„Wie kann man so planen?“

Offenbach - Für die steigenden Strompreise macht der Chef der Energieversorgung Offenbach (EVO) vor allem die Politik verantwortlich. Staatliche Abgaben sowie amtlich genehmigte Kosten am Strompreis würden etwa 70 Prozent betragen, sagt Michael Homann im Interview mit Frank Pröse.

Muss die Energiewende für Endverbraucher so teuer sein, wie es jetzt nach den neuen Tarifen der Stromversorger - auch der EVO - den Anschein hat?

Über die Frage darf man in der Tat nachdenken. Im letzten Jahr hat die Kanzlerin angekündigt, dass die Umlage im Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) 2012 nicht mehr als 3,6 Cent betragen soll. Das hat nicht ausgereicht. Jetzt sind es für das nächste Jahr sogar 5,3 Cent geworden, auch weil 0,9 Cent aus dem Vorjahr nachgereicht werden. Das entspricht insgesamt einem Plus von 47 Prozent. Hinzu gekommen sind noch die ebenfalls gestiegene Umlage für die Befreiung energieintensiver Unternehmen, die sogenannte Offshore-Umlage zur Anbindung von Windparks auf hoher See sowie die von der Bundesnetzagentur genehmigten Netznutzungsentgelte. Damit betragen die staatlichen Abgaben sowie die staatlich genehmigten Kosten am Strompreis rund 70 Prozent. Für unsere Kunden bedeutet das für das neue Jahr eine Preissteigerung von 6,50 Euro im Monat in der Grundversorgung.

Den Verbrauchern wird geradezu angst und bange durch Horror-Prognosen, die ihre Sorgen nähren, dass sie sich Energie bald gar nicht mehr leisten können - und die Energiewende soll schuld sein…

Die Frage, die wir uns natürlich stellen müssen: Welche Kraftwerke oder Anlagen werden in welchem Umfang gefördert und führen dazu, dass die Kosten steigen? So ist beispielsweise die Stromerzeugung durch Photovoltaik erheblich günstiger geworden. Anders ist es dagegen bei Offshore-Windkraftanlagen. Sie ist im Moment die teuerste Form der Energieerzeugung. Unabhängig von den Ausbauplänen kommen dadurch weitere Kosten auf uns zu, zum Beispiel durch den erforderlichen Ausbau der Netze oder die Übernahme der Haftung bei fehlendem Netzanschluss. Ich persönlich bin ein großer Freund dezentraler Erzeugung und Speicherung von Energie - und zwar dort, wo sie gebraucht wird. Das hält die Kosten in Grenzen.

Da stellt sich natürlich die Frage der Akzeptanz durch die Bevölkerung. Auf hoher See spielt das keine Rolle, für die dezentrale Energieerzeugung schon, denn das kann mich ja mit dem Windpark um die Ecke unmittelbar betreffen…

Da haben Sie recht. In Deutschland werden sogenannte Offshore-Windanlagen weit draußen auf hoher See errichtet. Anders ist es zum Beispiel bei den Briten, die ihre Anlagen nahe an der Küste aufstellen. Das wirkt sich auf die Bau- und Betriebskosten aus. Und wenn sie dann noch berücksichtigen, dass sie an der Küste wenige Großverbraucher haben und deshalb die Energie über neue und teure Trassen ins Binnenland transportieren müssen, dann schlägt das auf den Strompreis - und damit auf die Akzeptanz der notwendigen Energiewende bei der Bevölkerung. Denn sie trägt letztlich einen Großteil der Kosten.

Ja, letztlich wird der Kunde zahlen. Im Moment hat es aber auch den Anschein, als ob die Branche selbst bei den Investitionen ins eigene Geschäft keine Risiken eingehen und sich dies vom Kunden abnehmen lassen will. Nach meinem Verständnis muss aber doch die Industrie entscheiden, ob sich Offshore lohnt oder nicht…

Die Entwicklung ist zum Teil verwunderlich. Wer baut schon eine Fabrik ohne selbst zu wissen, ob und wann er einen Straßenanschluss bekommt? Genauso verhält es sich bei den Offshore-Windparks. Wie kann man solche Projekte ohne einen gesicherten Netzzugang planen?

Die andauernde Debatte scheint von interessierter Seite geschürt zu werden, um die Zustimmung der Deutschen zu den Erneuerbaren Energien zu unterminieren. Auch wenn das bisher nicht gelungen zu sein scheint, verstärkt sich der Eindruck, dass interessierte Kreise die Energiewende verzögern wollen. Wir müssten doch froh darüber sein, dass der Zielkorridor für erneuerbare Energien früher erreichbar scheint…

Begrüßenswert ist, dass der Ausbau erneuerbarer Energien mit unverminderter Geschwindigkeit vorangeht. Was fehlt, ist die ehrliche Aussage, dass die Energiewende auch Geld kostet. Man ist davor zurückgeschreckt, dies der Bevölkerung zu erklären. Jetzt sind alle von den Kosten überrascht.

Mittlerweile werden über das EEG mehr als 20 Milliarden Euro abgewickelt und das wird in den nächsten Jahren auch so bleiben, bis die ersten geförderten Anlagen keine EEG-Vergütung mehr erhalten. Das wird voraussichtlich zwischen 2025 und 2030 der Fall sein.

Bis dahin werden wir den aufgelaufenen Kostenblock tragen müssen - plus der noch zu bauenden Anlagen. Was in der Diskussion noch fehlt: Wie soll die volatile Stromproduktion von Wind und Photovoltaik ausgeglichen und die Stromversorgung sichergestellt werden? Auch das wird nicht kostenfrei zu haben sein.

