Endspurt am Stadthof

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Blick auf den Stadthof mit Café- (links) und Polizeiladen-Pavillon. Die künftige Gestaltung des Platzes wird in Offenbach kontrovers diskutiert.

Offenbach - Es ist eine Entscheidung, deren Ergebnis weit in die Zukunft reicht, auch über jetzige Amts- oder Legislaturperioden hinaus. Dafür unterbrechen die Abgeordneten auf Wunsch des Oberbürgermeisters auch mal die sommerliche Parlamentspause. Von Martin Kuhn

Vor einem Beschluss über das auf Jahre prägende Bild des Stadthofs ist umfassende Information angesagt. Der Rathaussaal ist zur Sondersitzung des Bauausschusses gut gefüllt. Zur Abstimmung kommt es nicht, sollte es aber auch an diesem Abend gar nicht.

Jetzt könnte der geneigte Offenbacher sagen: Ei, dann macht doch langsam mit dem Stadthof... So einfach ist die Sache allerdings selten in der Politik. Begründung von Oberbürgermeister Horst Schneider für die Eile: „Der Deckel soll im Winter 2012 wieder drauf sein – rechtzeitig zum Weihnachtsmarkt.“

Denn dummerweise ist die künftige Gestaltung des Platzes eng verknüpft mit der dringenden Sanierung der darunter befindlichen Rathaus-Tiefgarage. Es erscheint in diesem Fall einleuchtend: Ist der Untergrund erst offen, kann man gleich beide Projekte anpacken. Aber wie?

Das macht der Ausschuss-Vorsitzende Peter Schneider (Grüne) deutlich: „Es ist auf die banale Frage zu reduzieren: Wie gehen wir mit den Pavillons um? Wollen wir einen, zwei oder keinen?“ Da gibt es viele gute Gründe dafür und dagegen. Das wurde auch während der angeregten Bürgerbeteiligung und in einigen Leserbriefen deutlich. Klar ist: Der Umgang mit den beiden Pavillons, einer als Café, einer als Polizeiladen genutzt, wird in der Stadt kontrovers diskutiert. Ein Workshop Anfang Mai zur Stadthof-Gestaltung endete mit dem vorsichtigen Fazit: Im Zweifel solle sich Offenbach lieber für eine bodenständige, weniger ‘designte’, dafür aber langlebige Platzgestaltung entscheiden.

Die Umgestaltung des Stadthofs firmiert unter dem Projekt „Aktive Innenstadt“. Darin erarbeiteten Anwohner, Handel und Initiativen einen Steckbrief als Grundlage für die Auslobung eines Wettbewerbs für die künftige Gestaltung. Die erste Runde dieses Wettbewerbs ist zu Ende. Eine Jury, der auch Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung angehören, wählte zehn Entwürfe aus, die Verfasserbüros sollen in einer zweiten Stufe ihre Vorschläge in konkrete Pläne umsetzen.

Die Ausschuss-Mitglieder bekommen nun mehr und aktuellere Informationen an die Hand – etwa von Diplom-Ingenieur Sebastian Kupski, der am Fachgebiet Umweltmeteorologie der Universität Kassel tätig ist. Dort wird unter anderem das Stadtklima mit seinen Auswirkungen aufs „Bioklima des Menschen“ erforscht. Reduziert ausgedrückt: Ideales Mikroklima sorgt für menschliches Wohlbefinden.

Für den Umweltmeteorologen liegt der Stadthof in einem Überwärmungsgebiet, er spricht in der Folge von Windkomfort und Hitzestress. Aus seiner Fachsicht lässt sich schließen: Mit Pavillons gibt’s auf dem Stadthof eine hohe Wärmebelastung, ohne Pavillons eine bessere Belüftung.

Das Stadtklima ist sicher ein Teilaspekt, aber nicht das alleinige Argument im Pavillon-Diskurs. Städtebauliche und finanzielle Argumente wiegen sicher genauso schwer. Für Stadtplaner Markus Eichberger spielen eher ästhetische Argumente eine Rolle. Fällt etwa der westlichen Pavillon (Polizeiladen), bekäme der Stadthof eine „Schieflage“: „Es müsste ein Gegenpol zum Café definiert werden – nicht unbedingt als Gebäude.“ Entscheidet sich das Parlament für den radikalen Einschnitt und den Wegfall beider Betonbauwerke, sei der Stadthof „neu zu denken“. Er erhielte er einen völlig anderen Charakter.

Es folgten Fragen. Etwa die von Bruno Persichilli (SPD) nach mehr Bäumen für den Stadthof. Antwort von Bauamtschefin Susanne Schöllkopf: „Auf der Tiefgarage nur sehr begrenzt möglich, in den Randbereichen nur nach Absprache mit der Feuerwehr wegen der Rettungswege.“

Und wie sieht’s mit dem Rathaus-Brunnen aus: „In der jetzigen Form ist er stark sanierungsbedürftig. Jedoch wird das Thema Wasser von allen Bürgern und in allen Entwürfen als wichtig eingestuft.“ Das alles fließt in die zweite Stufe des Wettbewerbs. Michael Weiland (CDU) hakt nach: „Das Projekt ‘Aktive Innenstadt’ beinhaltet auch private Akteure. Gibt es diese?“

Bei dieser Frage wendet sich Horst Schneiders Blick auf Günter Domogalla. Der Pächter des Cafés im östlichen Pavillon sagt: „Ich habe schon viel Geld in mein Café investiert. Mit meinen 59 Jahren mache ich das sicher nicht noch einmal. Ich zahle im Monat 3100 Euro Miete an die Stadt. Das ist mein Beitrag.“

Unterstützung erfährt er von der Union. „Bei der Neugestaltung des Stadthofs muss aus unserer Sicht unbedingt berücksichtigt werden, dass das derzeitige Kaffeehaus-Angebot erhalten bleibt, dies ist sowohl für die Attraktivität dieses zentralen Platzes als auch für die Anziehungskraft der Innenstadt von großer Bedeutung“, lautet die Stellungnahme von Michael Weiland und Anja Fröhlich.

Gerade das derzeitige Cafe vor dem Rathaus trage mit hoher Qualität und großer Auswahl wesentlich zur Belebung des Platzes bei und sei ein gern genutzter Treffpunkt. Dem pflichtet auch Barbara Levi-Wach von der Lokalen Agenda zu: „Ohne Pavillons wird’s schwierig. Die Bürger fühlen sich wohl, wie es ist.“ Für sie stellt sich die Frage, wie durch den Abriss von beiden Pavillons eine Belebung des Stadthofs erreicht werden soll.

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