Wer erfand die Hundesteuer?

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Dokumente aus dem Stadtarchiv im Haus der Stadtgeschichte erlauben die These, dass die Hundesteuer eine Offenbacher Erfindung ist.

Offenbach (mcr) - Die Zeit ist wie ein Hund. Ab und zu vergräbt sie Dinge, deren Nährwert eher gering ist, die ihren Entdeckern viele Jahre später aber wie ein kleiner Schatz vorkommen dürfen.

Günter Scheib, einem Mitarbeiter des Offenbacher „Hauses der Stadtgeschichte“, ist gerade solch ein Fund geglückt. Bei der Recherche über die – verglichen mit den heutigen Miesen der Stadt geradezu niedliche – Schuldenkrise im einstigem Fürstentum Isenburg hat er Dokumente mit überraschendem Inhalt ausgegraben. Sie lassen den Schluss zu, dass Historiker, die die Erfindung der Hundesteuer bisher dem Fürstentum Sachsen-Coburg des Jahres 1809 zuschreiben, wohl irren. Denn schon zwei Jahre zuvor führte Offenbach eine „Hunds-Taxe“ ein.

Die Kreativität der Vorfahren war nicht anders motiviert als die Überlegung der gegenwärtigen Kommunalpolitik, von Offenbacher Hoteliers bald für jede Übernachtung ein wenig „Bettensteuer“ zu kassieren: akuter Geldmangel.

Hauseigentümer mussten je nach Zahl der Fenster und Stockwerke zwischen 20 und 48 Kreuzer pro Jahr zahlen

Von 1793 bis 1807, schreibt Scheib, „hatte die Stadt Offenbach als Folge der Kriege im Anschluss an die Französische Revolution durch erlegte Kriegs-Contributionen, Lieferungen, Einquartierung und durch sonstig mancherley Kosten“ eine Schuldensumme von 40.000 Gulden angehäuft. Das Defizit führte zur Einrichtung eines speziellen „Kriegs-Schulden-Tilgungs-Fonds“. Der sollte nach dem Willen „des souverainen Fürsten zu Ysenburg“ aus verschiedenen Quellen gespeist werden. Die Akzise, eine Verbrauchssteuer auf Mehl, Schlachtvieh, Wein, Apfelwein, Branntwein, Essig und Öl wurde spürbar erhöht. Hauseigentümer mussten je nach Zahl der Fenster und Stockwerke zwischen 20 und 48 Kreuzer pro Jahr zahlen.

Und auch eine „Classen-Personal-Steuer“ wurde eingeführt. Taglöhner, Fabrikarbeiter und „geheuratete“ Gesellen hatten einen halben Gulden jährlich zu entrichten, kleine Handwerker einen Gulden, Handwerker mit Gesellen sowie Metzger, Bäcker, Krämer und Gastwirte drei Gulden. Für die oberste Klasse wurde kein Steuertarif festgelegt, hier sollte „ein eigenes Abkommen zu treffen, versucht werden“. Aus einem „Verzeichnis der Summen wozu sich Fabrikanten, Rentenierer, Kaufleute und Banquiers zu Offenbach in Absicht ihrer Leistungen zum dasigen Städtischen Kriegsschulden Tilgungsfonds erklärt haben“, geht hervor, welche Beiträge sie zu leisten bereit waren. An der Spitze: die Schnupftabak-Fabrikanten Gebrüder Bernard mit 800 Gulden. Auch der Kapellmeister Anton André gehörte mit 154 Gulden zu den größeren Beitragszahlern.

1811/12 kamen „an Hunds-Taxen“ ganze 43 Gulden und 30 Kreuzer zusammen

Und neu eingeführt wurde im Jahre 1807 schließlich auch eine „Hunds-Taxe“. Damit, fasst Scheib zusammen, „war Offenbach möglicherweise die erste Stadt in Deutschland, in der eine Hundesteuer erhoben wurde“ – anders als es das Internet-Lexikon Wikipedia erklärt. Da ist bisher davon die Rede, dass in Deutschland erstmals im Juli 1809 Sachsen-Coburg eine Hundesteuer erhob, um die Zahl der Hunde und damit die Tollwutgefahr zu verringern.

Gestützt wird Scheibs These durch ein von ihm im Offenbacher Stadtarchiv studiertes Dokument, die „Beilage zu Nro. 13 des Privilegirten Offenbacher Frag- und Anzeige-Blatts“ vom Februar 1807. Im Wortlaut heißt es dort: „Soll künftig von jedem haltenden Hunde, zumalen mit Rücksicht des in hiesigem Orte geschehenden übermäßigen Hundehaltens, jährlich eine Taxe von 1 Rthlr, jedoch unter gewissen … Ausnahmen … erleget werden.“ Diese Ausnahmen betrafen wohl Wachhunde, Jagd- und Hütehunde und andere Vierbeiner, die nützliche Arbeit verrichteten.

Aus den Akten, die das Offenbacher „Kriegs-Schulden-Tilgungs-Comité“ hinterlassen hat, kann man auch ersehen, welchen Ertrag diese Steuer erbracht hat: Im Rechnungsjahr 1811/12 kamen „an Hunds-Taxen“ ganze 43 Gulden und 30 Kreuzer zusammen, etwas mehr als 1 Promille des zu tilgenden Schuldenbergs. Immerhin: Kleinvieh macht auch Mist.

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