In die Emigration gedrängt

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Abigail Stech, Deutsche Mannschaftsmeisterin im Degenfechten, präsentiert Helene Mayers Original-Goldmedaille.

Offenbach ‐ „Eine herausragende Persönlichkeit unserer Stadt“ nennt Oberbürgermeister Horst Schneider die 1953 verstorbene Fechterin Helene Mayer. Von Lothar R. Braun

Von einer „großen Ausnahmesportlerin“ spricht Waldemar Krug, der Präsident des Offenbacher Fechtclubs von 1863. Wenn am 20. Dezember ihr 100. Geburtstag zu würdigen ist, wird der Magistrat eine „Akademische Geburtstagsfeier“ veranstalten.

Doch das ist nur eine von mehreren Veranstaltungen zu diesem Anlass. Der Fechtclub, das Stadtarchiv und das städtische Sportbüro haben dabei zusammengewirkt. Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, übernahm die Schirmherrschaft über die ganze Reihe.

Das beginnt mit einer Ausstellung im Rathaus, die vom 4. November bis 23. Dezember täglich von 9 bis 18 Uhr zugänglich ist. Ihr Kern ist eine von der Universität Potsdam zusammengestellte Dokumentation „Vergessene Rekorde – Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933“. Die Offenbacher Beteiligten haben sie angereichert mit Exponaten zu Helene Mayer. Zur Vernissage am 3. November um 19 Uhr sind als Redner angekündigt: OB Schneider, Archivleiterin Anjali Pujari und Dr. Jutta Braun aus dem Arbeitsbereich „Zeitgeschichte des Sports“ an der Universität Potsdam.

Mehr Meistertitel als je ein anderer Sportler

Zum Offenbacher Ausstellungsbeitrag gehören außer Fotos und Dokumenten auch die Goldmedaille, die Helene Mayer 1928 bei den Olympischen Spielen in Amsterdam erwarb, eine Schreibmappe aus ihrem Besitz und ein Trainingsflorett, mit dem sie sich auf die Berliner Spiele von 1936 vorbereitete. Etliche der Offenbacher Anreicherungen sind Eigentum der 89-jährigen Erika Mayer aus Frankfurt, einer Schwägerin der Geehrten. Sie wird bei den meisten Veranstaltungen anwesend sein.

Am 17. November um 19 Uhr wird Fechterpräsident Krug im Sitzungssaal der Stadtverordneten über die Sportlerin sprechen, die mehr deutsche und dann amerikanische Meistertitel errang als je ein anderer Sportler und dazu noch drei Weltmeistertitel. Krug wird dabei eine Reportage abspielen, die der Bayerische Rundfunk 1984 gesendet hat. Darin kommt auch die verstorbene Offenbacherin Liesel Hartmann zu Wort. Von ihr ist bekannt, dass sie Helene Mayer schon im Kindesalter dem Fechtsport zuführte.

Lange Liste von Sponsoren und Partnern

Am 15. Dezember wird im Stadtverordnetensaal ein amerikanischer Film über Helene Mayer vorgeführt. Er ist dann Gegenstand einer Podiumsdiskussion, an der auch der Regisseur teilnimmt. Dabei wird die Rede sein von den politischen Umständen, unter denen die „Halbjüdin“ Mayer 1936 dem nationalsozialistischen Deutschland eine Silbermedaille einbrachte. Ihr Ende erreicht die Veranstaltungsserie mit einem sportlichen Höhepunkt. Zu Ehren der Sportlerin und ihrer Stadt ist die Austragung der Deutschen Meisterschaft im Florettfechten Offenbach anvertraut worden. Am 15. und 16. Januar ist die Stadthalle ihr Schauplatz.

Eine lange Liste von Sponsoren und Partnern macht den hohen Rang anschaulich, der diesen Veranstaltungen zuerkannt wird. Sie wollen erkennbar machen, wie sehr Sportgeschichte immer auch als Zeitgeschichte zu begreifen ist.

Man erfährt von der deutschlandweiten Popularität einer jungen Sportlerin. Von einem Schreiben, mit dem Reichspräsident Paul von Hindenburg „schulfrei“ für Helene Mayer erbat, um sie in Berlin mit einer hohen Auszeichnung ehren zu können. Es wird darüber informiert, dass nur amerikanische Boykottdrohungen 1936 ihre Olympiabeteiligung ermöglichten. Zur Bedingung machte sie damals die Bestätigung ihrer vollen Rechte als deutsche Staatsbürgerin. Denn auch vom Heimweh nach Deutschland wird zu hören sein. Eines Deutschlands, das sie in die Emigration drängte, als man sie nicht mehr zu benötigen meinte.

Nach Deutschland kehrte sie 1952 zurück

Bei den Berliner Spielen erreichte sie 1936 den zweiten Platz im Damenflorett. Es wird die Rassenfanatiker ziemlich verdrossen haben, dass den ersten eine ungarische und den dritten eine österreichische „Volljüdin“ belegten. Immerhin in einer Sportart, die als so typisch arisch galt wie Gott Wotans Bart. Sportliche Hochleistung, Antisemitismus und rassistischer Wahn treffen sich bei Helene Mayer mit der Traurigkeit einer jungen Frau, die so gern „eine Deutsche“ war. Die man „aus übergeordneten staatspolitischen Gründen“ als Alibi-Jüdin benutzte und danach eiskalt fallen ließ.

Nach Deutschland kehrte sie erst 1952 zurück, um hier zu heiraten und zu sterben. 1953 ist sie in München begraben worden, wo ihr Andenken geehrt wird in dem Straßennamen „Helene-Mayer-Ring“. In Offenbach erinnert an sie eine Helene-Mayer-Straße. Und von ihrer Weltgeltung zeugen die Helene-Mayer-Wettkämpfe, die seit 1976 von der kalifornischen Berkeley-Universität ausgeschrieben werden.

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