Verbandskasten im Auto

Für jeden Kratzer gewappnet

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Offenbach - Übertriebene Regulierungswut oder nötige Anpassung von Erste-Hilfe-Material? An Reinigungstüchern und einzeln verpackten Pflastern, die neuerdings in den Verbandskasten gehören, scheiden sich die Geister. Von Jenny Bieniek 

Fakt ist: Millionen Menschen nutzen tagtäglich ihren Pkw, überprüfen regelmäßig Öl-, Kühl- und Wischwasserstand. Um den Inhalt des verpflichtenden Verbandskastens an Bord dagegen kümmern sich die Wenigsten. „Viele wissen noch nicht einmal, dass das Verbandsmaterial darin Verfallsdaten hat und regelmäßig ausgetauscht werden muss“, so die Erfahrung von Fahrlehrer Wolfgang Trenkler aus Offenbach. Oft werde der Kasten vom alten ins neue Auto mitgenommen - „wurde schließlich noch nie benutzt“, so seine Erfahrung. Da wundert es kaum, dass die geänderte DIN-Norm 13164, die seit 1. Januar für Kfz-Verbandskästen gilt, bislang wenig Beachtung gefunden hat. Noch ist sie nicht verpflichtend, doch informieren lohnt sich.

Erstmals seit 1998 haben die Verantwortlichen diese auf „notfallmedizinische Erkenntnisse angepasst“. Sie schreibt vor, dass die Erste-Hilfe-Box künftig ein 14-teiliges Pflasterset mit gebrauchsfertigen, zugeschnittenen Streifen, Fingerstrips und Fingerkuppen-Verbände enthalten muss. Zudem zwei einzeln verpackte Reinigungstücher für unverletzte Hautpartien und ein Verbandspäckchen der Größe K, das auf Kinder zugeschnitten ist. Da für fallen einige frühere Pflichtelemente raus: Aus ehemals acht Wundschnellverbänden werden vier, statt drei Verbandspäckchen der Größe M reichen zwei und auch eines der beiden Verbandstücher wurde gestrichen. Daneben gelten Mullbinden nicht mehr als Alternative für die verpflichtenden Fixierbinden im Kasten. Auf den medizinischen Laien wirkt das alles fragwürdig. Müssen Wunden, die so klein sind, dass ein Pflaster genügt, wirklich von unterwegs verarztet werden?

Überwiegend für Verkehrsunfälle gedacht

Auch in Internetforen wird eifrig diskutiert: Der Kasten samt Inhalt diene der Ersten Hilfe und sei überwiegend für Verkehrsunfälle gedacht – nicht etwa für Unachtsamkeiten beim Handwerken. „Vorkonfektionierte Pflasterstreifen (die man nicht braucht, wenn man „Meterware“ an Pflastern und eine Schere im Kasten hat) und Hautreinigungstücher sind reine Komfortgegenstände, die in eine Damenhandtasche oder das Handschuhfach gehören, aber nicht in einen Kfz-Verbandkasten“, schreibt ein verärgerter Nutzer.

Beim DRK in Offenbach sieht man die Sache gelassen: „Im Wesentlichen bewirkt die Neuerung, dass größere Pflaster rausgeworfen und dafür kleinere reingenommen werden, denn in der Praxis hat sich gezeigt, dass große Stücke nicht praktikabel sind.“ Auch Manfred Beeres vom Bundesverband Medizintechnologie hält die Änderung für sinnvoll: „Pflasterabschnitte, die erst entsprechend zugeschnitten werden müssen, entsprechen nicht mehr dem heutigen Stand der Erste-Hilfe-Produkte.“ Doch gehören Pflaster für Kleinstverletzungen und Feuchttücher wirklich zur elementaren Ausstattung für Erstversorger?

Erste Hilfe bei Herzinfarkt

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Beeres verteidigt die Tücher: „Unser Hygienebedürfnis ist gestiegen, die Sorge vor Infektionen wächst. Die Menschen fassen deshalb ungern blutende Wunden an.“ Da sei es gut, nicht betroffene Partien schnell und unkompliziert reinigen zu können. „Für LkwFahrer, die oft verschmutzte Hände haben, ist das auch eine gute Sache“, erinnert Fahrlehrer Trenkler. Auch die Pflasterstreifen sind in seinen Augen nützlich: „Vorher hatte man ein langes Pflasterband. Einmal ausgepackt und angeschnitten, sind diese oft vergilbt und klebten nicht mehr.“ Die Rundumverpackung einzelner Pflaster sei da praktischer.

Beim Arbeiter-Samariter-Bund Mittelhessen in Offenbach hält man die Änderungen dagegen für „leicht skurril“. „Das hat sich bestimmt ein Schreibtischtäter ausgedacht“, vermutet Samariter Dieter Dänner. Früher habe man für Fingerkuppen aus normalen Pflastern Dreiecke rausgeschnitten. „Und das ging auch.“

Ulrich Urban gehört zum Vorstand des Landesverbandes der Hessischen Fahrlehrer. Auch er hat die Neuregelung noch nicht verinnerlicht. „Ich hab davon gelesen, es aber ganz schnell irgendwo im Hinterkopf abgelegt“, so Urban. Noch gibt er die Neuerungen nicht an seine Fahrschüler weiter. „Der Inhalt eines Verbandskastens ist keine elementare Unterrichtseinheit, wesentlich wichtiger ist die Vermittlung von bestimmten Einstellungen und Verhaltensweisen“, findet er. „Ob’s wirklich einen Nutzen hat, wird sich zeigen, alles in allem ist das aber schon Pipifax.“

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