Endlich lernt auch Mama Rad fahren

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Die Räder gibt’s vom Fundbüro, die Hilfe von der Polizei: Migrantinnen lernen in Offenbach das Radfahren.

Offenbach - Fatma und Yasemin (Namen geändert) haben richtig viel Spaß: Zügig kurven sie mit ihren Fahrrädern auf dem Parcours im Leonhard-Eißnert-Park und drehen ihre Runden, als hätten sie nie etwas anderes getan. Von Simone Weil

Auch den Slalomkurs zwischen den rotweißen Pylonen absolvieren sie ohne nennenswerte Probleme. Stolz sitzen sie auf ihren Drahteseln und lachen für den Fotografen in die Kamera. Ein kleiner Junge ruft ungeduldig nach seiner Mutter: Doch er muss sich gedulden, jetzt übt Mama das Fahrradfahren.

Bald kann ich meinen Kindern Ausflüge unternehmen“, freut sich eine 36-Jährige. Trotz des Erfolgs, den sie und die meisten ihrer Mitstreiterinnen schon nach der fünften Doppelstunde erzielt haben, ist es den Migrantinnen peinlich, ihren Namen zu nennen. Schließlich lernen die wenigsten das Fahrradfahren erst als Erwachsene.

Umso glücklicher sind die Frauen übers Angebot, das sie Michaela Kins-Klohoker zu verdanken haben. Die Polizeioberkommissarin macht üblicherweise Grundschüler in der Jugendverkehrsschule für den Umgang mit dem Rad im Straßenverkehr fit. Es zeigte sich, dass viele Kinder muslimischer Herkunft den Umgang mit dem Drahtesel nicht beherrschten. Gründe: „Ihre Mütter konnten meistens nicht Rad fahren, und die Väter hatten keine Zeit“, erfuhr die Polizistin.

„Frauen werden mobiler“

Da lag es für Kins-Klohoker auf der Hand, mit einem speziellen Angebot direkt die Mütter anzusprechen: Über die Schulen warb die Jugendverkehrsschule fürs Projekt, das zehn Doppelstunden umfasst. Weil ihnen die Zeit am frühen Nachmittag von 13 bis 15 Uhr entgegenkam, meldeten sich schnell interessierte Frauen. Die Teilnehmerinnen stammen aus der Türkei, Marokko und dem Kosovo. Unterstützung bekam die Mitarbeiterin der Jugendverkehrsschule von Hüsamettin Eryilmaz, Ausländerbeauftragter der Polizei, der beim ersten Training dolmetschte und half, den Kontakt herzustellen. Er freut sich: „Die Frauen werden ein bisschen mobiler, lernen andere kennen und tauschen sich aus. Das dient doch der Integration.“

So etwas gibt’s nicht alle Tage“, lobt eine der Teilnehmerinnen das Engagement der Polizistin, zu der die Frauen schnell Vertrauen fassten. „Das lief alles über meine Kollegin und hätte mit einem Mann wohl nicht funktioniert“, glaubt Jugendverkehrsschulleiter Manfred Lotz. Weil die Fahrradausbildung bislang Grundschülern vorbehalten war, die auf kleineren Drahteseln unterwegs sind, mussten größere Räder für Erwachsene her: Die stellten das städtische Fundbüro und die Fahrradwerkstatt der GOAB.

Die junge Frau aus Marokko strahlt übers ganze Gesicht: „Am Anfang hätte ich nicht gedacht, dass ich das lernen kann.“ Doch inzwischen ist sie guter Dinge, dass sie bald auch im Straßenverkehr unterwegs sein wird. In ihrem armen und in weiten Teilen von Wüste bedeckten Heimatland ist es keine Selbstverständlichkeit, ein Fahrrad zu besitzen. Auch in der Türkei war das Gefährt lange Zeit den Kindern und Jugendlichen vorbehalten und galt nicht unbedingt als Verkehrsmittel für Erwachsene, weiß Hüsamettin Eryilmaz: Dies beginne sich erst jetzt in den Städten langsam zu ändern. „Doch viele der Auswanderer stammen auch aus ländlichen Gebieten, wo ihnen das Rad wenig nützt.“

Kontakt: 069 85 84 46.

Nach den Sommerferien soll ein neuer Kurs beginnen: Die Teilnehmerinnen der ersten Staffel haben bei Freundinnen und Bekannten schon Werbung gemacht.

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