Stehen Vereine im Abseits?

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Viele Vereine beklagen bereits: Der Trainingsbetrieb ist immer schwieriger zu planen, da Jugendliche bis zum frühen Abend in der Schule sind.

Offenbach ‐ Moritz und Jan sagen ab. Die beiden Gymnasiasten schaffen’s nicht zum Vereins-Training um 18.30 Uhr. „Sorry, Unterricht“, sagen die 16-Jährigen. Von Martin Kuhn

Wenn sie alle zwei Wochen verspätet in die Halle hecheln, ist mitunter latente Unlust zu verspüren. „Wir wurden heute schon genug geknechtet.“ Die nach dem viel beschworenen Pisa-Schock verordnete G 8-Therapie bringt Vereine in Not. Nachmittags und am frühen Abend haben Jugendliche oft nicht mehr die Zeit, in die Übungsstunden zu gehen. Mehr noch: Viele Vereine verlieren Trainingszeiten in den Schulsporthallen. „Aber da gibt’s kein zurück“, sagt Eduard Schneider.

Für den Offenbacher Schulsportkoordinator ist klar, dass der eingeschlagene bildungspolitische Weg bei der Ganztagsschule endet. Dabei sollen die Vereine nicht auf der Strecke bleiben, wünscht Schneider. Mit einer Art Thesenpapier wendet er sich an die Öffentlichkeit; zitiert Olympischen Sportbund und Sportjugend. „Mit den Ganztagsschulen leben lernen, Sport und Bewegung als große Kür in die Schulen hineintragen.“ Da stoßen manche Vereine wohl an ihre Grenzen, da sie allein fürs tägliche Pflichtprogramm gerade noch eine ausreichende Zahl Ehrenamtler finden.

Die knifflige Frage: Beinhaltet die Kooperation mit Schulen mehr Chancen oder Risiken? Schneiders Position ist klar: „Es eröffnen sich neue Möglichkeiten für den organisierten Sport“. In der Praxis sei das bereits angekommen; abzulesen anhand der Rahmenvereinbarungen, die zwischen den Landesministerien und den Landessportbünden mittlerweile in allen 16 Bundesländern existieren. Darin ist die Bereitschaft der Sportvereine festgeschrieben, am Ganztagsschulbetrieb mitzuwirken.

Einer der Kernsätze: Von Vereinen soll es „regelmäßige, möglichst tägliche Sport- und Bewegungsangebote“ an den Schulen geben.

Schulen picken sich Sahnestückchen raus

Das hört sich prima an, hat aber nach Ansicht von Brigitte Fenn, Vorsitzende der DJK Sparta Bürgel, nur einen Gewinner: „Die Schulen picken sich die Sahnestückchen raus. Ist das Angebot uninteressant, hat der Verein Pech gehabt.“ Gerade kleinen Vereinen wie der Sparta bleibt die Zuschauerrolle. „Mit unserer überschaubaren Zahl an Übungsleitern ist eine solche Kooperation undenkbar.“

Ein Haupthindernis, das auch andere Vereinsvertreter anführen, ist die fehlende pädagogische Schulung. Diese hat bei der Sparta lediglich eine Übungsleiterin. „Die restlichen sind zwar fachlich sehr gut ausgerichtet - A-Lizenz im Fußball, diverse Lizenzen im Gesundheitssport - kommen aber aus anderen Berufsgruppen.“ Was die Sache erschwert: Sie können vormittags gar nicht und nachmittags nur bedingt Sportstunden in den Schulen abhalten. „Mir beispielsweise ist es unmöglich“, sagt Fenn. Anfangs hat sich die DJK-Vorsitzende mehr von dieser Idee versprochen.

Mittlerweile müssen sich die Vereine regelrecht anbiedern. Darauf haben wir keine Lust.“ Von Klub-Fusionen, von Funktionäre und Politikern gewünscht, hält sie nichts: „Das ist doch für die kleinen Sportvereine ein Ausverkauf.

Ebenso skeptisch äußert sich Vero Schumacher, Vorsitzender des BSC. Der Ball-Spiel-Club von 1899 hat derzeit eine Kooperation mit der Albert-Schweitzer-Schule im Volleyball. Auf die Frage, ob der Verein weitere Übungsleiter hat, die tagsüber an die Bildungseinrichtungen gehen, übt er sich gezwungenermaßen in Sarkasmus: „Nein, woher auch?“

Wie soll solch ein Hexenwerk die Zukunft sichern?

Vereine sieht der BSC-Vorsitzende nicht nur durch Veränderung in der Schulwelt in ihrer Existenz bedroht. Aber er fragt sich mit Blick auf G 8: Was haben die Vereine davon? Wie soll solch ein Hexenwerk die Zukunft sichern? „Vereine leben nicht vom Bezahlen der Unterrichtsstunden durch die Schulen, sondern von den Mitgliedern.“ Schumachers Fazit: Ein Teil der Vereine sollte einen großen Bogen um die Kooperation Schule und Verein machen. Er wird deutlich: „Wir sollten es der Politik nicht noch einfacher machen, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Sie sollen Lehrer mit anständiger Bezahlung einstellen oder kommerzielle Institutionen beauftragen, diesen Part abzudecken. Am Ende steht doch: Die Vereine und Schulen sind schuld, dass es nicht funktioniert hat. Nur nicht diejenigen, die diese Geister gerufen haben.“ Da lässt einer reichlich Frust ab.

