Emotionen sehr erwünscht

Offenbach ‐ „Es ist wichtig für Leute in unserem Alter, beim Autofahren cool zu wirken“, gesteht Rashed Ahmadi. Der 21-jährige Fachoberschüler hat gestern mit seiner Klasse der Theodor-Heuss-Schule am Projekt „RiSk“ („Risiken im Straßenverkehr kommunizieren“) teilgenommen. Nun ist er um einige Erkenntnisse reicher. Von Veronika Szeherova

Ekaterini Atmatzidou (19) ist in fast zwei Jahren Fahrpraxis schon zweimal geblitzt worden. „Ich fühle mich beim Fahren sicher und selbstbewusst. Der heutige Tag war zwar in Ordnung, aber ich glaube nicht, dass ich an meiner Fahrweise etwas ändere.“

Keine andere Altersgruppe ist so stark unfallgefährdet wie die 18- bis 24-jährigen Autofahrer. Etwa dreimal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung ist bei ihnen das Risiko, verletzt oder getötet zu werden. Darauf reagieren Kultusministerium, Unfallkasse Hessen, Fahrlehrerverband und Verkehrsorganisationen mit dem Projekt „RiSk“: eine Kombination aus fahrpraktischen Teilen und Gruppengesprächen, in denen Schüler lernen, ihre Fahrweise neu einzuschätzen. Am Darmstädter Studienseminar zu Moderatoren ausgebildete Lehrer helfen dabei.

Marko Manasijevski (19) hat seinen Führerschein seit drei Monaten. „Wir haben alltägliche Situationen durchgenommen und Klassenkameraden beim Autofahren mal anders kennen gelernt. Mir hat daher der Tag Spaß gemacht und es war eine gute Abwechslung.“

Im Rhein-Main-Gebiet macht die Theodor-Heuss-Schule den Anfang, nachdem sich das Projekt in Städten wie Kassel schon als großer Erfolg herausstellte. Zunächst geht es in berufliche Schulen. „Dort sind einfach wesentlich mehr Fahranfänger als beispielsweise an Gesamtschulen“, sagt Patrik Haßler, einer der Moderatoren. Langfristig ist geplant, ein Netzwerk aufzubauen und das Projekt auch auf andere Schulen zu übertragen. „Wir arbeiten daran, dass es zum Selbstläufer wird“, so Haßler. Nicht der pädagogisch erhobene Zeigefinger, sondern das gefühlsbetonte Gespräch ist gefragt.

Martina Kommander (19) kommt meistens zu Fuß zur Schule, obwohl sie seit einem Jahr den Führerschein hat. „Ich werde in Zukunft auch nicht anders Auto fahren als jetzt. Das Projekt fand ich ganz gut, aber es brachte mir nicht wirklich etwas Neues.“

In der ersten Moderationsrunde wird meist eine Dilemmasituation diskutiert, für die es keine allgemeingültige Lösung gibt. Dann geht es ans Steuer von Fahrschulautos, anschließend wird wieder diskutiert. Die zweite Gesprächsrunde hat erfahrungsgemäß einen ganz anderen Charakter.

Die Jugendlichen tauen richtig auf. Sie werden emotionaler, sprechen über eigene Erfahrungen“, weiß Referendar und Moderator Sascha Ostheimer, „das ist schon so weit gegangen, dass die ganze Gruppe Rotz und Wasser geheult hat“. Darum dürfen nur ausgebildete Moderatoren die Gruppen begleiten, um in solchen Momenten richtig handeln zu können.

Rashed Ahmadi (21) hat den Führerschein seit einem Monat. „In dieser Zeit hatte ich einen kleinen Unfall, als ich beim einhändigen Fahren die Kurve zu eng nahm. Der Außenspiegel war dann kaputt. Heute haben wir gelernt, verantwortungsvoller zu fahren.“

Auch in den jeweils sechsköpfigen Gruppen der Theodor-Heuss-Schule wird angeregt diskutiert. Die Moderatoren loben die lockere Atmosphäre. Die gefällt auch den Schülern - wenngleich es etwas mehr Action und Horror hätte sein dürfen, so wie bei der Verkehrserziehung der Polizei, wenn’s Schockbilder von Unfällen gibt.

Sie wollten schon ein bisschen Blut sehen“, meint eine Moderatorin und macht die Bilderflut in den Medien verantwortlich. Sascha Ostheimer ergänzt: „Aber sobald sie ernsthaft über eigene Gefühle sprechen und Erfahrungen aufarbeiten, ist das wertvoller als jeder Medienbericht.“ Das sei einer der großen Vorteile von „RiSk“.

Haitham Khateeb (20) war beim fahrpraktischen Teil nur Beobachter, da er noch keinen Führerschein hat: „Ich fand die Veranstaltung sehr informativ. Nach dem Fachabi will ich den Führerschein machen, daher hat sich der Tag sehr gelohnt.“ Fotos: Szeherova

Auch Fahrlehrer Thomas Urban begrüßt das Projekt: „Nur mit Erhalt des Führerscheins ist man noch nicht vorbereitet für das Fahrerleben. Hier werden die Jugendlichen ernst genommen, wenn sie sich endlich trauen, die Fassade der Coolness anzulegen. Sie merken, dass uns nicht egal ist, was mit ihnen passiert.“

Bei dem Projekt werde nicht sanktioniert, sondern konkrete Hilfe angeboten, sagt Urban. Im praktischen Teil bestimmen die Fahranfänger im Gegensatz zu den Fahrstunden selbst die Strecke, Fahrlehrer greifen nur bei Konfliktsituationen ein.

„Rundum geläutert werden die Schüler nicht nach Hause gehen“, weiß Referendar Ost heimer. Aber wenigstens nachdenklicher, hofft er.

Rubriklistenbild: © Georg

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