Widerstände, Steckrelais, Motorkohlen und mehr

Elektronik-Rösler: Ein Stück Offenbach schließt für immer

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So kennen und schätzen viele Offenbacher Gert Rösler. Ein Kunde hat ein bestimmtes Bauteil extra mit der Handy-Kamera aufgenommen und zeigt es ihm. Der 70-Jährige runzelt die Stirn, überlegt und schüttelt bedauernd den Kopf: „Haben wir nicht mehr, leider...“

Offenbach - Widerstände, Steckrelais und Motorkohlen: Es gab eigentlich nichts, was Elektronik-Rösler nicht hatte. Viele Offenbacher nannten Gert Rösler liebevoll nur den „Herrn der 5000 Holzschubladen“. Damit ist endgültig Schluss. Von Martin Kuhn 

Am 31. Juli öffnet der heute 70-Jährige letztmals den Laden in der Großen Marktstraße 46. Kundentenor: „Schade, sehr schade...“. Eine Kohlebürste mit isoliertem Kabel und Öse? Eine Sammelbox für 3,5-Zoll-Disketten? Ein S/FTP-Patchkabel? Ein Zeilentrafo für alte Röhrenfernseher? Oder noch etwas Spezielleres für die Tüftler, Bastler, Elektro-Puristen, die lieber an alten Platinen selbst löten, als industrielle Massenprodukte beim Discounter zu erstehen. Mitunter hat sich Gert Rösler nur kurz die Brille zurecht geschoben. Dann ist er in die weit verzweigten Lagerräume entfleucht, um nach geraumer Zeit wieder am Tresen aufzutauchen. Eigentlich immer freudestrahlend: „Da haben wir’s...“ Das werden treue Kunden ab Samstag vermissen. Einen Tag vorher, am 31. Juli, ist definitiv Schluss: Um 10.30 Uhr gibt’s ein Gläschen Sekt für Kunden, um 11 Uhr schaut der Oberbürgermeister vorbei.

Eine echte Rarität, mittlerweile unverkäuflich: Bausatz für die „Kojak-Sirene“.

Da klingt Wehmut mit, zumindest bei Gert Rösler, seinen beiden Kindern Ralph und Rosi, bei Schwiegersohn Stefan Duvier. Es fehlt jemand: Karin Rösler, die stets an der Seite ihres Mannes hinter dem Tresen stand. Sie ist völlig überraschend im April gestorben. Ihr Tod hat das Ende des traditionsreichen Ladens lediglich beschleunigt: Geplant war die Schließung erst für das kommende Frühjahr. Eine Übergabe des Geschäfts ist intern und extern gescheitert; die Kinder haben sich zu den Sparten Betriebswirtschaft und Software orientiert. Ein anderer Händler fasst es treffend: „Wer will sich denn heute noch von morgens bis abends in einen Laden stellen, um zu hören: ,Sie sind meine letzte Rettung’? Nur Idealisten. Und die sterben langsam aus!“ Im Internet erinnern sich etliche wehmütig an die Zeiten, als die Familie Rösler in ihren diversen Schubladen und Kästchen suchte: „Wir haben dort vor 40 Jahren die Kippschalter für die ersten selbstgebauten Lautsprecherboxen gekauft.“ „Ich war letzte Woche nochmal bei ihm, habe Glühbirnchen für eine alte Braun-Stereoanlage gesucht – und gefunden.“ Wer den Laden betritt, wähnt sich in einer Zeitschleife: Die Einrichtung hat sich eigentlich nie groß verändert, hinzu gekommen ist lediglich reichlich Patina; und irgendwann Mitte der 1990er Jahren ein Eisengitter an der Ladenfront. „Einbrecher hatten die Fensterscheibe eingeworfen und allerlei Messgeräte mitgehen lassen“, erinnert sich Gert Rösler an ein damals böses Erwachen.

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Es gab freilich freudigere Momente. Ewig in Erinnerung bleibt wohl die Schwangere, deren Fruchtblase an der Eingangstür platzte, „angeblich weil der Mann in unserem Geschäft so lange warten musste“, so Rösler mit einem strahlendem Gesicht. Es reiht sich ebenso in die Firmenhistorie wie die Vitrine, die inzwischen unverkäufliche (Elektronik-) Schätze beherbergt. Gegründet wurde übrigens das Unternehmen „Radio Rösler“ 1933 in Tannwald/Tschechien von Josef Rösler. Für 1946 ist die Anmeldung des Geschäfts an der Herrnstraße notiert, 1951 folgte die Umfirmierung in „Elektronik Rösler“ und 1962 der Umzug an die heutige Adresse. 1978 schließlich übernahm der gelernte Elektriker Gert Rösler das Geschäft von seinem Vater.

„Ich habe immer gern im Laden gestanden“, erzählt der 70-Jährige, dem das Stehen allerdings nicht mehr so leicht fällt. Vielleicht zuckt der eine oder andere Kunde – Frauen sind da tatsächlich die Ausnahme! – etwas zusammen, wenn er am Freitag zum Abschied vorbeikommt. Röslers rechter Arm liegt auf einer gepolsterten Schiene. „Die Schulter...“ Ansonsten spürt er in den vergangenen Jahren vor allem die Konkurrenz aus dem weltweiten Datennetz: „Die Leute schauen dort, was Teile kosten, und wollen den Preis drücken.“ Wenig motivierend... Seit der „Ausverkauf“ am Fenster angeschlagen ist, strömen jedoch erstaunlich viele neue Gesichter in die Große Marktstraße 46. Man darf’s als Schnäppchen-Mentalität bezeichnen. Die Novizen sind leicht erkennbar: Sie fragen nach Dübel, Schrauben, Fenster. „Unglaublich“, findet Schwiegersohn Stefan Duvier, der in den vergangenen Tagen eine Marktlücke entdeckt hat. „Ein reiner Batterie-Laden, inklusive Knopfzellen und Akkus – das müsste laufen.“ Heißt: Viele ältere Offenbacher haben die finalen Tage von „Elektro-Rösler“ genutzt, um mitsamt Wecker oder Fernbedienung vorbeizuschauen. Schließlich ist bei Rösler das Wechseln inklusive gewesen.

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