Mit 76 endlich Gas geben

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Bestanden: Rabindranath Banga zeigt stolz seinen Führerschein. Mit ihm freut sich Fahrschulinhaber Wolfgang Trenkler.

Offenbach - Bei der Fahrprüfung vor zwei Wochen lief alles wie am Schnürchen. Sicher steuerte Rabindranath Banga den Fünfer-Golf durch die Innenstadt, über die Sprendlinger Landstraße auf die A 661 und von der A 3 wieder zurück nach Offenbach. Von Denis Düttmann

Ich war etwas nervös und habe ein bisschen zu ruppig geschaltet“, erinnert er sich. „Aber als der Prüfer mich fragte, welches Auto ich mir kaufen werde, wusste ich, dass ich bestanden habe.“

Dr. Rabindranath Banga ist 76 Jahre alt und er widerlegt alles, was über die Fahrtauglichkeit im Alter so alles verbreitet wird. Nun hält er stolz seinen Führerschein in den Händen – er ist der älteste Schüler, der jemals bei der Fahrschule Trenkler seine Prüfung ablegte.

Dabei ist der gebürtige Inder bislang ganz gut ohne motorisierten Untersatz durchs Leben gekommen. Zu seinem Arbeitsplatz am Kaiserlei fuhr der Doktor der Werkstoffwissenschaft mit dem Bus oder im Sommer mit dem Fahrrad, auf längeren Fahrten oder zum Einkaufen kutschierte ihn seine Frau. „Vor vielen Jahren wollte ich schon einmal den Führerschein machen“, erzählt Banga. „Der Fahrlehrer war aber nicht so sympathisch. Er sagte, ich brauche bestimmt über 100 Stunden, und mit Akademikern habe er sowieso nur schlechte Erfahrungen gemacht.

Die Augen von Rabindranath Banga sind in Ordnung

Damals ließ Banga sich einschüchtern, jetzt hat er den Mann Lügen gestraft. Nach deutlich unter 100 Fahrstunden meldete ihn sein Fahrlehrer Günther Hammann zur praktischen Prüfung an, den theoretischen Teil hatte er einige Wochen zuvor bereits ohne Fehler bestanden.

Banga war ein sehr ehrgeiziger und zielstrebiger Schüler“, sagt Hammann. „Ich finde es gut, wenn auch ältere Leute sich noch für neue Dinge interessieren und bereit sind, weiter zu lernen.“ Von der regelmäßigen Überprüfung älterer Autofahrer, wie sie immer mal wieder diskutiert wird, hält der Fahrlehrer nichts. Lkw- und Busfahrer seien schließlich bereits jetzt dazu verpflichtet, regelmäßig ein Gesundheitszeugnis vorzulegen. Lediglich eine verbindliche Messung der Sehstärke hat seiner Meinung nach Sinn.

Die Augen von Rabindranath Banga sind in Ordnung, er hatte bei den ersten Fahrversuchen ganz andere Probleme: Besonders schwer sei ihm die ständige Beobachtung des fließenden Verkehrs gefallen, sagt der Rentner. Während seiner Kindheit im westbengalischen Santipur kam kaum mit Autos in Berührung gekommen, erst während des Studiums in Kalkutta und später in Berlin hat er den alltäglichen Wahnsinn auf den Straßen kennen gelernt.

„Ich muss regelmäßig fahren, sonst verlerne ich alles wieder“

Bangas Frau zog vor vier Jahren ins französische Auxerre – der Offenbacher kam zunächst mit, doch im April kehrte er in seine Heimatstadt am Main zurück. „Mir hat es dort nicht gefallen. Ich habe fast mein ganzes Leben in Großstädten verbracht – auf dem Land ist es mir zu langweilig“, erklärt Banga.

Und so war die Anmeldung bei der Fahrschule auch eher der Suche nach einer neuen Aufgabe geschuldet als dem unbedingten Wunsch nach dem Führerschein. „Mein Vermieter hat mich auf die Idee gebracht, und es war eine gute Entscheidung“, sagt Banga. „Es hat mir Spaß gemacht, mit den jungen Leuten für die theoretische Prüfung zu lernen und mit dem Fahrlehrer Auto zu fahren.“

Jetzt macht der frisch gebackene Fahrzeugführer erst einmal vier Monate Urlaub in Indien. Wenn er im Februar nach Deutschland zurückkehrt, will er noch einmal ein paar Fahrstunden nehmen – nur zur Sicherheit. „Und dann schaue ich mich nach einem eigenen Auto um. Schließlich muss ich auch regelmäßig fahren, sonst verlerne ich alles wieder.“

Wenn er dann etwas Fahrpraxis hat, will der fitte Senior mit dem Auto seine Frau in Frankreich besuchen. „Sie hat am Anfang nicht geglaubt, dass ich wirklich den Führerschein mache“, sagt Banga.

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