Erneuerung der Seitenstraßen

Wilhelmsplatz: Langes Warten auf die Rechnung

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Der Wilhelmsplatz an einem Markttag. Auf engem Raum auskommen müssen dort Anwohner, Marktbeschicker und Gastronomen – nicht immer ganz einfach.

Offenbach - Für viele Offenbacher ist er der schönste Platz der Stadt. Für wiederum viele Anwohner ist die Idylle des Wilhelmsplatzes nur Fassade. Darunter brodelt es. Von Veronika Szeherova

Es beginnt mit der Erneuerung des Platzes. Für den zweiten Bauabschnitt, also die beiden seitlichen Straßen, kündigt die Stadt bereits 2009 den Hausbesitzern Anliegergebühren gemäß der Offenbacher Straßenbeitragssatzung an. Heißt: Sie müssen sich anteilig an den Kosten für den Umbau beteiligen. Insgesamt schlägt dieser mit einer Million Euro zu Buche, davon entfallen 429.000 Euro auf 37 Hausbesitzer. An ihrem Ärger ändern mehrere Veranstaltungen mit Oberbürgermeister Horst Schneider nichts. Viele drohen vor Gericht zu ziehen und sehen Fehler in den städtischen Berechnungen – falls ihnen überhaupt konkrete Summen genannt werden.

Tatsächlich warten die Anwohner bis heute auf ihre Bescheide. Obwohl sie froh sind, dass dieses Thema bei der Stadt scheinbar hintenangestellt wurde, hängen die seit Jahren fälligen Rechnungen wie ein Damoklesschwert über ihnen. „Es bereitet einem schlaflose Nächte. So viel Geld hat man nicht einfach in der Portokasse“, sagt Rosen-Apotheker Hans Diefenbach. „Wenn die Bescheide kommen, werden wir in jedem Fall klagen“, sagt Hausbesitzerin Dorothea Terpitz. „Es geht nicht gegen die Beiträge an sich, sondern weil sie zu hoch sind.“ In einem Nachbarhaus hänge die ganze Existenz mit dran. Norbert Herbert, ein weiterer Nachbar, ist sicher: „Mindestens die Hälfte der Anwohner wird Rechtsmittel einlegen.“

Ende 2013, Anfang 2014 rausgeschickt

Stadtsprecher Matthias Müller teilt auf Anfrage mit, dass die Bescheide voraussichtlich Ende 2013, Anfang 2014 rausgeschickt werden. „Es musste alles genau abgerechnet werden. Die Zahlen sind alle überprüfbar.“ Ein Ingenieurbüro habe diese Aufgabe übernommen. „Die Summen sind genau wie prognostiziert“, sagt Müller. Die Spannweite liege zwischen 3 000 Euro für eine kleine Eigentumswohnung und 40.000 Euro für ein größeres Grundstück mit zwei Häusern. „Ein Hausbesitzer hat bereits ohne Bescheid bezahlt, jetzt sind noch 405.000 Euro übrig“, so der Sprecher.

Die Anwohner sollen die Möglichkeit erhalten, ihren Anteil individuell in Raten abzuzahlen. Müller glaubt, dass die „Emotionen weniger geworden sind“ – schließlich habe der Platz eine enorme Aufwertung erfahren: „Es ist ein Spiel, wo alle gewinnen.“

„Eine reine Kosmetik-Maßnahme“

Darüber kann Anwohner Bruno Becker nur den Kopf schütteln. „Das war eine reine Kosmetik-Maßnahme, und dafür zahle ich kein Geld.“ Die Hausbesitzer seien nicht in die Planungen mit einbezogen worden, die Umbau-Kosten unnötig explodiert. „Der OB hat sich für eine Rolls-Royce-Lösung entschieden“, kritisiert Herbert.

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Die Qualität entspreche jedoch nicht den Kosten. „Es gibt ständig irgendwelchen Ärger“, führt Terpitz aus. „Das Pflaster in den Seitenstraßen ist schlecht, dort steht das Wasser, es gibt Stromausfälle.“ Auf dem Platz selbst, sind sich die Anwohner einig, sei das Kopfsteinpflaster zu glatt, die Fugen seien zu tief, wodurch sich Zigarettenkippen ansammeln. Das Gefälle sei ungünstig, der Platz habe in der Mitte einen Buckel, worunter vor allem die Marktbeschicker zu leiden hätten.

Untragbar ist für die Anwohner vor allem die Parkplatzsituation. Sie berichten von chaotischen Zuständen und allabendlichen Staus. „Wenn wenigstens abends der ganze Platz zum Parken freigegeben würde, wäre das eine Entspannung“, so Herbert. „Jetzt ist es ein Drama.“ Terpitz erzählt von einem Spielstraßenschild, das „in schöner Regelmäßigkeit“ umgefahren werde.

Alle müssen miteinander auskommen

Anwohner, Marktbeschicker, Gastronomen und ihre Gäste – alle müssen miteinander auskommen. Das klappt meist gut. Aber: „Die Gastronomie wird immer mehr und lauter“, findet Herbert, der seit 1995 am Wilhelmsplatz wohnt. „Einige meinen, sie müssten einen zweiten Ballermann machen.“ Für ihn hat der Umbau, für den er und die anderen Hausbesitzer zur Kasse müssen, nicht zu einer Wertsteigerung der Häuser geführt. „Dieses Argument der Stadt ist Quatsch.“

Diefenbach indes findet: „Das Flair des Platzes und seine Gastronomie sind wunderbar. Der Rest der Stadt könnte sich ein Stück davon abschneiden.“ Dennoch habe Offenbach „zu viel Geld verplempert“. Und: „Die Kommunikation mit der Stadt ist diesbezüglich mehr als mangelhaft.“ Es brodelt weiter.

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