Firmen in der Kostenfalle

+
Kirsten Schoder-Steinmüller diskutierte mit  Kurt Hunsänger (rechts) über die Energie- und Rohstoffpreise in Stadt und Kreis Offenbach.

Offenbach (mk) - Energie- und Rohstoffkosten machen den Unternehmen in der Region zunehmend zu schaffen.

Über die Herausforderungen sprachen Kirsten Schoder-Steinmüller, Geschäftsführerin der Schoder GmbH aus Langen, und Peter Sülzen von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn. An einer Erkenntnis kamen alle nicht vorbei: Strom wird noch teurer, sagte Kurt Hunsänger, Vorstand der Energieversorgung Offenbach (EVO).

Belasten eher Energie- oder Rohstoffkosten die Firmen?

Sülzen: Beides. Eine bundesweite Unternehmensbefragung der IHK-Organisation hat ergeben, dass für 86 Prozent aller Unternehmen die hohen Energiekosten ein Problem sind. Bei den Rohstoffpreisen haben von den Industrieunternehmen sogar 93 Prozent über Schwierigkeiten geklagt.

Schoder-Steinmüller: Bei unserer Firma schlagen vor allem die Rohstoffkosten zu Buche. Wir haben ein Einkaufsvolumen von 35 bis 37 Prozent vom Umsatz. Das sind Rohstoffe - zum Beispiel Aluminium und Edelstahl. Wir verbrauchen aber auch 1,4 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Das kostet etwa eine Viertel Million Euro.

Können Sie die Ausgaben noch stemmen oder greifen Sie schon zu Sparmaßnahmen?

Schoder-Steinmüller: Im Moment können wir das noch stemmen. Bei der Entwicklung der Energiekosten bin ich aber skeptisch. Die Energiewende belastet die Unternehmen sicherlich. Die Rohstoffkosten können wir zum Teil mit Materialteuerungs-Zuschlägen an die Kunden weitergeben.

Was unternimmt die EVO, um die Energiekosten auch für die Offenbacher Unternehmen im Zaum zu halten?

Hunsänger: Es ist wichtig, dass wir Energie dezentral erzeugen. Die EVO hat sich vor fünf Jahren, also weit vor Fukushima und der Energiewende, für dezentrale Erzeugung auf regenerativer Basis entschieden. Unsere Eigenerzeugung wollen wir verdoppeln, insbesondere mit Windkraft. Dafür haben wir bereits 90 Millionen Euro investiert. Wir setzen aber auch auf Holz in Form von Pellets, die wir in Heizkraftwerken nutzen. Hier haben wir 20 Millionen Euro investiert. Allerdings wird der eingeschlagene Weg kurzfristig zu keiner Kostenentlastung führen. Langfristig werden wir jedoch unabhängiger von den Märkten für fossile Brennstoffe und von internationaler Nachfrage.

Müssen sich alle also auf weiter steigende Kosten einstellen?

Hunsänger: Wenn man der Wahrheit Genüge tun will, dann ist das so. Die Strompreise setzen sich aus drei wesentlichen Elementen zusammen. Das sind die Netzkosten, die Steuern und Abgaben sowie die Erzeugungskosten. Erhebliche Investitionen in den Netzausbau sind nötig - also steigen die Netzentgelte. Dazu kommt, dass der Anteil der erneuerbaren Energien im vergangenen Jahr auf 20 Prozent gestiegen ist, was auch steigende Abgaben für erneuerbare Energien zur Folge hat. Unter dem Strich müssen wir mit steigenden Preisen rechnen. Im Jahr 2020 sollen es mindestens 35 Prozent sein - und die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif.

Herr Sülzen, behindern die Energiekosten Unternehmen in ihrer Entwicklung?

Sülzen: Ja. Höhere Kosten können in der Regel nicht eins zu eins über die Preise an die Kunden weitergegeben werden. Dadurch sinken der Ertrag der Unternehmen und damit die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten. Aber auch an anderen Stellen gibt es Hemmnisse. So entlastet beispielsweise die Ausgleichsregelung nach dem Erneuerbare-Energie-Gesetz vor allem die größeren Unternehmen. Kleine und mittelgroße Firmen werden benachteiligt.

Stellen Unternehmen wegen der Belastungen Investitionen zurück?

