Ende der Odyssee: Kürzere Wege durch lange Flure

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Noch existieren die neuen Betten nur im Computer. Die echten werden bald geliefert.

Offenbach - Hans-Ulrich Schmidt ist am Drücker. Ist er als Geschäftsführer der Klinikum Offenbach GmbH zwar eigentlich immer, doch normalerweise hat er bei seinen „Steuerungsprozessen“ keine Fernbedienung in der Hand. Von Marcus Reinsch

Die unmittelbare Wirkung, die er hier im Foyer des Klinik-Altbaus mit dem kleinen grauen Kästchen auf ein Modell des Klinik-Neubaus erzielt, macht ihm gute Laune. 

Schmidt drückt eine Taste, die untere Ebene des künftigen Klinikums leuchtet auf. Zweite Taste, ein schmales helles Band zieht sich ums Gebäude. Dritte Taste, die Fenster der oberen vier Stockwerke funkeln in Rottönen wie ein großes Stück gut durchgeglühte Holzkohle. Geschäftsführer Schmidt scheint Feuer und Flamme für die Aussicht, dass alles, was jetzt noch in eine Glasvitrine passt, in 157 Tagen Wirklichkeit im Maßstab 1:1 sein wird. Der Umzug ist für den 19. Dezember angepeilt.

Die Arbeiter, bis zu 300 tummeln sich täglich auf der Baustelle, halten den Zeitplan ein. Kaum 20 Meter entfernt vom Altbau sind die Dimensionen des Neubaus schon am noch eingerüsteten Original zu studieren. Er sieht aus wie ein siebenstöckiger Kamm mit vier Zinken, ist 137 Meter lang, 82 Meter breit, in der Fläche also etwa so groß wie ein Fußballfeld und für Schmidt in medizinischer, logistischer, auch architektonischer Hinsicht ein Volltreffer.

Das Innenleben der neuen Klinik nimmt konkrete Formen an

Innenleben des neuen Klinik-Domizils nimmt konkrete Formen an

Eine Alternative zum Neubau hatte es kaum gegeben. Das 1974 gebaute Klinik-Hochhaus, damals hochmodern, ist todgeweiht. Mauern bröckeln, Leitungen und Rohre geben auf, Handwerker kommen mit Reparaturen kaum nach. Der Transport der Patienten über mehrere Stockwerke dauert ewig, und sogar dass mal einer später als geplant im Operationssaal eintrifft, weil die Aufzüge eher grundsätzlich als ausnahmsweise streiken, ist nicht selten. Die Sanierung hätte fast so viel gekostet wie der am Ende wohl mit mindestens 150 Millionen Euro zu Buche schlagende Neubau. Die Betriebsabläufe allerdings hätte das nicht verbessert.

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Das neue Klinikum, die größte städtebauliche Investition der Nachkriegszeit, soll mehr als ein Ersatzdomizil werden. Bevor die Architekten des Planungsbüros den ersten Strich zeichneten, analysierten sie die Wege, die in einem Krankenhaus zurückgelegt werden müssen. Ergebnis ist eine Infrastruktur, in der viel unnötige Lauferei vermieden wird. Es gibt eine Aufnahmestation, in der ungeplante Neuzugänge auch über Nacht versorgt werden können. Das entlastet die normalen Stationen, die nun so angesiedelt sind, dass Patienten, die von Medizinern unterschiedlicher Fachrichtungen behandelt werden, eine Odyssee durch lange Flure oft erspart bleibt.

Zur Effizienz beitragen können auch eine interdisziplinäre Diagnostik, eine neue Notaufnahme und viele andere Innovationen. Deutlich mehr Kapazität wird der Bereich für Intensiv- und Überwachungspatienten bekommen; hier stehen künftig etwa 100 Betten zur Verfügung. Hinzu kommen die schon arbeitenden Organzentren. Außerdem: 14 Aufzüge, teils reserviert für Personal, Material oder Notfälle, in jedem Fall aber zuverlässiger und schneller verfügbar als die Lifts im Hochhaus. Etabliert werden wird auch ein Wegeleitsystem, das Patienten wie Besuchern mit neun Farben und 19 Ornamentstrukturen die richtige Route durchs Gebäude weisen soll.

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Medizinisch nicht zwingend, im Kontrast zum charmefreien Betonambiente des Hochhauses aus den Siebzigern aber allemal heilsam: die Wohlfühlattribute des Neubaus. Die 139 Ein- und Zweibettzimmer und die 65 flexibel belegbaren Vierbettzimmer sind in hellen Tönen gehalten, jeweils zwei Kranke teilen sich eine Nasszelle, die behindertengerecht eingerichtet ist. Auf den Stationsebenen sind Patientengärten geplant, die auch Kranken, für die das Grün im Umfeld des Klinik-Kamms nicht erreichbar ist, den Zugang zu frischer Luft ermöglichen. Die hohe Eingangshalle mit Empfangsschalter wird Zugang zu Andachts- und Gebetsräumen, zur zweistöckigen Cafeteria samt Sonnenterrasse, zu Läden und zur späteren „Tommy Hall“ sein. Letztere ist eine multifunktionale Sport- und Veranstaltungshalle, die vom gleichnamigen Verein initiiert wurde. An den Spendenaktionen für die rund 1,2 Millionen Euro teure Institution hatten sich viele Leser unserer Zeitung beteiligt.

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Fertiggestellt werden kann die „Tommy Hall“ erst 2012, vielleicht 2013. Der Altbau samt Zufahrt steht noch im Weg. Der Abriss wird vermutlich am 1. Juli des nächsten Jahres beginnen. Es wird eine aufwändige und teure Mission. Denn so marode, dass es auf Wunsch wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde, ist das alte Klinikum dann doch nicht.

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