Steinerne Zeugnisse

Einweihung unter Polizeischutz

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Das Denkmal im Leonhard-Eißnert-Park stifteten Veteranen des Großherzoglich-Hessischen Infanterieregiments 168.

Offenbach - Wer regelmäßig den Alten Friedhof besucht, wird keinen Blick mehr haben für das Gräberfeld gleich hinter der Trauerhalle. Von Lothar R. Braun 

Mit Pultsteinen gedeckte Gräber umgeben ein rechteckiges Tempelchen, das der Bildhauer Karl Huber nach Entwurf des Ledermuseum-Gründers Hugo Eberhardt schuf. Mit diesem Denkmal ehrte die Firma Griesheim Elektron, ehedem Chemische Fabrik Oehler, 1918 ihre gefallenen Betriebsangehörigen. Die Gräber indes nahmen vorwiegend in Lazaretten gestorbene Soldaten des Ersten Weltkriegs auf.

Am Beginn der ersten Gräberreihe ist das des Leutnants Hans Voss. Er starb 25-jährig wenige Tage vor dem Waffenstillstand von 1918. Auf ihn blickt das monumentale Denkmal herab, mit dem der Turnverein Offenbach seit 90 Jahren seine Toten ehrt. Das alles überragt ein Birkenkreuz mit Blumen und Lichtern am Sockel. Alle diese Zeichen wollen Väter, Söhne und Brüder ehren, um die mittlerweile niemand mehr weint. Internationales Recht sichert ihnen die dauerhafte Unversehrtheit ihrer letzten Ruhestätte. Eine Narbe, die sichtbar bleibt, wenn der Schmerz vergangen ist.

Von 1939 bis 1945 überlagert

Die ehemals selbstständigen Gemeinden und heutigen Stadtteile gedenken auf ihren Friedhöfen der Gefallenen.

In den Blick gerät sie jedoch wieder durch die Flut von Büchern, Essays und Ausstellungen, die daran erinnern, dass vor 100 Jahren begann, was Franzosen und Briten noch immer den Großen Krieg nennen. In Deutschland hatte ihn der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 überlagert. Er entzog die Erinnerungen an die vor einem Jahrhundert entbrannte Katastrophe der Beachtung. Nur als schmückende Parkmöblierung wird denn auch das Denkmal im Leonhard-Eißnert-Park wahrgenommen. Dabei hat es eine lebhafte Geschichte. Sie begann im Frühjahr 1924, als Veteranen des Großherzoglich-Hessischen Infanterieregiments 168 bei einem Treffen in Offenbach die ersten 16 Mark für ein Denkmal zu Ehren ihrer insgesamt 9769 toten Regimentskameraden einsammelten. Das Regiment war von 1897 bis 1918 mit dem 1. und dem 2. Bataillon, dem Stab und der Regimentskapelle in Offenbach stationiert. Das dritte Bataillon war in Butzbach kaserniert.

Was aus der Denkmalidee wurde, kostete schließlich 28.000 Mark: ein grauer, offener Rundbau mit acht Pfeilern um einen Weihestein mit Opferschale. Der Stein trägt das großherzogliche Wappen mit Krone, die Inschriften sind verwittert, die Opferschale ist verschwunden. Gestaltet hat das der Architekt Hugo Eberhardt, ohne den damals in Offenbach kaum etwas entstand, die Ausführung besorgte der Bildhauer Ernst Unger. Im August 1924 wurde der Grundstein gelegt. Zur Einweihung kam es jedoch erst am Pfingstfeiertag 1926.

Auf dem Alten Friedhof: Soldatengräber vor dem Ehrenmal der Firma Messer-Griesheim, Stelen des Turnvereins und der jüdischen Gemeinde.

