Offenbacher Frank Witzel auf Shortlist für Buchpreis

Erfinden, um die Welt zu erklären

Offenbach - Gut möglich, dass ein Offenbacher nächsten Montag mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wird. Mit seinem Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ steht Frank Witzel auf der Shortlist. Von Stefan Michalzik

Der seit vielen Jahren in Offenbach lebende Autor Frank Witzel gehört zu den sechs Nominierten der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015.

Eine griffige Formel ist auf diese Generation nicht geprägt worden. Jene der Jahrgänge von der Mitte der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre. Ihnen vorausgegangen waren die 68er, nach ihnen kamen die Punks. An beiden Phänomenen, sagt Frank Witzel, ist er als Jugendlicher interessiert gewesen. Dazugehört habe er hier nicht wie dort nicht. Mit seinem jüngsten Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist der Schriftsteller für den Deutschen Buchpreis nominiert worden, er wird auf der sechs namen umfassenden Shortlist geführt. Witzel ist 1955 in Wiesbaden geboren worden, er lebt seit dreißig Jahren in Offenbach, in einem gründerzeitlichen Haus nahe der Innenstadt. Vor drei Jahren hat er den Robert-Gernhardt-Preis zugesprochen bekommen, das Preisgeld sowie diverse Stipendien ermöglichen es ihm, sich auf das literarische Schreiben zu konzentrieren, die Brotarbeit als Lektor und Herausgeber hat er eingestellt.

Die Generationserfahrung, so Witzel, spiele zwar eine starke Rolle für seinen Roman, autobiografisch sei er indessen nicht zu lesen. Es gibt nicht den einen, sondern mehrere Erzähler, mit unterschiedlichen Sichtweisen. Neben einem Erzählen aus dem Blickwinkel der Zeit heraus stehen Reflektionen aus heutiger Sicht. Das Motiv: das Aufwachsen in einer Zeit der massiven Umwälzungen in politischer und kultureller Hinsicht. Seit Ende der neunziger Jahre schon beschäftige er sich mit diesem Thema, an dem 800 Seiten starken Roman hat er schließlich vier Jahre lang gearbeitet.

Um sich die Welt zu erklären, habe dieser Teenager sich die Dinge erfinden müssen. So imaginiert er die Rote Armee Fraktion (RAF), noch bevor sie tatsächlich in Erscheinung getreten ist. Aber auch rückwärts gewandt habe er Dinge „erfinden“ müssen. Um verstehen zu können, was vor sich gegangen ist in der jüngsten Geschichte. Denn geredet worden ist darüber nicht.

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Anfang der sechziger Jahre sei der Konservativismus noch sehr ausgeprägt gewesen, in Schule, Kirche und Familie. „Da musste man um jeden Zentimeter kämpfen, den die Haare länger wurden.“ Die Lehrer seien zum Teil einstige Nazis gewesen, andere hätten von Stalingrad erzählt. Wie viele ehemalige Nationalsozialisten im Hessischen Landtag gesessen haben, quer durch die Fraktionen, das habe man erst im Nachhinein erfahren. „Das war ja ein Thema der Studentenbewegung.“ In den Lehrplänen, das habe er recherchiert, seien die Jahre des Nationalsozialismus ausgespart worden. In den fünfziger Jahren noch hatten die Amerikaner eine Beschäftigung damit im Zuge der Reeducation verordnet, erst von den siebziger Jahren an ist diese Zeit dann wieder in der Schule behandelt worden.

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Es war ein katholisch geprägtes Elternhaus, in dem Witzel groß geworden ist. Auch in dem Roman spielt der Katholizismus eine fundamentale Rolle. Die zentrale Figur bediene sich eines Vokabulars der heiligen Legenden, um die Welt zu erklären. Der Teenager zieht die starke Ikonografie des Christentums heran und überträgt sie auf die RAF. Die ausgemergelten Körper in den Christusdarstellungen eines Holbein oder Mantegna bringt er überein mit den Bildern von inhaftierten RAF-Mitgliedern. Welterklärung nicht auf dem Wege der Reflektion, sondern über die unmittelbare Erfahrung der Bildes.

Über das Erzählerische hinaus, sagt Witzel, komme eine essayistische, eine reflektierende Ebene hinzu. Mit dem Schreiben selbst eine gewisse Erfahrung machen zu wollen, das treibe ihn an. Aber eben nicht im autobiographischen Sinne.

Frank Witzel: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ , Matthes & Seitz Berlin, 817 Seiten, 29,90 Euro

Rubriklistenbild: © Michael Kretzer/dpa

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