Wie sieht die Öko-Bilanz der EVO aus? Was ist in Ihrer Offenbacher Zeit alles aufgebaut worden?

Wir haben das Unternehmen im Jahr 2007 strategisch neu ausgerichtet. Dabei sind wir an verschiedenen Stellen aktiv geworden, zum Beispiel beim Aufbau unserer Stromproduktion durch Windkraftanlagen. Seit 2009 haben wir ein Joint Venture mit Juwi, einem Projektentwickler für Windkraftanlagen aus Wörrstadt. Seitdem haben wir etwa 100 Millionen Euro in drei Windparks mit 64 Megawatt installierter Leistung investiert. Das reicht für die Stromversorgung einer Stadt wie Offenbach und entspricht zirka zehn Prozent der in Hessen installierten Leistung. Zudem haben wir mehrere Photovoltaik-Anlagen gebaut: Den ersten Solar-Carport Offenbachs auf unserem Parkplatz an der Andréstraße, verschiedene Dachanlagen und als jüngstes Highlight die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Sparda-Bank-Hessen-Stadions. Und wir haben eine vollständige Wertschöpfungskette mit Holz aufgebaut: von der Holzaufarbeitung über die Pellet-Produktionsanlage mit einer Jahreskapazität von 65 000 Tonnen, die komplette Logistik bis hin zu mittlerweile 44 Nahwärmenetzen auf der Basis von Holzpellets in der Rhein-Main-Region.

Was sind Nahwärmenetze?

Über Nahwärmenetze werden Reihenhäuser, größere Wohnsiedlungen oder Mehrfamilienhäuser umweltfreundlich mit Wärme und Warmwasser versorgt. Das ist vergleichbar mit Fernwärme, nur mit kleineren, dezentralen Anlagen. Mittlerweile setzen wir etwa 14 000 Tonnen Pellets über diese Nahwärmenetze ab. Dafür nehmen wir auch Holzreste aus der Region, die wir in unserem Pelletwerk zu einem hochwertigen Brennstoff veredeln.

Welche Projekte sind noch geplant?

Geplant ist der weitere Ausbau der Windkraft. Wir sind gerade dabei, eine gemeinsame Gesellschaft mit dem Main-Kinzig-Kreis zu gründen, konkret mit den Kreiswerken Main-Kinzig. Wir wollen zusammen Windkraftanlagen bauen. Die ersten 18 Anlagen werden wir in Flörsbach/Jossgrund bauen, weitere acht Anlagen sind kurz vor Abschluss der Pachtverträge. Außerhalb des Main-Kinzig-Kreises soll noch mindestens ein weiterer Windpark im nächsten Jahr hinzukommen.

Was wollen sie in diesen Bereich investieren?

Alles in allem ist das ein Volumen von etwa 150 Millionen Euro und damit zirka 50 Prozent unserer geplanten Investitionen. Die aktuell 64 Megawatt, die wir heute haben, sind für unser Joint Venture Cerventus schon sehr viel. Wir werden bereits 2016/2017 bilanziell sämtliche Privat- und Geschäftskunden der EVO mit Strom aus eigener Erzeugung versorgen können. Das war immer eines unserer Ziele. Und wir erreichen es, schneller als gedacht.

Und wie sieht es mit der Photovoltaik aus?

Das ist von der Wirtschaftlichkeit her schwierig. Deshalb sind wir da im Moment zurückhaltend.

Wird auch der Pellet-Zweig der Energieversorgung Offenbach weiter entwickelt?

Ja, für den weiteren Aufbau von Nahwärmenetzen sind erhebliche Investitionen vorgesehen. Wir wollen in Zukunft mit der in unserem Pelletwerk produzierten Menge von 65.000 Tonnen Pellets unsere Nahwärmenetze betreiben.

Was haben Sie mit der Fernwärme vor?

Stand der Dinge ist, dass wir seit 2009 die Fernwärme in Heusenstamm ausbauen. Zunächst haben wir den Campus und das Schwimmbad angeschlossen. Seitdem bauen wir die Fernwärme im Westen der Stadt aus. Ist das abgeschlossen, wollen wir weitere Stadtteile ans Netz anschließen.

Darüber hinaus gibt es auch vielversprechende Gespräche mit anderen Kommunen. Und natürlich wollen wir mit attraktiven Angeboten den weiteren Fernwärmeausbau in Offenbach vorantreiben.

Hat das Müllheizkraftwerk denn genügend Kapazitäten für den weiteren Ausbau des Fernwärmenetzes, auch unter dem Aspekt, dass es heute ja schwierig ist, genügend Müll zum Verbrennen zu bekommen?

Die Ausbauplanung ist natürlich abgestimmt mit den Möglichkeiten der Produktion im Heizkraftwerk und im Müllheizkraftwerk. Da gibt es aber noch genügend Reserven.

Haben sie denn noch genügend Müll?

Auf die zusätzlichen Verbrennungskapazitäten in der Region haben wir uns eingestellt. So haben wir in diesem Jahr mit der Firma Frassur Entsorgungsdienste GmbH einen Logistiker erworben, der den Müll von den Gewerbebetrieben direkt in unserem Müllheizkraftwerk abliefert. Ich glaube, dass wir mit diesem Schritt unsere Anlage auch in Zukunft gut auslasten werden. Der Erwerb weiterer Logistiker ist geplant.

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