Sie vollzog sich unter dem Schutz eines gewaltigen Polizeiaufgebots. Man musste mit Unruhen rechnen. Kräfte der politischen Linken und anders gefärbte Pazifisten nahmen Anstoß an dem, was sie als verklärende Heldenverehrung erkannten, als revisionistisches Säbelrasseln, als Orgie eines militanten Nationalismus. Eingemeißelte Inschriften nährten die Missbilligung. Vier schwarz-weiß-rote Fahnen, bereits am Vorabend der Einweihung aufgezogen, gingen in der Nacht in Flammen auf. Bevor die Gäste kamen, musste eine nachts aufgetragene Aufschrift mit der Parole „Nie wieder Krieg!“ beseitigt werden. Linke Organisationen drohten zudem Geschäftsleuten mit Boykott, wenn sie dem ergangenen Aufruf zum Beflaggen ihrer Häuser folgten.

Einweihung ohne Vertreter des Magistrats

Die Einweihung geschah dann auch ohne Vertreter des Magistrats. Die Menge der Festgäste hörte Reden, die heute befremden würden. Das sollte sich steigern, als 1933 über Offenbach das Hakenkreuz aufgegangen war und der Park auf dem Bieberer Berg den Namen Adolf-Hitler-Park trug. Dann wurde der traditionell im November begangene Volkstrauertag als „Heldengedenktag“ in den März verlegt und mit Aufmärschen am Denkmal begangen. Durchgängiger Tenor der Totenehrung war die Losung: „Und Ihr habt doch gesiegt!“

Ein Gegenstand lebhafter Debatten wurde das Denkmal wieder in den 1980er Jahren. Um die 50 000 Mark hatte der Magistrat aufgewendet, um von Eberhardts Mahnmal Bewuchs und Bemalung der Jahrzehnte entfernen zu lassen. Freunde und Gegner dieser Renovierung überschütteten die Offenbach-Post mit Leserbriefen. Besonderen Anstoß erregte die wieder lesbar gewordene Inschrift: „Wer den Tod im heiligen Kampfe fand, ruht auch in fremder Erde im Vaterland.“ Weniger schrill als in Offenbach erscheint die Geschichte der Gedenkstätten auf den Stadtteil-Friedhöfen. Sie legten vor allem Wert auf das Nennen der Namen gefallener Mitbürger. So verhält es sich auch mit der Tafel auf dem jüdischen Teil des Alten Friedhofs. Sie nennt die Namen der Offenbacher Juden, die zwischen 1914 und 1918 als deutsche Soldaten ums Leben kamen, für Kaiser und Vaterland. Die Tafel war einst im Gemeindehaus an der Synagoge in der Goethestraße angebracht. Dass sie die Tilgung alles Jüdischen überstanden hat, grenzt an ein Wunder.

Schlicht und schwer zu finden ist die Gedenkstätte auf dem Bürgeler Friedhof. Buchsbaum grenzt eine Sandstein-Stele und elf Grabplatten ein, auf denen die Namen sich nicht mehr entziffern lassen. Ins Auge fällt dagegen die Anlage auf dem Friedhof von Bieber. Das Denkmal trägt die Aufschrift: „Sie kämpften, bluteten und starben für uns.“ Dann werden die Toten aufgelistet, unter denen die große Zahl der Namensträger Bauer und Bergmann auffällt. Zwei Gräberreihen fangen den Blick, weil jeden ihrer Grabsteine ein Eisernes Kreuz aus Stein krönt. Ein Toter aus dem Jahr 1918 ruht dort neben einem Toten von 1944. Wie die zweite Katastrophe des Jahrhunderts mit der ersten zusammenhängt, lässt sich kaum sinnfälliger darstellen.

Rumpenheim schließlich fällt dadurch auf, dass es seine Gedenkstätte in den 30er Jahren mit der Skulptur einer Trauernden schmückte. Sie ist, so sagt eine Inschrift, „den Helden“ gewidmet, deren Namen auf vier in den Boden gebetteten Platten genannt sind. Jede Tafel fasst einen Sterbe-Jahrgang zusammen, von 1915 bis 1918. In den Kriegsmonaten des Jahres 1914 musste demnach noch kein Soldat aus Rumpenheim sterben. Die verwitternden Namen auf all diesen Gedenkstätten sind letzte Spuren eines industrialisierten Massensterbens, das vor 100 Jahren begann. Sie gewinnen an Frische bei dem Gedanken daran, dass dieses Geschehen die Zeitläufte bis heute bestimmt hat.

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