Entzweiende Ehrung

Offenbach - Es gibt Auszeichnungen, die machen nicht kollektiv stolz. Sie entzweien. So entstehen widerstreitende Lager nach der Verleihung des Aachener Friedenspreises an die Offenbacher Käthe-Kollwitz-Schule. Von Thomas Kirstein

Diese wurde einer Ehrung für würdig befunden, weil sie Jugendoffiziere der Bundeswehr bei sich nicht informieren und werben lassen will. Auch in Aachen tobt die Debatte; die Preisverleiher haben zudem mit dem Makel zu kämpfen, dass einer ihrer Preisträger durch spätere Aktionen inzwischen als antisemitischer Volksverhetzer gilt.

Die aus Lehrern, Eltern und Schülern gebildete Konferenz der nach der Künstlerin und Pazifistin Käthe Kollwitz benannten Offenbacher Berufsschule beschloss: „Wir wollen nicht, dass unsere Schülerinnen und Schüler für einen Krieg gegen andere Völker rekrutiert werden. Und wir wollen auch nicht, dass sich die Bundeswehr als friedensschaffende Kraft anpreisen kann.“

Anlass war die Vereinbarung von acht Bundesländern, die der Bundeswehr den Zugang zu Schulen erleichtern soll. Seitdem prallen die Überzeugungen aufeinander. Stefan Grüttner, Hessens Sozialminister und Offenbachs CDU-Vorsitzender, machte den Anfang. Der Preis verunglimpfe die Institution Bundeswehr, beleidige Soldaten, die Leib und Leben riskierten. Lehrer zeigten ein „beängstigendes Maß an historischer Unkenntnis und ideologischer Verblendung“.

Entscheidung der Schule

Der Reservistenverband rügte die Verweigerung, weil jungen Leuten die Chance genommen werde, sich – auch kritisch – mit sicherheitspolitischen Themen auseinanderzusetzen. Die SPD in Person des Stadtverordneten Lutz Plaueln lobte die Entscheidung der Schule hingegen als wichtiges friedenspolitisches Zeichen, das nicht als Demokratiedefizit verunglimpft werden dürfe.

Durch die Linke verlagern sich die Fronten in die Stadtverordnetenversammlung. „Kein Werben fürs Sterben“ hatte ihr Antrag betitelt sein sollen. Nach Intervention von Vorsteherin Sieglinde Nöller (CDU) wurde es jedoch umständlicher: „Werbemaßnahmen für vorzeitig beendetes Leben durch Tod im Dienst der Bundeswehr“. Das milderte nicht die Heftigkeit des Gegenwinds.

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CDU-Vize Roland Walter nennt den Antrag „eine Provokation“ und ledert ab: Durch den Preis würden sich „einzelne verirrte Seelen bestätigt fühlen“; der Linken-Antrag belege mangelndes Demokratieverständnis und ein hohes Maß an „Unkenntnis und ideologischer Verblendung“; der Preis beleidige Soldaten, die Menschenrechte schützten und Fluthilfe leisteten; den Lehrern solle man eigentlich keine Kinder anvertrauen; die Antragsteller hätten wohl aus 40 Jahren DDR nichts gelernt. „Was muss denn in Ihrem Lebenslauf falsch gelaufen sein, dass Sie so einen Antrag stellen?“, fragte Walter die Linken.

Den Antrag hatte die 20-jährige Fiona Merfert begründet. Sie lobte die „Zivilcourage“ der Schulgemeinde, die nicht zulassen wolle, dass mit „finanzieller Werbe-Aufrüstung“ die Bundeswehr als „cooles Abenteuercamp“, Krieg als notwendig und Soldatentum als normaler Beruf dargestellt werde.

Weiterführende Schulen in Offenbach

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Formale Zustimmung gab es für den Antrag nicht, teilweise aber Verständnis. Die Grüne Brigitte Koenen meinte, jede Schule müsse selbst entscheiden können, ob sie Besuch der Bundeswehr, die ja keine reine Friedensarmee mehr sei, wünsche.

Sozialdemokrat Martin Grünewald sah das Thema von der CDU „aufgebauscht zu einer militärhistorischen Debatte“, die Wortwahl des Unionssprechers bezeuge ein „krudes Weltbild“. Seine Partei teile Skepsis gegen die fragliche Werbung, stehe aber hinter der Bundeswehr.

Eine „Gespensterdebatte“ gruselte Freidemokrat Dominik Schwagereit – auf der einen Seite Vorwürfe wie gegen ehemalige Mauerschützen, auf der anderen die durchklingende Forderung, die Bundeswehr selbst zu verbieten. Für ihn sei die Bundeswehr nötig, um Menschenrechte auch weltweit zu schützen. Gut sei aber, dass die Schulen in dieser strittigen Frage selbst entscheiden könnten.

Rubriklistenbild: © dpa

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