„Wir stehen Gewehr bei Fuß“

+
Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Helmut Geyer (links), und Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel hoffen, dass die Betriebe in der Region von der Energiewende in Deutschland profitieren werden.

Offenbach - Eine rasche Umsetzung der Energiewende hat das Handwerk in Stadt und Kreis Offenbach von der Bundesregierung verlangt.

„Wir stehen Gewehr bei Fuß. Die Energiewende muss endlich umgesetzt werden“, sagte Helmut Geyer, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn. Die Betriebe in der Region würden von der energetischen Sanierung profitieren, ergänzte Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel.

Im vergangenen Jahr freuten sich die Handwerker in Deutschland über gute Zahlen. Wie war die Entwicklung in Stadt und Kreis?

Kramwinkel: Wir liegen im Bundestrend. Die Unternehmen profitierten noch von den Konjunkturprogrammen und natürlich auch von den Fördermaßnahmen im energetischen Bereich. Die Umsätze sind ungefähr um zehn bis zwölf Prozent gestiegen.

Wie hat sich dies auf die Zahl der Arbeitsplätze ausgewirkt?

Kramwinkel: Die Firmen suchen qualifizierte Mitarbeiter.

Wie viele Betriebe gibt es eigentlich in der Region?

Geyer: Es gibt in Stadt und Kreis 7000 Firmen.

Und wie viele Mitarbeiter haben sie?

Kramwinkel: Die Betriebe haben durchschnittlich etwa fünf Angestellte. So kommen wir auf rund 40 000 Mitarbeiter bei den Handwerksbetrieben.

Welche Erwartungen haben sie an 2012?

Kramwinkel: Gedämpft zuversichtlich zeigen sich die Firmen. Es kommt unter anderem auf die Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien an. Entscheidend ist, was in Berlin entschieden wird. Da gibt es ein Riesenproblem. Der Bund will die energetische Gebäudesanierung von 2012 bis 2014 pro Jahr mit 1,5 Milliarden Euro unterstützen. Einen Teil der Sanierungskosten könnten sich Investoren dann mit einem Bonus vom Finanzamt zurückholen. Einige Bundesländer weigern sich aber, einen Teil der Steuerausfälle zu übernehmen. Wir fordern, dass die Maßnahmen über den Bundesrat freigegeben werden.

Was verspricht sich das Handwerk von der Energiewende?

Kramwinkel: Die Handwerksbetriebe in der Region profitieren von der energetischen Sanierung, egal, ob es um Wände, Dächer oder Fenster geht. Aber auch neue Heizungen könnten ebenso wie Solar- und Photovoltaikanlagen installiert werden. Eine ganze Spannbreite von Betrieben würde Geld verdienen, wenn die Maßnahmen beschlossen würden.

Geyer: Wir stehen Gewehr bei Fuß. Die Bundesregierung ist in Zugzwang. Die Energiewende muss endlich umgesetzt werden. Es war auch nicht gut, dass die Solarförderung von heute auf morgen reduziert wurde. Viele Dachdecker sagen, dass Kunden ihre Aufträge zurückgezogen haben.

Kramwinkel: Fördermaßnahmen müssen sein, um Anreize für Hauseigentümer zu schaffen.

Energieberater sind nicht zuletzt wegen der Energiewende gefragt. Wer sich für die energetische Sanierung seines Hauses interessiert, wird häufig mit zweifelhaften Diensten konfrontiert.

Geyer: Wir haben das Problem in Stadt und Kreis Offenbach nicht. Bei uns gibt es eine Liste mit qualifizierten Betrieben, die sich in dem Bereich engagieren. Zudem: Unternehmen aus Offenbach haben sich in der Energiesparinitiative zusammengeschlossen. Sie bietet ein breites Spektrum an Leistungen an. Ihr Ziel ist, Sparmöglichkeiten aufzuzeigen.

Geyer: Ein bisschen Skepsis hinsichtlich der Entwicklung in diesem Jahr herrscht bei den Betrieben auch, weil die Aufträge von der öffentlichen Hand rückläufig sind. Natürlich müssen die Kommunen wegen der Schuldenkrise sparen. Andererseits müssen die Verantwortlichen daran denken, dass ein Investitionsstau entsteht.

Kramwinkel: Nur in Kindergärten und Krippen wird investiert. Der Grund ist einfach: Das Land hat den Kommunen verordnet, wie viele Plätze sie zur Verfügung stellen müssen.

Wo drückt der Schuh bei den Handwerkern noch?

Kramwinkel: Die Energiekosten sind ein Riesenthema. Betriebe, die produzieren, merken das besonders. Die Strompreise sind in den vergangenen Jahren ja um zehn bis 15 Prozent gestiegen.

Geyer: Wegen der anziehenden Preise steigen auch die Werkstoffkosten. Das ist bisher in den Betrieben aufgefangen worden.

Kramwinkel: Zudem treffen die Spritpreise, die ebenfalls enorm gestiegen sind, die produzierenden Unternehmen wie auch die Montagebetriebe hart. Das könnte sich natürlich auf die Preise auswirken.

Muss der Kunde in Stadt und Kreis Offenbach also mit steigenden Preisen für Handwerkerleistungen rechnen?

Kramwinkel: Sie könnten steigen. Der Wettbewerb wird zeigen, wie sich die Preise entwickeln. Wegen der gestiegenen Kosten können die Betriebe auch Investitionen auf die lange Bank schieben.

Trotz der Probleme suchen die Handwerksbetriebe Mitarbeiter?

Kramwinkel: Fachkräfte werden immer gesucht. Wir versuchen, sie unter anderem über die Ausbildung zu finden. Deshalb unterstützt die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main die Imagekampagne des Zentralverbands des deutschen Handwerks.

Hat das Handwerk in Deutschland so ein schlechtes Image?

Kramwinkel: Nein. Wir müssen aber signalisieren, dass das Handwerk zukunftsfähig ist. Jeder kämpft um die jungen Leute, die in den nächsten Jahren aus den Schulen kommen. Ihnen wollen wir zeigen, welche Möglichkeiten sie in den Handwerksberufen haben.

Geyer: Über 50 Prozent der Anfänger in den Betrieben sind Hauptschüler. Das Handwerk ist attraktiv. Ich erinnere nur daran, dass die Betriebe in der Rezession wesentlich weniger Mitarbeiter entlassen haben als die Industrie. Und: Wir stellen Ältere ein.

Haben wir denn schon einen Fachkräftemangel in Stadt und Kreis?

Geyer: Ja.

Kramwinkel: Ja, das kann man sagen. Auf dem freien Markt findet man keine Fachkräfte. Es gibt nur einen Wechsel von einer Firma in die andere.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare