskarte heute zwischen 10 und 11 Uhr im Markthäuschen zum Vorzugspreis von 20 Euro - auf Wunsch handsigniert von Horst Schneider.

So sehen sie aus: die Markt-Marken für 2009.

Der Oberbürgermeister wird heute Vormittag die Buttons persönlich verkaufen und um Verständnis für die Aktion werben. Er rechne aber nicht mit großem Protest. Eher fürchtet er, dass einige die Gelegenheit nutzen werden, ihm wegen der gefällten Kastanien noch einmal die Meinung zu sagen.

„Wir machen aus der Not eine Tugend und erproben eine ganz neue Form der Bürgerbeteiligung“, rechtfertigt Schneider den ungewöhnlichen Obolus. Ohne Beitrag der Marktkunden, die aus der ganzen Region nach Offenbach kämen, sei es nicht möglich, den Wilhelmsplatz in der gewünschten Weise umzubauen. „Wir müssen all jene an den Infrastrukturkosten beteiligen, die von unserem wunderbaren Wilhelmsplatz profitieren.“ Das gehe am besten mit dem „Wilhelm-Soli“. Ziel sei es, trotz eines strukturell unterfinanzierten Haushalts in eine nachhaltige Aufwertung des innerstädtischen Juwels zu investieren.

Wie berichtet, hat im März die Wirtschaftskrise die Suche nach einem Investor scheitern lassen, der den Wilhelmsplatz umbauen sollte. Im Gegenzug hätte die Firma die Parkplätze auf der südlichen Hälfte des Platzes 15 Jahre bewirtschaften dürfen. „Leider geben die Banken kaum noch Kredite, so dass sich kein Betreiber gefunden hat, der den Umbau übernimmt.“

Mit 2,8 Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm will die Stadt den Wilhelmsplatz nun in Eigenregie umbauen. „Leider lehrt die Erfahrung, dass es immer viel teurer wird als geplant, wenn wir als Stadt etwas bauen“, räumt Schneider selbstkritisch ein. Zudem reichten die Mittel zwar, um das Pflaster zu erneuern und alle Marktstände mit Strom- und Wasseranschlüssen auszustatten. „Wir wollen aber mehr tun - zum Beispiel einen repräsentativen Brunnen in der Platzmitte installieren.“ Dafür sei man auf den Beitrag der Bürger angewiesen. Eine jährliche Einnahme von 100 000 Euro erwartet Schneider durch den Wilhelm-Soli, der bis auf weiteres erhoben werde. Angesichts von rund 200 000 Besuchern sei das konservativ kalkuliert.

Zumal Schneider darauf setzt, dass viele ihre Verbundenheit mit dem Platz dokumentieren und eine „Wilhelmsplatz-VIP-Nadel“ für 100 Euro erwerben werden. Auch sie dient als Jahreskarte für den Marktbummel, sieht aber deutlich schicker aus als der Button und weist den Träger als engagierten Offenbacher aus, dem seine Stadt lieb und teuer ist.

„Auch Frankfurter, die nur gelegentlich kommen und einen Euro entrichten, leisten einen Beitrag zur Aufwertung“, sagt Schneider. Er gehe davon aus, dass alle Kunden gerne und freiwillig mit der kleinen Geste „helfen, Offenbach nach vorne zu bringen“. Allerdings haben sich alle Marktbeschicker verpflichtet, Kunden ohne Ticket nichts mehr zu verkaufen. „Wer sich nicht daran hält, riskiert den Verlust seines Standplatzes - da greifen wir rigoros durch“, kündigt der für den Markt zuständige Amtsleiter Jürgen Amberger an. Ordnungsamts-Chef Peter Weigand will Hilfspolizisten in zivil als Test- käufer losschicken. „Dafür nehmen wir sogar in Kauf, dass wir weniger Knöllchen schreiben - das ist uns der Wilhelmsplatz wert.“ 

Stimmen zum Willi-Soli

Was halten Sie von der neuen Einnahmequelle der Stadt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung oder beteiligen Sie sich an einer Online-Umfrage unter www.op-online.de! Einige Prominente haben wir bereits um eine Einschätzung gebeten: Gerhard Grandke, Alt-OB und Präsident des Sparkassenverbandes: „Ich kommentiere grundsätzlich nicht, was mein Nachfolger treibt. Aber die 100 Euro für so eine Ehrennadel mache ich schon locker.“ Hans-Rudolf Diefenbach, Rosen-Apotheker: „Diese Stadtregierung mit OB Schneider an der Spitze schafft es noch, einen funktionierenden Markt zu zerstören. Die Zwangsabgabe für Einkäufer ist ein weiterer Schritt auf einem verhängnisvollen Weg.“ Barbara Levi-Wach, Aktivistin der Lokalen Agenda: „Wir freuen uns, wenn die Stadt mehr Wert auf Bürger-Beteiligung legt. Es wäre aber schön, wenn sie dieses Prinzip nicht nur beim Geldeinsammeln beherzigte.“ Ulrich Fried, Vorsitzender Bund der Steuerzahler Hessen: „Die Getränkesteuer ist noch nicht ganz abgeschafft, da denken sich die unverbesserlichen Offenbacher die nächste Zwangsabgabe aus.“ Peter Freier, CDU-Fraktionschef: „Ein weiteres Armutszeugnis für die phantasielose Stadtregierung, der nichts einfällt, als Bürgern in die Taschen zu greifen.“

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