Am Ende ein neuer Anker

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Geschwindigkeit ist Trumpf – das gilt aber nur für die Werkzeugspitze. Wie lange die Restaurierung dauert, ist ungewiss.

Offenbach - Und täglich grüßt der Mainfischer. . . Von wegen. Das lokale Wahrzeichen ist weg. Er musste den Platz räumen für die Stadtentwicklung. Er stand dem Umbau des Straßenknotens am Hafenareal im Weg. Die Firma Lohrmann Stahlhandwerk hat ihn am 18. Juni 2009 demontiert. Von Martin Kuhn

Schnell hat John Lohrmann, der alle Facetten der handwerklichen Stahlverarbeitung bietet, erkannt, dass er dem Mainfischer nicht helfen kann. Sein Credo: „Lass’ die Finger weg, wenn du es nicht hundertprozentig beherrschst. “ Und das ist eine Restaurierung. Inzwischen ist ein Subunternehmer gefunden und die Finanzierung gesichert. Und einen Anker erhält der Offenbacher Mainfischer auch wieder.

Da steht er. Gut, es gibt imposantere Statuen. Aber vom Sockel gehoben macht der Mainfischer schon etwas her: 2,60 Meter hoch, drei Tonnen schwer, 75 Jahre auf dem Buckel. Zwei Baustrahler leuchten ihm in der Waldhofer Werkstatt. Friedrich Harms (Recovis GmbH) taucht einen Pinsel ins Wasser, befeuchtet ein paar Quadratzentimeter des Oberschenkels. Wartet. Dann setzt er sein Multifunktionswerkzeug an, das mit verschiedenen Aufsätzen zu bestücken ist. Ein sirrendes Geräusch erklingt; das kennt jeder, der auf einem Behandlungstuhl seines Zahnarztes sitzt. Behutsam führt er das Gerät über eine schwarze Stelle. „Der Herr Harms, das ist ein ganz ruhiger“, sagt der Offenbacher Lohrmann. „Mit Hektik macht man viel kaputt“, erwidert der Hamburger, fährt mit der Hand über die Stelle, nickt zufrieden.

Bilder von der Restaurierung

Mainfischer wird restauriert

Es ist eine zeitaufwändige, filigrane Arbeit. Gibt’s da keine Zusätze, um den Dreck zu entfernen? „Chemie ist ganz schlimm.“ Jetzt ist Friedrich Harms wach geworden. Die Frage eines Laien, eines Amateurs. Sie ist nicht zurückzunehmen. „Sehen Sie“, deutet Harms auf eine dunkle, grünliche Stelle, „das ist Patina“; also eine durch natürliche oder künstliche Alterung entstandene Oberfläche. Sein Finger fährt auf der Statue entlang. „Und das ist Dreck.“ Gut, dass Harms sich auskennt. Unbewusst beweist er, dass die Restauration tatsächlich Sache für Fachleute ist. Das bestätigt John Lohrmann: „Ich wollte nicht in die Geschichte der Stadt eingehen als derjenige, der den Mainfischer ruiniert hat.“ Dafür ist er mit seiner Heimatstadt zu sehr verbunden.

Als klar wird, dass es mit einem Umsetzen des Mainfischers nicht getan ist, sucht John Lohrmann bundesweit Spezialisten. In Abstimmung mit der für die Entwicklung des Hafenareals verantwortlichen Mainviertel GmbH wählt er die Firma Recovis aus Ellerau. Die hat einige Referenzprojekte vorzuweisen, wenn es um die Restaurierung geht: das Reiterstandbild Wilhelm I. in Hamburg, das Reiterstandbild Friedrich II. in Berlin, das Lutherdenkmal in Worms, das Goethe-Denkmal in Frankfurt – und demnächst auch den Mainfischer in Offenbach.

In der eindrucksvollen Liste ist er das jüngste Standbild. Die Figur wurde am 16. Juli 1935 auf der Auffahrt der damaligen Mainbrücke aufgestellt. Sie wurde nach einem Modell von Ernst Unger in der Frankfurter Kunstgießerei Komo & Sohn gegossen. Dieser Guss, so erklärt das Gutachten des Restaurators Dirk Sturmfels, besteht aus im Sandgussverfahren einzeln hergestellten Bronzeteilen, „die an den Fugenstellen von außen mittels eisernen Dornen kraftschlüssig verbunden wurden. Von Innen wurde die Figur an Laschen mit Sechskantschrauben aus Eisen zusammengefügt.“

Die Schäden sind gravierender als das dunkle, fleckige Erscheinungsbild ahnen lässt. „Die Schmutzkruste wirkt auf die Bronze durch die lange Verweildauer von Feuchtigkeit und aggressiven Substanzen wie eine Schadstoffkompresse und es entsteht Muldenfraß.“ Und was kein Offenbacher sieht: „Sämtliche inneren eisernen Verbindungselemente (...) sind infolge elektrochemischer und Bimetallkorrosion teils bis zum totalen Materialverlust korrodiert.“

Neuer Standort stadtauswärts auf der rechten Seite

Entsprechend lang ist der Ellerauer Maßnahmen-Katalog, um den Offenbacher Mainfischer zu retten. So sind sämtliche eisernen Dornen an den beiden waagerechten Verbindungsstellen zu entfernen und durch Bronzedorne zu ersetzen, die von Außen mit Plättchen verschlossen werden. Rostfreie Schrauben sorgen für Halt, offene Fugenstellen müssen ziseliert werden. Nach Reinigung, Patinierung und Festigung der grün mineralisierten Originalsubstanz schlägt der Restaurator eine Konservierung vor – mit einem speziellen Wachs.

Das ist mit der Mainviertel GmbH abgestimmt, die auch die Kosten trägt – etwa 45 .000 Euro. Enthalten ist da allerdings nicht der Anker des Mainfischers, auf alten Fotos noch zu sehen und irgendwann verschwunden. „Den soll er wieder bekommen“, sagt Dunja Pruß, seit gut einem Jahr Leiterin im Hafen-Projekt. Dafür sucht die Schlosserei Lohrmann eine Gießerei, den Sockel für den neuen Standort stellt das Offenbacher Familien-Unternehmen her. „Noch in diesem Jahr“, hofft Dunja Pruß, soll der runderneuerte Mainfischer nicht nur neu glänzen, sondern auch einen neuen Standort erhalten – stadtauswärts auf der rechten Seite. Bis dahin ist in den städtischen Gremien nur noch eins zu klären: In welche Richtung blickt der Mainfischer in den nächsten Jahren?

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