Erde der Wirklichkeit

Offenbach ‐ Ein der Öffentlichkeit kaum noch bekanntes Kapitel der Offenbacher Pressegeschichte wird in diesen Tagen in Erinnerung gebracht. Vor 135 Jahren, am 24. Dezember 1874, wurde das „Offenbacher Abendblatt“ gegründet, das 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sein Erscheinen einstellen musste. Von Lothar R. Braun

Die Zeitung war ein Kampforgan der Sozialdemokraten. Ihr Name lebt fort in einer GmbH, die den Immobilienbesitz des einstigen Parteiverlags verwaltet. Als Weihnachtsgruß hat die Immobilienverwaltung in diesem Jahr einen faksimilierten Auszug aus dem Abendblatt vom 20. Dezember 1924 verschickt. Es war die Festausgabe zum damals 50-jährigen Bestehen.

Viele Jahre lang hat Carl Ulrich, der hessische Staatspräsident von 1919 bis 1928, das Blatt geleitet, als Chefredakteur, als Herausgeber und zuletzt als Verlagsgeschäftsführer. In der Jubiläumsausgabe von 1924 schreibt er, wie es dazu kam. Im August 1875, als sich drei miteinander zerstrittene Arbeiterorganisationen zur Sozialdemokratischen Partei vereinten, hatte Ulrich im Seligenstädter Saal „Zum Riesen“ auf der Verbrüderungsfeier zu sprechen.

„Du bist zum Redakteur gewählt!“

Er schreibt: „Meine Aufgabe war erfüllt, und ich konnte mich wieder auf die Füße machen, um nach Offenbach zu kommen. Damals mussten unsere Redner fast immer zu Fuß ihre Touren machen, denn Geld für Eisenbahn oder Droschken war nicht vorhanden. Ein paar Stunden zum Ort der Versammlung und wieder ein paar Stunden zurücklaufen, das gehörte mit zur Agitation. So machte ich mich denn wieder auf den Weg, um die Strecke, die ich des Vormittags von Offenbach nach Seligenstadt gemacht hatte, nachmittags in umgekehrter Richtung zurückzulegen. Ich beeilte mich, wieder nach Offenbach zu kommen, weil ich in der Tat neugierig war zu hören, was aus der gemeinsamen Besprechung wegen der Presse geworden war.“

Zwei Genossen, die er unterwegs traf, wussten bereits, was in Offenbach beschlossen worden war: „Du bist zum Redakteur gewählt!“ Erschreckt wandte der Eisendreher Ulrich ein: „Das geht nicht. Das kann ich doch gar nicht!“ Doch die Partei hatte entschieden: „Was du nicht weißt, kannst du lernen. Du bist jung.“ Voller Zweifel, aber folgsam machte Ulrich sich anderntags auf den Weg zur Maschinenfabrik Neubecker, um seine Arbeitsstelle zu kündigen. „Neue Offenbacher Tageszeitung“ hieß zu dieser Zeit das Blatt, das ihm nun anvertraut war.

Blick in die Frühzeit der Offenbacher SPD

Der aus fünf DIN-A-4-Seiten bestehende diesjährige Weihnachtsgruß der Erbengesellschaft bietet einen Blick in die Frühzeit der Offenbacher SPD. Ulrichs Vorgänger, der erste Herausgeber Wilhelm Blos (später Ministerpräsident in Württemberg) berichtet darin zum Beispiel: „Die Partei war damals noch klein und obendrein gespalten in zwei sich heftig bekämpfende Richtungen, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und die ‚Eisenacher'. Im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein waren die Anhänger Lasalles organisiert, während sich bei den ‚Eisenachern' die Anhänger Bebels und Liebknechts befanden, so genannt von dem Eisenacher Parteikongress von 1869“.

Die Jubiläumsausgabe von 1924 hält es für bemerkenswert, dass das Offenbacher Parteiorgan sich stets eine pragmatische Realitätspolitik verordnet habe. Gleichwohl habe es sich bemüht, seine Leser als Sozialdemokraten „zu schulen und zu führen“. Im verschraubten Pathos der Zeit wird versichert, das Blatt habe dafür gesorgt, dass seine Leser „im Kampf um die Zukunft der bisher Enterbten und um die Eroberung der höchsten Menschheitsgüter das Haupt wohl zu den Wolken erhoben marschieren, dass aber der Fuß niemals den Zusammenhang mit der Erde der Wirklichkeit verlor“.

Das war schon viel in einer Zeit, die unter Politik vornehmlich den erbitterten und oft gehässigen Streit über Theorien und Ideologen verstand.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare