Das Herz der Stadt pulsiert wieder

Offenbach - Baumfällung, Pflasterauswahl, Standaufteilung, Parkplatzreduzierung. Die ganze Aufregung um die Neugestaltung des Wilhelmsplatzes hat sich gelegt. Man darf’s so formulieren: Die Offenbacher haben ihren Platz wieder lieb gewonnen. Von Thomas Kirstein und Martin Kuhn

Kürzlich, als der laue Abend zum Verweilen vorm Lokal einlädt, formuliert ein Gast aus der Hauptstadt, der am Main aufgewachsen ist: „Das habt ihr aber schön hinbekommen. “ Dieser vielleicht notwendige Abstand, um etwas gut zu finden, fehlt dem einen oder anderen Offenbacher.

Am Samstagmorgen weiht die Stadt offiziell ein, was die Kunden und Gäste seit Wochen bestens annehmen – den Wilhelmsplatz, der für 1,7 Millionen Euro neu gestaltet wurde - Seitenstraßen nicht inbegriffen. Gefeiert nicht mit Festakt, sondern mit appetitlichen Häppchen. Es drängt sich in der neuen Mitte, derFreifläche für allerlei Aktivitäten. Am Samstag gibt es Perlwein und Negerküsse, Riechprobe und Blumengebinde. Und die „W 11“, also die Rosenapotheke verkauft nicht – was eigentlich nahe liegt – das Symbol von Liebe, Freude und Jugendfrische, sondern „Offenbacher Pflastersteine“ in Erinnerung an den ehemaligen Platzbelag; süße Leckerei für einen Euro und einen guten Zweck.

Bilder von der Party

Einweihung des Wilhelmsplatzes

Obwohl vielen nur der Sinn nach dem Wochenend-Einkauf steht, richtet Oberbürgermeister Horst Schneider das Wort an alle. Um das „Herzstück unserer Heimatstadt“ zu würden – und natürlich die Verwaltungs-Mitarbeiter, die das alles geplant und geformt haben. Dafür ernten sie nun ihren Applaus. Danach ruft Schneider zum bürgerlichen Ungehorsam auf: „Stoppen Sie die Autofahrer, die zu schnell fahren und die Kastanien zustellen. Machen Sie es, wie ich vor fünf Minuten: Machen Sie sich zum menschlichen Hindernis.“ Was offenbar schwer zu vermitteln ist: Rund um den Wilhelmsplatz herrscht „Tempo 6“. Ob Kontrollen helfen sollen, lässt der Verwaltungschef offen, kündigt abert noch einige kleine, bauliche Ergänzungen an: „Der eine oder andere Poller fehlt noch.“

Das alles spielt dann am Abend keine Rolle mehr. Der Platz wird zur Partymeile. Drei Bands räumen, mit stimmungssteigernder Tendenz, ab. Neue Deutsche Welle mit „Knutschfleck“ aus Aschaffenburg amüsiert zum Auftakt; die „Komm’ Mit, Manns“ aus Dortmund begeistern mit stimm- und gebläsegewaltigem Soul; die Frankfurter „Madhouse Flower“ setzen mit modernen Rock den krachenden Schlusspunkt - spätestens dann tobt im engen Gedrängel vor der Bühne die Party, zu der die Stadt geladen hat.

Trostpflaster für die Umbauphase

Sie hat die Veranstaltung auch bezahlt. 11.000 Euro kostet der Spaß, den geschätzte 3000 Gäste zum Nulltarif genießen. „Vom Publikum her genau die sehr gute Mischung, wie wir sie in Offenbach brauchen“, sagt Stadtsprecher Matthias Müller. Mit dem Abend wird das vor zwei Jahren gegebene Versprechen eingelöst, den Wirten des Wilhelmsplatzes ein Trostpflaster für die während der Umbauphase zu ertragenden Nachteile zu spendieren. Es füllt die Kassen der Gastronomen, die ihre Schankstände auf dem Platz aufgebaut und schon früh keinen freien Sitzplatz mehr zu bieten haben.

Sie sind entsprechend zufrieden. Stefan Klemisch vom „Beau d’Eau“ spricht für alle beteiligten Kollegen, wenn er sich über ein schönes Bonbon, ein gutes Extra-Geschäft“ freut. Ganz zu schweigen von der Werbung für den Wilhelmsplatz. „Wir sind heilfroh, dass hier was umgesetzt wurde, was funktioniert“, sagt Klemisch über die Neugestaltung. Die Gäste haben sich wohl schneller auf die neue Parksituation eingestellt, als die Wirte angenommen hatten.

Forderung nach einer Wiederholung

Jetzt stellt sich den Lokalbetreibern die Frage, wie es weitergehen kann mit der Nutzung der inzwischen auch zu ihrer Freude hälftig autofreien Fläche. Denn unter Berücksichtung der noch bevorstehenden traditionellen Feste ist das Kontingent für größere Freiluftveranstaltungen Ende Mai eigentlich schon ausgeschöpft.

Den Menschen, die den Wilhelmsplatz nicht nur besuchen, sondern die dort wohnen, soll schließlich nicht zu viel zugemutet werden. Wie nicht anders zu erwarten und einige wenige Anrufe beim Ordnungsamt belegen, haben die Rock-Dezibel des Samstags nicht jeden begeistert. „So laut kann’s hier nur zwei oder dreimal im Jahr werden“, meint Matthias Müller, „da muss man mit Fingerspitzengefühl eine klare Regelung finden, die eine Berechenbarkeit für die Anwohner bringt.“

Von der Party ist er, wie wohl alle Besucher auch, restlos begeistert. Die Forderung nach einer Wiederholung im kommenden Jahr war mehrfach zu hören. „Vielleicht kommt’s wie beim Lichterfest, das ja ursprünglich eine einmalige Veranstaltung sein sollte“, sagt Michelle Latzke vom Presseamt. Ihr oberster Chef träumt schon von einem mehrtägigen Wilhelmsplatz-Festival. Einen „Tag mit Auftritten von Chören, einen Abend mit Musik in den Lokalen, ein Open-Air-Konzert“ kann sich Oberbürgermeister Horst Schneider vorstellen.

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