„Da fliegen mal die Fetzen“

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In die Regelschule geschafft: Der kleine Nico ist eines der Kinder, für die Inklusion dank Igel-OF keine leere Worthülse ist.

Offenbach - Dass behinderte und nicht-behinderte Kinder dieselbe Schule besuchen, sollte nach dem Schulgesetz die Regel sein. In der Praxis aber scheitert Inklusion oft. Der Verein Igel-OF erhält für seine Arbeit heute den Ferdinand-Kallab-Preis. Von Veronika Schade 

Der Igel ist ein possierliches Tier, aber er hat auch Stacheln. Damit ist er das perfekte Symboltier für den Verein Igel-OF (Initiative Gemeinsam Lernen für Stadt und Kreis Offenbach). Auch dieser kann schon mal ungemütlich werden, wenn es um das Erreichen seiner Ziele geht. „Manchmal fliegen zuerst die Fetzen“, gesteht Vorsitzende Dr. Dorothea Terpitz. Dabei sollte das Ziel, um das er kämpft, eine Selbstverständlichkeit sein: Inklusion an Schulen – also das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung.

Seit seiner Gründung im Februar 2011 berät Igel-OF gleichermaßen Eltern und Pädagogen, leistet politische Arbeit in den Kommunen und bringt das Thema Inklusion immer wieder in die Öffentlichkeit, ob in Form von Veranstaltungen oder Infomaterial. Waren es anfangs 15 Eltern, zählt der Verein inzwischen mehr als 100 Mitglieder. Sein Engagement wird heute vor der Stadtverordnetensitzung belohnt: Igel-OF erhält den Ferdinand-Kallab-Preis. Der städtische Sozialausschuss vergibt ihn seit 1981 jährlich an Personen, Verbände oder Organisationen, die sich auf sozialem Gebiet engagieren. Er ist mit 1020 Euro dotiert.

Terpitz freut sich über die Auszeichnung, sieht sie vor allem als Würdigung für die Sache der Inklusion. Diese ist nach Paragraf 51 des neuen Schulgesetzes der Regelfall. Deutschland ist laut UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet, jedem Kind „Zugang zu einem hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen“ zu ermöglichen. Aber im Alltag ist sie keine Selbstverständlichkeit. Es fehlt an Ressourcen, es fehlt an Geld und oft an gutem Willen.

In Fällen, in denen eine Schule ein behindertes Kind nicht aufnehmen will, pocht der Verein auf die Gesetzeslage. „Die Schulen denken, das sei eine Aufgabe, die obendrauf kommt und sie zusätzlich belastet“, sagt Terpitz. „Wir erklären ihnen, dass sie es sowieso tun müssen.“ Viele Schulen müssten ebenso umdenken wie die Gesellschaft, für die das Abschieben von Behinderten in Sonderinstitutionen die übliche Lösung ist. Der Verein bringt Eltern und Vertreter der Schule an einen Tisch, berät lösungsorientiert, unterstützt die Familie rechtlich, etwa bei Klagen für Teilhabeassistenz.

Schulen, die sich öffnen, profitierten letztlich von der Inklusion – die 47-Jährige ist von einem „Nachteilsausgleich“ überzeugt: „Sie gehen auch mit den anderen Kindern anders um. Der Unterricht ist individueller.“ Es sei ein verbreiteter Irrglaube, dass die behinderten Schüler die anderen aufhielten. Dank des Umfelds und Inputs einer Regelschule entwickelten Kinder mit Handicap oft ungeahnte Fähigkeiten. Trotzdem ist eine Regelschule nicht immer die richtige Lösung, weiß die Vorsitzende und rät in manchem Fall zur Förderschule. „Aber von unserem Verein ist kein Kind gegen den Willen der Eltern auf einer Förderschule“, betont sie. Vergangenes Jahr wurden in Stadt und Kreis 40 Kinder inklusiv beschult.

Terpitz sieht die Stadt auf einem recht guten Weg. Die Stundenzahl für Förderlehrer sei höher als im Kreis. Die Zusammenarbeit mit dem Schulamt verlaufe aber nicht immer optimal. Die Politik zeige zwar guten Willen, ziehe sich aber zurück, sobald es konkreter werden soll. So bleibt für Igel-OF viel zu tun: Netzwerken, aufklären, beraten, helfen, weiterbilden – und für eigentlich Selbstverständliches kämpfen.

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