Erinnerungen in Vinyl

Schallplattenladen eröffnet: Inhaber erfüllt sich seinen Traum

Markus Flach in seinem Schallplatten-Laden „Mr. Flat Record Store“ in Offenbach Bieber.
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Schallplatten sind seit 40 Jahren seine Leidenschaft: Markus Flach in seinem Laden „Mr. Flat Record Store“.

Trotz Digitalisierung liegen sie voll im Trend: Schallplatten. In Offenbach erfüllt sich ein Liebhaber einen Lebenstraum und eröffnet einen eigenen Laden.

Offenbach – „Totgesagte leben länger“, lautet ein Sprichwort. Eins, dem jeder Liebhaber von Schallplatten mit zufriedener Genugtuung zustimmen wird. Galten die Vinylscheiben doch bereits Anfang der 90er-Jahre, als sie immer mehr von den CDs abgelöst wurden, als veraltet. So mancher Musikhörer entledigte sich seiner Platten. Und so mancher mag dies nun bereuen. Denn seit einigen Jahren ist die gute, alte Schallplatte wieder angesagt – und zwar immer mehr. In Offenbach-Bieber hat nun ein Schallplattenladen neu eröffnet.

Einer, der dem Vinyl stets die Treue gehalten hat, ist Markus Flach. Der 55-Jährige hat seit seiner Jugend rund 5500 der Tonträger gesammelt. Seine Leidenschaft machte er nun zum Beruf: In Bieber-West hat er einen Schallplattenladen eröffnet: „Mr. Flat Record Store“ an der Von Brentano-Straße 8.

Laden für Schallplatten öffnet in Offenbach – Langer Weg zum eigenen Geschäft

Wo früher Optiker Gajda Brillen verkaufte, gibt es nun ordentlich was auf die Ohren. Rock und Pop der 50er- bis 70er-Jahre, Metal, Soul, ProgRock Blues, Jazz, Punk, Reggae bis Beat und Rock‘n‘Roll. Die Platten sind gebraucht, auf Wunsch können auch Neuerscheinungen auf Vinyl bestellt werden. Neben dem Verkauf kauft er auch Platten an. „Aber nur solche, die sich auch wieder verkaufen lassen. Eher keine Sammlungen mit Volksmusik, Operetten oder James Last.“

Für Flach beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt, nachdem er 18 Jahre lang für ein großes Medienunternehmen gearbeitet hat. Nach internen Umstrukturierungen wurde er vor zwei Jahren arbeitslos und wusste, dass er diese Art von Arbeit nicht mehr machen wollte. Es war ein steiniger Weg, doch schließlich bekam er einen Gründerzuschuss vom Arbeitsamt. Als die Räume in Bieber-West frei wurden, zögerte der Obertshausener nicht lange. Trotz denkbar schwieriger Vorzeichen wegen Corona. Im Februar mietete er die Fläche, Ende Juni war Eröffnung. „In der Zeit habe ich den Laden renoviert, Platten eingekauft und mich eingearbeitet in die Kasse und alles, was man sonst so beachten muss – das ist eine Menge“, sagt er. Doch er ist nun sichtbar stolz auf seinen modern und zugleich gemütlich eingerichteten Laden, in den er seine finanziellen Rücklagen gesteckt hat. „Meine Familie unterstützt das Vorhaben von Anfang an, die finden das toll“, freut er sich. „Doch irgendwann wird es sich auch tragen müssen.“

Rille belebt Handel

Parallel zum stetig wachsenden Streaming-Geschäft erfreut sich auch der deutsche Schallplatten-Markt anhaltender Beliebtheit. Wie die Daten von Bundesverband Musikindustrie (BVMI) und GfK Entertainment zeigen, kletterte der Vinyl-Absatz im vergangenen Jahr von 3,4 auf 4,2 Millionen verkaufte Schallplatten (plus 21,9 Prozent). Dies waren doppelt so viele Schallplatten wie 2015. Damit setzte sich der seit 2007 anhaltende Positiv-Trend fort.

Auf Platz eins der Vinyl-Hitliste für den Zeitraum Januar bis Mai steht übrigens die Hip-Hop-Formation K.I.Z („Rap über Hass“). Dahinter landet mit der Punkband Broilers („Puro Amor“) ebenfalls ein nationaler Act. Es folgen die US-Rockgruppen Greta Van Fleet („The Battle At Garden’s Gate”) und Foo Fighters („Medicine At Midnight”).

Schallplattenladen in Offenbach könnte zum Geheimtipp werden

Zur Not, sagt er, werde er auch wieder die Reißleine ziehen. „Aber wenn ich es noch zehn Jahre machen kann, bin ich sehr zufrieden“, so der 55-Jährige. Er hofft darauf, dass sich der Laden zu einem Geheimtipp für die wachsende Zahl der Vinyl-Liebhaber entwickelt, hat gute Beziehungen zu „Hifi im Hinterhof“ in der Offenbacher Innenstadt. „Sie verkaufen dort immer mehr Plattenspieler. Ich hatte schon Kunden, die von dort direkt zu mir gekommen sind.“ Ein Platten-Anfänger habe sogar die Anreise aus Bad-Nauheim nicht gescheut. Auch „junge Mädels“ waren schon unter seinen Kunden, haben eine LP von Queen gekauft. Die meisten Leute aber kommen, weil sie mit Schallplatten besondere Erinnerungen verbinden.

Darin ist auch für Flach der Zauber der Vinylscheibe begründet: „Zu jeder Platte fallen mir Geschichten und Erinnerungen ein.“ Während sein Vater vor allem Blas- und Marschmusik auf dem heimischen Radio gehört habe, lauschte seine Mutter der Klassik. „Die beste Abwechslung war, wenn dann Bata Illic lief“, erzählt er lächelnd. Ein Meilenstein war sein erstes Konzert, das er besuchte: Kiss, dazu Iron Maiden als Vorgruppe. „Danach habe ich zu Weihnachten endlich eine Stereonanlage bekommen, so fing es richtig an.“ Mit 15 begann er, Platten zu sammeln. Sie in der Hand zu halten, zu fühlen, einzulegen, ihren eigenen Klang zu hören, ihre kreativen Einbände – es sind viele Faktoren, die für ihn die Schallplatte zu einem besonderen Erlebnis machen. „Kein Vergleich zu heruntergeladener Musik aus dem Internet“, findet er.

Infos im Internet: mr-flat-records.de

Offenbach: Breites Angebot bei Schallplatten

Das älteste Stück im Laden ist eine Schellackplatte von 1932, auf der Hindenburg spricht, die neueste ist die in diesem Jahr erschienene Doppel-LP der „Serious Moonlight Tour“ von David Bowie in limitierter Edition. In all den Jahren hat Flach ein enormes Wissen angesammelt. Er kennt sich aus mit Rillen, Pressungen, Versionen aus aller Welt. Und weiß, wie man verstaubte Schätze wieder sauber bekommt, hat ein entsprechendes Gerät. Alle zum Verkauf stehenden Platten sind gereinigt und haben eine neue Hülle. Die Preisspanne liegt zwischen fünf und 150 Euro. Den netten Plausch – inklusive vieler Erinnerungen – gibt es gratis dazu. (Veronika Schade)

In Offenbach übernimmt ein neuer Betreiber die Traditionskneipe „Salzgässchen“. Für den neuen Besitzer ist es eine Herzensangelegenheit.

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