„Weichen fürs ganze Leben“

Proteste gegen Streichung der Sozialarbeit an Eichendorffschule

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Annika Sparkes (hinten links) und Sonia Harth (hinten, 2.v.r.) rufen gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Schulelternbeirats zum Protestmarsch auf.

Offenbach - Seit mehr als 30 Jahren wirken an der Eichendorffschule Sozialarbeiter für ein konstruktives Miteinander: Mit Arbeitsgemeinschaften, Beratungsangeboten und Projekten bereichern die drei Helfer den Schulalltag. Nun sollen ihre Stellen gestrichen werden. Von Marian Meidel 

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Der Elternbeirat der Grundschule organisiert für Freitag einen Protestmarsch. Feuerrot sind die Plakate, die die Mütter vorbereitet haben. In dicken, schwarzen Lettern steht dort: „Wir kämpfen“ und „Eichendorffschule kämpft für die Schulsozialarbeit“. Am Freitag kommen die Banner zum Einsatz, denn dann ruft der Elternbeirat der Grundschule zum Protestmarsch.
„Wir haben uns zu diesem Schritt entschieden, weil die Situation sehr aussichtslos ist“, erklärt Elternbeirätin Annika Sparkes. Die drei Schulsozialarbeiter, deren Stellen zum Schuljahresende gestrichen werden sollen, seien für die Kinder mehr als nur Berater und Vertrauenspersonen. Ein Flugblatt des Elternbeirats prognostiziert den ersatzlosen „Wegfall sämtlicher Unterstützungsangebote und Hilfestellungen: Keine Fußball-AG, keine Koch-AG, keine Zeitungsmacher-AG mehr“. Dabei handelt es sich nur um einen Ausschnitt der Liste von Angeboten, deren Ende die Eltern fürchten. „Wir gehen davon aus, dass danach nicht viel kommt, das wird schlimm“, sagt Annika Sparkes.

Laut Schulleiterin Alma Obradovac haben 96 Prozent der rund 360 Eichendorffschüler Migrationshintergrund, etwa 50 Kinder sind sogar erst seit zwei Jahren in Deutschland und als Seiteneinsteiger direkt in die Grundschule gekommen. Von der Unerlässlichkeit der Sozialarbeit für die interkulturelle Verständigung und Integration der Kinder ist Elterbeirätin Annika Sparkes daher überzeugt. „Wenn irgendwo etwas passiert, schreien immer alle nach Prävention. Wenn man diese Stellen jetzt streicht, sieht man vielleicht, was dann passiert.“ Ursprünglich kam das Geld dafür vom Land, bereits Mitte 2015 stellte es die Finanzierung ein.

„Der Landesrechnungshof hat die Schulsozialarbeit nach langer Zeit neu bewertet und festgestellt, dass keiner so genau wusste, was das in seiner Substanz eigentlich ist“, erklärt Jugendamts-Abteilungsleiter Roberto Priore. „Das Geld, das an dieser Stelle dann weggenommen wurde, ist aber in anderer Form wieder an die Schulen gegangen.“ Nun aber nicht mehr spezifisch für die Sozialarbeit bestimmt, wanderte es ans Staatliche Schulamt, das es neu aufgeschlüsselt und „nach dem Gießkannenprinzip“, so Priore, an die Schulen verteilte.

Offenbachs Jugendamt sprang damals in die Bresche und finanzierte die Sozialarbeit an der Grundschule übergangsweise. „Damit das nicht so von heute auf morgen aufhört“, erklärt Priore. Schon damals war vereinbart, dass das Jugendamt die Mittel nur für drei Jahre bereitstellt. Dieser Zeitraum ist nun abgelaufen.

Komplett wird die Eichendorffschule aber nicht ohne Sozialarbeiter auskommen müssen. Das Land vergibt neue Mittel und hat ihr dafür schon eine halbe Stelle zugesichert. Zudem verfügt die Grundschule über von der Stadt finanzierte Ganztagsklassen, in denen neben den Lehrern auch jeweils zwei Erzieher für die Kinder da sind. Kritikpunkt des Elternbeirats hierzu: Nur ein geringer Teil der Schüler geht überhaupt in diese Klassen, und außerhalb des regulären Unterrichts leiten die Pädagogen keine AGs oder oder andere integrationsfördernde Angebote. „Das ist aber kein Privileg, sondern Notwendigkeit“, sagt Elternbeirätin Sonia Harth. „Da werden Weichen fürs ganze Leben gestellt.“

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Dass es einen Bedarf gibt, hält auch Roberto Priore für unstrittig. „Seit der Schaffung der Schulsozialarbeit in den 80er Jahren hat sich aber einiges verändert. Damals hatten viele Kinder mit Migrationshintergrund erst mit der Grundschule ihren ersten institutionellen Kontakt.“ Heute gingen stadtweit 90 Prozent aller Kinder in den Kindergarten, die Integration beginne also schon früher.

Der Protestmarsch des Elternbeirats beginnt am kommenden Freitag um 12.30 Uhr vor der Eichendorffschule und führt zum Rathaus.

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