Auch Gregor Gramlich, Vorsitzender der EOSC-Basketballer, ist mächtig angefressen: „Wir sehen augenblicklich unsere Jugendarbeit extrem bedroht, da wir unseren Trainingsbetrieb in den letzten Jahren erheblich einschränken mussten und aktuell noch einmal Trainingszeiten einbüßen.“ In alter Tradition und Verbundenheit sind die Korbjäger an der Albert-Schweitzer-Schule aktiv. Dort durften sie schon nachmittags in die Halle - montags ab 15 Uhr, dienstags ab 16.45 Uhr, mittwochs ab 16.15 Uhr... Das war vor acht Jahren. Heute beginnt das Training fast durchgängig um 19 Uhr.

Abgeschlossene Gruppen in den Schulen

Gramlich bricht verständlicherweise für den Vereinssport eine Lanze - auch unter sozialen Aspekten. Er sagt: „Der Vereinssport gibt die Möglichkeit, Jugendliche der verschiedenen Schulformen zusammenzubringen. Ein Punkt, der in unserer Stadt, in der viel von Integration gesprochen wird, eine große Rolle spielen sollte.“ Heißt: Die Vereine finden in Schulen stets abgeschlossene Gruppen vor. Das ist sicher nicht immer vorteilhaft - gerade wenn leistungsbezogen trainiert wird. Zudem wirft der Abteilungsleiter den Verantwortlichen vor: „Ein Plan, der die Entwicklung des Vereinssports berücksichtigt, existiert anscheinend nicht.“

Etwas entspannter sieht die Diskussion um eine Zukunftsfähigkeit der Vereine Carsten Wirth, Jugendwart der OFC-Handballer. Das liegt in der Altersstruktur der Abteilung begründet: Kinder und Jugendliche sind in der Überzahl. Auch ansonsten scheinen die Handballer auf gutem Weg. Die Kickers kooperieren seit fünf Jahren mit Schulen. Die Zusammenarbeit hat sich bislang auf zwei Grundschulen (Beethovenschule, Anne-Frank-Schule) beschränkt und wurde nun um eine weite Kooperation an der Albert-Schweitzer-Schule erweitert.

Freilich wird die Erfolgsbilanz getrübt: „Es ist schwer, einen Übungsleiter für die Kooperationen zu finden. Gerade unsere junge Vereinsstruktur lässt die Zahl der möglichen Freiwilligen sinken.“ Die 20 C-Lizenz-Inhaber haben noch private Verpflichtungen - neben Arbeit oder Studium. Daher übertragen die Handballer die Arbeit an den Schulen ihrem FSJ’ler (Freiwilliges Soziales Jahr).

Ein geeigneter Weg? Möglicherweise. Was der OFC leistet, findet den Zuspruch des Schulsportkoordinators. „Die Frage ist doch: Wen nehme ich als Jugendtrainer?“ Die Vereine sollten versuchen, ihre A- und B-Junioren als Trainer oder Betreuer für die jüngsten Sportler zu gewinnen. „Die wachsen rein und können später locker in den Schulen unterrichten.“ Eduard Schneider warnt jedenfalls davor, „klassische“ Vereinstrainer in die Schulen zu schicken: „Das ist tödlich. Die wissen nicht, wie Schulsport funktioniert. Nach vier Wochen geben sie auf.“

Vereinssport ist mit Schulsport nicht zu vergleichen

Der Lehrer spielt auf einen Umstand an, den viele unterschätzen: In den Klubs gehen die Kinder ihren sportlichen Neigungen nach - freiwillig. Das ist mit dem Schulalltag nicht zu vergleichen, wenn 25 teils desinteressierte, teils unsportliche Jugendliche motiviert werden müssen. Da sind selbst die guten Erfahrungen der OFC-Handballer in einem anderen Licht zu betrachten, da die Angebote auf Freiwilligkeit beruhen. Wirth: „Dem Großteil sagt die Art der Ball-AGs zu und sie nehmen mit Spaß an der Übungsstunde teil. Der Übungsleiter ist also gefordert, nicht überfordert.“

Eine solche Überforderung sieht auch Peter Dinkel nicht. Als Sportkreis-Chef vertritt er die Interessen von 360 Vereinen mit gut 115 000 Mitgliedern in Stadt und Kreis. Er sagt: „Die Vereine müssen unbedingt Kooperationen mit Schulen eingehen - je früher desto besser.“ Er spricht von einem „pädagogischen Bündnis“. Als problematisch erachtet Dinkel die Unterrichtszeit, „da Übungsleiter nachmittags teilweise keine Zeit haben, an Schulen zu gehen. Da müssen wir Lösungen finden.“

Für den Sportkreis-Vorsitzenden steht jedoch fest, dass die Entwicklung in Richtung Ganztagsschulen das Vereinsleben nachhaltig verändert. Der Situation müssen sich die Vereine stellen und reagieren. „Es bietet aber die Möglichkeit, sich neu zu positionieren zum Wohle beider Kooperationspartner. Wir sind guten Mutes.“ Im Vorgriff plant der Sportkreis für Januar zwei Podiumsdiskussionen mit Vertretern des Kultusministeriums, des Schulamtes und der Sportvereine - einmal in der Stadt, einmal im Kreis.

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