Hilfstruppe verlangte Geld

Erpressungs-Prozess endet mit Freisprüchen

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Offenbach - Sie verließen das Offenbacher Schöffengericht als freie Männer, obwohl wenig Zweifel besteht, dass sie Dreck am Stecken haben. Von Thomas Kirstein

Jedoch servierte das Opfer derart von einander abweichende Versionen der Geschichte, dass Richter Manfred Beck nichts anderes übrig blieb, als für die Angeklagten zu entscheiden: Zweimal Freispruch vom Vorwurf der räuberischen Erpressung.

Die Vorgeschichte beginnt 2010 in Rodgau (Vornamen sind geändert): Rainer Z. (23) zahlt einem Bekannten 250 Euro für ein Auto, bekommt es aber nicht. Z. sucht Hilfe: Er will zumindest die Kennzeichen abschrauben lassen. Eine Freundin vermittelt ihm starke Männer.

Am 17. November 2011 steigt Z. an der Bushaltestelle des Nieder-Röder Badesees in ein Auto, in dem Oliver S., Mike Sch. sowie die Brüder Milan und Branko M. sitzen. Dass die von Verteidiger Wolfram Rädlinger als „echte Kleiderschränke“ beschriebenen Endzwanziger teils lange Vorstrafenlisten haben und auf Bewährung draußen sind, kann Z. nicht erkennen.

Eingeschüchtert 20 Euro und Handy rausgerückt

Nach eigener Aussage bekommt er bereits Angst, als Sch. mit hohem Tempo über die Landstraße nach Hainhausen rast. Eingeschüchtert rückt er 20 Euro und sein Mobiltelefon heraus. Als sein Auto trotz längerer Suche nicht zu finden ist, wird’s noch teurer: Laut Z. will das Quartett auf einmal 1500 Euro für seine Dienste und Auslagen haben. Er ist bereit, 500 zu zahlen – obwohl das in keinem Verhältnis zum Kaufpreis des Gebrauchtwagens steht. Als aber der Geldautomat nichts ausspuckt, verlangt das Quartett Naturalien. Man fährt zum Haus, in dem Z. mit seinen Eltern wohnt. Massiv unter Druck gesetzt, er spricht von Todesdrohungen, übergibt er den vier Männern den Laptop seines Vaters, einen MP3-Spieler und das Handy-Ladegerät.

Erstes Urteil revidiert

Ein verwirrt wirkender, unsicherer und vom Papa begleiteter Z. erstattet Anzeige. Den Beamten gelingt es letztlich, ihm eine nachvollziehbare Geschichte zu entlocken. Die Polizei kann zwei als Erpresser verdächtigte Männer ermitteln. Anfang 2012 stehen die beiden Deutschen S. und Sch. in Offenbach vor Richter Manfred Beck, der sie wegen räuberischer Erpressung zu 29 und 32 Monaten verdonnert. Beck stützt sich auf die bei der Polizei gemachte Aussage, obwohl Z. vor Gericht teils davon abweicht.

Berufung vor dem Landgericht

Es kommt zur Berufung vor dem Landgericht, wo Z. erklärt, von diesen beiden habe ihm gar keiner gedroht, ihn umzubringen. Bei dieser Gelegenheit ergeben sich wieder Ungereimtheiten, die später entscheidend sein sollen: Einmal saßen die Erpresser laut Z. mit ihm im Auto, als sie ihn einschüchterten, ein andermal waren sie ihm gefolgt. Letztlich bleibt schleierhaft, wer die Drohungen ausgestoßen hat. Freispruch für S. und Sch.

Ende August 2013 müssen sich die serbischen Brüder M. – einer hat 22 Vorstrafen auf dem Kerbholz – vor Richter Beck verantworten. Z. serviert eine dritte Variante: Diesmal soll ihm die Bedrohung durch die abgesenkte Seitenscheibe nachgerufen worden sein. Das sind dem Richter zu viele Widersprüche, es ist nicht nachzuweisen ob Z. überhaupt und falls doch, von wem genau wann und wo, das gewaltsame Ableben in Aussicht gestellt bekam. So kommen auch die beiden anderen Abripper ohne Haft davon, weil die räuberische Erpressung nicht nachzuweisen ist.

Richter Beck will nicht ausschließen, dass die massiven Drohungen erst auf väterlichen Druck hin bei der Polizei vorgetragen wurden. Verteidiger Rädlinger erkennt ein klassisches Urteil „im Zweifel für die Angeklagten“. Ohne die Widersprüche des Belastungszeugen, sagt er, hätten sich seine mit Bewährung belasteten Mandanten gut und gern mehr als drei Jahre einfangen können.

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