Entstanden in bewegten Zeiten

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Friedenskirche Offenbach

Offenbach - Mit 100 Jahren sei ein christliches Gotteshaus noch jung, meinte Pfarrer Friedrich Metzger. Von Lothar R. Braun

Doch als er am Freitagabend im Gemeindesaal der evangelischen Friedenskirche das Wort an den früheren Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel abgegeben hatte, wurde deutlich: Das Jahr 1912 kann uns nahe und zugleich sehr fern erscheinen.

Es ist das Entstehungsjahr der Friedenskirchengemeinde. Von Ruppel wollte sie erfahren, in was für einer Stadt ihre Kirche damals gebaut worden ist. Der Vortrag war Glied in einer Kette von Veranstaltungen, die das Jubiläumsjahr durchziehen.

Ruppel zeichnete das Bild einer Stadt mit vielfältig blühender Industrie und sozialen Spannungen, mit einer erhitzten politischen Atmosphäre und einem lebhaften Vereinsleben, im Erscheinungsbild geprägt von einer wahren Bevölkerungsexplosion. Eine bedrückende Verschuldung belastete die städtische Kasse, aber es gab auch schon eine frühe Form der Frauenbeauftragten. Sie stand verheirateten Fabrikarbeiterinnen zur Seite.

Zwei Zahlen erschienen Ruppel kennzeichnend für 1912

„Offenbach hatte 140 Fabrikschornsteine und 310 Gaststätten“. Die Altstadt war zum Wohnbezirk der Armen herabgesunken. Im Westend hatte sich ein Villenviertel gebildet, dessen Strukturen bis heute zu erkennen sind. Dort entstand die neue Kirche, die in ihrem Namen die Sehnsucht nach Frieden ausdrücken will. Zwei Jahre nach der Weihe entflammte der große Krieg, der die Welt veränderte.

Doch beim Blick auf die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg gewahrt Ruppel in Offenbach auch Elemente einer damals ungewöhnlichen Fortschrittlichkeit. Die Stadt verfügte über eines der modernsten Krankenhäuser der Zeit. Sie unterhielt ein Hallenbad und eine Schulzahnklinik, ein Krematorium, Straßenbahnen und eine Technische Lehranstalt, die in freien Künsten ebenso unterrichtete wie im Maschinenbau und in Architektur. Was diese Jahre an Industriebauten, an öffentlichen und privaten Gebäuden überdauert hat, genießt in großen Teilen noch immer Respekt.

Mehrzahl der Bewohner lebte in Enge von Kleinwohnungen zur Miete.

 Dabei waren Gewerbe und Wohnungen eng verzahnt. Dreizehn „Armenpflegebezirke“ gliederten die soziale Fürsorge in einem Stadtgebiet, das sein Bild immer schneller veränderte. Im Vereinsleben stellte sich ein verbreitetes Streben nach musischer und geistiger Bildung dar. Doch es war gespalten in konfessionelle, soziale und politische Prägungen. Katholische Vereine hatten wenig Kontakt mit protestantischen, Arbeitervereine keine mit den bürgerlichen.

Das will uns fremd und fern anmuten. Doch wie Ruppel das Offenbach von 1912 als Spannungsfeld aus Licht und Schatten ausmalte, das ließ uns diese Zeit wieder sehr nah erscheinen.

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