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Energie sparen als Protest

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Von: Veronika Schade

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Unzufrieden mit der Gesundheitspolitik sind Kassenärzte wie Dr. Stephen Kaendler, Offenbacher Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Um auf die Situation aufmerksam zu machen, gab es gestern einen hessenweiten Protesttag.
Unzufrieden mit der Gesundheitspolitik sind Kassenärzte wie Dr. Stephen Kaendler, Offenbacher Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Um auf die Situation aufmerksam zu machen, gab es gestern einen hessenweiten Protesttag. © vs

Gestern fand ein weiterer Protesttag der hessischen Kassenärzte statt, der sich gegen die aus ihrer Sicht verfehlte Gesundheitspolitik richtete. Eine Offenbacher Neurologie-Praxis machte mit einem „Energiespartag“ auf die Missstände aufmerksam.

Offenbach - Das Licht ist gedämpft, die Heizung runter gedreht. Und statt ständig klingelnder Telefone ist es gestern ungewöhnlich ruhig – die Apparate sind direkt auf Anrufbeantworter geschaltet. Vor der Tür umdrehen müssen Patienten nicht, sie werden behandelt. Aber in reduzierter, „energiesparender“ Form. „So gibt es bei uns heute zum Beispiel keine elektrophysiologischen Untersuchungen mit Ultraschall“, erklärt Dr. Stephen Kaendler, Nervenarzt und Psychiater im Facharztzentrum an der Kaiserstraße.

Gestern fand ein weiterer Protesttag der hessischen Kassenärzte statt, der sich gegen die aus ihrer Sicht verfehlte Gesundheitspolitik richtete. Während manche Praxen ganz geschlossen blieben, rief der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) stattdessen zum „Energiespartag“ auf. „Die Ärzteschaft ist manchmal etwas zurückhaltend, was Proteste betrifft“, sagt Vorstandsmitglied Kaendler, „sie hat den ethischen Anspruch, die Patienten versorgen.“ Der Energiespartag sei eine Möglichkeit, auf die Missstände hinzuweisen und dennoch für die Patienten da zu sein.

Es sind viele Punkte, aufgrund derer die niedergelassenen Haus- und Fachärzte die bewährte ambulante Versorgung gefährdet sehen.

Während die allgemeinen Kosten stetig stiegen, Strom und Heizung immer teurer würden und das Personal bezahlt werden müsse, ändere sich an den Honoraren für die Praxen kaum etwas. „Sie werden um gerade mal zwei Prozent erhöht, die Krankenkassen haben für die nächsten beiden Jahre sogar Nullrunden gefordert. Das ist völlig entgegengesetzt zu dem, was das Leben momentan kostet“, ärgert sich der Neurologe. Die Inflation betrage fast zehn Prozent, somit sei man insgesamt im Minusbereich. Die neuen Vergütungsregeln seien insgesamt ein komplexes und undurchsichtiges System, mitunter würden Leistungen erst ein halbes Jahr später rückwirkend bezahlt. „Man weiß oft nicht, was man am Ende überhaupt kriegt, es gibt keine Planungssicherheit“, moniert Kaendler und fügt hinzu: „Welcher Handwerker würde so arbeiten?“

Allgemein stehe es um die Planungssicherheit schlecht, da sich an den Beschlüssen des Gesundheitsministers ständig etwas ändere – und das oft kurzfristig. So wurde jüngst die sogenannte Neupatientenregelung abgeschafft. Aber auch das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) mit seiner Terminvermittlung an Fachärzte durch die Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen oder den Hausarzt sehen viele Mediziner kritisch. Um Patienten schneller an Fachärzte zu vermitteln, werde deren Recht auf freie Arztwahl ausgehebelt. „Es ist ein teurer, aufgeblähter Apparat, der das Unpersönliche in der Medizin fördert“, findet der Offenbacher Nervenarzt.

In der Folge würden viele Patienten auf Kliniken und Medizinische Versorgungszentren ausweichen, statt Fachärzte aufzusuchen. Dort fehle aber wegen der wechselnden Belegschaft die persönliche Bindung und das wichtige Vertrauensverhältnis zum Arzt oder der Sprechstundenhilfe.

Die zunehmende Digitalisierung koste die Praxen Geld und Zeit für die Einrichtung und neue Zusatzausstattung. „Und die Prozesse werden dadurch nicht unbedingt beschleunigt“, sagt Kaendler. So führe die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu zusätzlichem Bürokratieaufwand im Vergleich zur papiergebundenen Bescheinigung.

Die Patienten würden verständnisvoll auf den Protesttag reagieren, lobt der Neurologe, in dessen Praxis umfangreiches Infomaterial ausliegt. „Sie haben das Recht zu wissen, warum wir protestieren. Es betrifft ja auch sie.“ Die Politik habe die Einstellung, „Die Ärzte machen das schon“, was er als mangelnde Wertschätzung bezeichnen würde. Deshalb ist er auch am 15. Februar dabei, wenn die Ärzteschaft eine große Demonstration auf dem Frankfurter Römer plant.

Von Veronika Schade

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