Entspannen in anderer Dimension

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Der Doppel-Tank in der „Floatbase“ ist erstaunlich groß. Unsere Testerin liegt schon mal Probe. Gleich kommt noch ihr Partner dazu, danach wird es dunkel und still.

Sich eine Stunde freiwillig in einen dunklen, mit Salzwasser gefüllten Tank legen, abgeschnitten von allen Reizen der Außenwelt? „Bestimmt nicht“, sagt mein Freund rigoros. Der neue Entspannungstrend „Floating“ kann ihn zunächst gar nicht locken. „Da kriegt man ja Platzangst.“ Von Veronika Szeherova

Ich bete mein angelesenes Wissen über die vielen positiven Wirkungen des Schwebens in der Salzlauge vor. Tiefenrelaxation, Hautpflege, Linderung von Muskel-, Gelenk- und Rückenschmerzen. „Außerdem gehen wir zusammen in einen Doppeltank“, versuche ich es weiter. „Dann ist es auch nicht so extrem.“ Eine Woche später sind wir auf dem Weg zur „Floatbase“ in Frankfurt.

Dort werden wir freundlich von Gunnar Ehrke empfangen. Das Vorstandsmitglied vom Deutschen Floating Verband weiht uns Neulinge bei einem Glas Wasser in die Geschichte des Floatens ein: „Die Grundidee ist der komplette Reizentzug. An sich nichts Neues, schon im Altertum haben Eremiten und Mönche ähnlich meditiert.“ 1954 hätten Harvard-Wissenschaftler untersucht, was mit dem Gehirn passiert, wenn es keinen Reizen ausgesetzt ist. Ob es ausgehe? „Dabei entstand das Floating in seiner jetzigen Form“, erklärt Ehrke.

Krankenkassen erkennen Heilmethode noch nicht an

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Hintergrund: Floating

Einige Tipps vorab bekamen wir schon telefonisch: Möglichst keinen Kaffee oder Tee trinken, nicht frisch rasiert und epiliert sein, keinen Hunger haben, aber auch nicht zu vollgegessen kommen. Eine Erklärung müssen wir auch unterschreiben, dass wir aufgeklärt worden sind. „Noch erkennen Krankenkassen Floaten als Heilmethode nicht an“, erläutert Ehrke. „Verhandlungen mit dem Floating Verband laufen bereits und sind auf einem vielversprechenden Weg.“

Exakt 34,8 Grad hat das Wasser in den zwei Einzel- und einem Doppeltank der „Floatbase“. „Das ist genau die Außentemperatur der menschlichen Haut“, weiß Ehrke. Das verursache einen fließenden Übergang zwischen dem eigenen Körper, dem Wasser und der Luft. „Im Idealfall wird man eins mit der Umwelt, merkt gar nicht mehr, wo der Körper überhaupt aufhört.“

600 Kilo Salz auf 1200 Liter Wasser

Die Dichte des Wassers sei der im Toten Meer angepasst. 600 Kilogramm Salz verteilen sich in unserem Doppeltank auf 1200 Liter Wasser. Keine Chance unterzugehen. „Außerdem ist das Wasser durch den hohen Salzgehalt sehr weich, fast ölig“, erklärt Ehrke weiter. Das wirke entschlackend und hautpflegend. Schrumpelige Haut wie nach einem normalen Vollbad könne man vergessen. Auf Haut so weich wie ein Babypopo könnten wir uns stattdessen freuen, verheißt uns der Floating-Fachmann.

Dann geht es schließlich ans Eingemachte. Wir betreten den Raum mit unserem Partner-Tank, der uns ganz allein zur Verfügung steht. In dem modernen, blitzblanken Badezimmer haben wir neben völliger Privatsphäre ein eigenes Waschbecken, Toilette und Dusche. Handtücher, Duschgel, Shampoo und Haartrockner bekommen wir ebenfalls gestellt. 89 Euro kostet die Stunde im Doppeltank. Man kann aber auch kürzere oder längere Sitzungen buchen. Im Einzeltank kostet es 59 Euro pro Stunde.

Entspannung mit Geräuschen oder in völliger Stille

Bevor wir uns in unseren Partner-Tank legen, der zu unserer Freude viel eher ein kleiner runder Pool mit hohen Decken ist, erklärt Gunnar Ehrke uns die drei Knöpfe am Beckenrand. Einer ist ein Lichtschalter, mit dem zweiten können wir das Meeresrauschen als Hintergrundgeräusch ausschalten. „Städter entspannen oft besser mit Geräuschen als in völliger Stille“, weiß Ehrke aus Erfahrung. Der dritte Knopf ist ein Alarmknopf. An das Gefühl beim Floaten müsse man sich erst einmal gewöhnen. Der Alarmknopf helfe dabei, sich sicherer zu fühlen. „Ich stürme aber nicht wie Superman hier rein, um euch zu retten, sondern klopfe erst mal an, um zu fragen, ob ihr nicht vielleicht durch Zufall an den Knopf gekommen seid“, sagt Ehrke lächelnd. Mit diesem Hintergrundwissen steigen wir endlich ins Wasser.

Der enorme Auftrieb überrascht mich. Zwei Drittel des Körpers sind über Wasser. Wir liegen bequem wie auf einer Couch, dabei ohne jegliche Druckpunkte. Noch sind Licht und Meeresrauschen an. Mutig machen wir es aus.

Die völlige Stille und Dunkelheit wirken erst bedrückend, Unbehagen steigt in mir auf. Es ist gut, die Hand meines Liebsten zu fühlen. Irgendwas existiert doch noch. Nach einer Weile weicht das befremdliche Gefühl. Doch meine Gedanken kreisen wie wild. Arbeit, Artikel, Arbeit, Artikel. Ich ärgere mich über mich selbst.

Mein Freund sagt etwas, doch ich verstehe ihn nicht. Meine Ohren sind unter Wasser, Ohropax ist auch drin. Irgendwann ertappe ich mich dabei, wie ich nur noch seine und meine Atemgeräusche wahrnehme und das Plätschern, wenn man sich bewegt. Es ist schön.

Reizarm ist etwas anderes

Leider fangen meine Gedanken bald wieder an zu rotieren. Umso häufiger man es macht, desto schneller und intensiver setze auch das Entspannungsgefühl ein, hat Ehrke gesagt. Er wird damit Recht haben, denke ich.

Ich schmiege mich an den schwerelosen Körper meines Liebsten. Angenehm. Doch reizarm ist etwas anderes. Ich gleite wieder weg, konzentriere mich erneut auf meinen Atem. Mein Süßer treibt auf mich zu und stößt mich mit dem Fuß an. Das erschwert das völlige Abschalten sehr.

Die Stunde vergeht dennoch schnell. Als Licht und Meeresrauschen angehen, erscheint beides grell. Ich hebe langsam meinen schweren Arm. Schade, schon vorbei. Mein Freund grinst mich selig an. „Das war so toll!“, meint er. „Bin total entspannt. Das müssen wir wiederholen.“

Mache ich gerne. Aber dann eher allein. Dann kann ich ganz bei mir sein. Ist sicher intensiver. Sorry, Schatz.

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