Schoder-Steinmüller: Herr Hunsänger hat gesagt, 35 Prozent der Energie sollen aus regenerativen Quellen kommen. Da kommen weitere Belastungen auf die Unternehmen zu. Beispielsweise entstehen Kosten für die Entsorgung von Photovoltaikmodulen. Die Belastungen müssen wir irgendwann tragen.

Sehen Sie weitere Probleme der Energiewende?

Schoder-Steinmüller: Die Versorgungssicherheit ist für uns wichtig. Wir können uns einen Blackout nicht leisten. Fällt der Strom aus, können an unseren Maschinen enorme Schäden entstehen. Herr Hunsänger, auf welche Weise werden denn in Zukunft die übrigen 65 Prozent Strom ohne Atomkraft erzeugt?

Hunsänger: Um den Bedarf zu decken, brauchen wir ein gutes Tageslastmanagement. Um die täglichen Schwankungen zwischen Stromverbrauch und -erzeugung auszugleichen, brauchen wir Gaskraftwerke, die schnell hochgefahren werden können. Zudem benötigen wir Speichermöglichkeiten und den Ausbau der Stromtransportnetze.

Ist die Versorgung der hiesigen Firmen mit Strom gesichert?

Hunsänger: Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass wir Sorge haben müssen, dass es zu einem Blackout kommt.

Energie oder Rohstoffe: Welche Belastung ist größer?

Sülzen: Im Schnitt machen in Deutschland in einem produzierenden Unternehmen die Energiekosten rund 2 bis 3 Prozent der Gesamtkosten aus. 40 bis 45 Prozent der Kosten sind Materialien. So wird deutlich, welcher Bereich die Unternehmen am meisten belastet. Gerade kleine und mittelgroße Unternehmen nehmen aber fälschlicherweise die Rohstoffpreise als gottgegeben hin, weshalb wir in der Praxis häufiger Klagen über die Energiepreise hören.

Hat sich die Situation seit der Energiewende verschärft?

Sülzen: Ja. Die allgemeine Unsicherheit über die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland und darüber, wer das am Ende alles bezahlen soll, hat sich natürlich auch auf die Unternehmen übertragen.

Schoder-Steinmüller: Die Kosten sind sehr volatil. Zum Beispiel sind die Preise im Aluminiumbereich hoch. Es gibt in Deutschland kein Aluminiumwerk mehr, weil dafür viel Strom benötigt wird. Und der ist hierzulande teuer. Zudem gibt es bei einigen Ländern protektionistische Maßnahmen, die die Preise hoch treiben.

Wie sichern sich Firmen gegen die Preisschwankungen ab?

Sülzen: Rohstoffpreise sind nicht gottgegeben. Es gibt verschiedene Möglichkeiten dem Problem entgegenzutreten. Zum einen mit vertraglichen Maßnahmen. Zum anderen gibt es moderne Möglichkeiten der Finanzierungsabsicherung durch die Banken. Ein großes Thema ist aber auch die Materialeffizienz. Rohstoffe, die ich gar nicht erst verwende, weil ich sie irgendwo einsparen kann, kosten auch nichts.

Wie sieht es bei Energie aus?

Schoder-Steinmüller: Ich setze auf eine Energieberatung, die mir beim Einkauf hilft. Darüber hinaus haben wir unsere Gebäude optimiert, so dass der Verbrauch gesunken ist. Und die Abwärme unserer Maschinen nutzen wir zum Heizen.

Ergreifen andere Offenbacher Firmen solche Maßnahmen?

Sülzen: Mehr und mehr. Es sind aber leider noch zu wenige. Viele Unternehmen wissen einfach nicht, wo sie anfangen sollen. Dabei gibt es sowohl bei der Energie-, wie auch bei der Materialeffizienz sehr gute Ansatzpunkte, um in diese Themen einzusteigen.

Herr Hunsänger, was kann ein Mittelständler tun, um seine Energiekosten zu verringern?

Hunsänger: Wir haben in den vergangenen Jahren die Angebote unserer Energieberatung deutlich ausgebaut - nicht zuletzt für Unternehmen. Wir sind aber an einer langfristigen Partnerschaft interessiert. Deswegen wollen wir den Unternehmen dabei helfen, dass sie keine Energie verschwenden.

Wie viel Energie kann ein Unternehmer einsparen?

Hunsänger: Das Potenzial liegt im zweistelligen Bereich.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare