Boxclub, Bücherei und Weihnachtsmarkt als Ziele

Erster Stadtspaziergang mit Flüchtlingen

Offenbach - Erstmals erkundeten Menschen aus dem Aufnahmelager am Kaiserlei die Stadt, in der sie vorübergehend leben, als geführte Gruppe. Von Harald H. Richter 

Einige Runden im Kinderkarussell gehören zur ersten Begegnung mit einem Weihnachtsmarkt.

Die Initiative dazu kam von der Arbeitsgruppe Flüchtlinge der Grünen-Fraktion, Unterstützung von der städtischen Stabsstelle, die ehrenamtliche Hilfe für die Asylbewerber organisieren soll. Fröhlich winkend dreht Sadom Fajas im roten Feuerwehrauto ein paar Runden. Der kleine Junge unterscheidet sich kaum von den übrigen Kindern auf dem Karussell, und doch liest sich seine Biografie ganz anders. Die Eltern sind mit ihm aus Afghanistan geflüchtet, seit ein paar Wochen ist die Familie in der Erstaufnahmeeinrichtung am Kaiserlei in Offenbach untergebracht. Dass der Vierjährige mit dem pechschwarzen Haar und den dunklen, wachen Augen an diesem Samstag zum ersten Mal die Attraktionen eines Weihnachtsmarkts bestaunen kann, verdankt er mit etwa 30 weiteren Bewohnern einer Initiative von Freiwilligen um Basak Taylan und Jörg Engelmann. Die Arbeitsgruppe Flüchtlinge der grünen Rathausfraktion hat in Verbindung mit der städtischen Stabsstelle diesen Ausflug vorbereitet. „Wir wollten einen ersten Anstoß geben, und vielleicht lässt sich so etwas in nächster Zeit wiederholen“, sagt Engelmann zuversichtlich.

Eine Handvoll junger Männer nimmt daran teil, etliche Frauen und mehrere Familien mit Kindern. Die meisten sind dem verheerenden Bürgerkrieg in Syrien entronnen oder stammen aus verschiedenen Krisengebieten Afghanistans, Somalias und Eritreas. Sie alle sind für jede kleine Abwechslung dankbar, damit ihnen für die Dauer des Aufnahmeverfahrens die Lagerdecke nicht auf den Kopf fällt. Zu ihnen gehört auch Jussuf, der sich danach erkundigt, wie lange man wohl braucht, um ins Zentrum Frankfurts zu gelangen. Mit ein paar anderen jungen Syrern aus dem Lager hat er sich inzwischen angefreundet, möchte die Umgebung gern genauer erkunden – zu Fuß selbstverständlich, wie er radebrechend betont. Ein Fahrrad hat er nicht. Ihm geht es einfach darum, sich mehr bewegen zu können, als es in der Aufnahmeeinrichtung möglich ist.

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Zumindest an diesem Tag eröffnet sich ihm die Gelegenheit, den Horizont zu erweitern. Denn die Gruppe strebt der ersten Station des Ausflugs zu – dem Boxclub Nordend Offenbach, wo sie von Präsident Wolfgang Malik empfangen wird. Die Gäste bestaunen den Ring und die Trainingsgeräte, während ihnen der Sozialarbeiter und Leiter des Jugendzentrums in diesem Stadtteil mit seinem Vize Bernd Hackfort die sportlich-integrativen Möglichkeiten und Angebote des Vereins erläutert.

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Mehrere Übersetzer, unter ihnen Ava Houshmand fürs Arabische und Mahshid Najafi für Farsi, erleichtern die Verständigung. Die 16-jährige Marzika kennt die Boxhalle bereits, denn gemeinsam mit der drei Jahre jüngeren Mahnos trainiert das Mädchen aus Afghanistan fast täglich dort. „Als wir neulich jungen Ankömmlingen im Lager gesagt haben, dass sie bei uns den Boxsport kennen lernen können, waren die Mädchen begeistert“, berichtet Hackfort. „Jetzt sind sie sozial angedockt.“ Außerdem besuchen sie einen Deutschkurs und machen Fortschritte in der Sprache.

Des Boxtrainers Freude darüber wird allerdings durch eine aktuelle Nachricht eingetrübt. Die Mutter von Mahnos berichtet vom Bescheid, wonach sie Offenbach verlassen müsse und sich mit ihrer Tochter binnen weniger Tage im Flüchtlingslager Gießen einzufinden habe. Dorthin werde auch der 16-jährige Bruder des Mädchens gebracht, der auf der Flucht von der übrigen Familie getrennt worden war und in Hamburg gestrandet sei.

„So erfreulich die Zusammenführung ist, so bedauerlich ist sie auf der anderen Seite“, sagt Hackfort. Er will sich dafür engagieren, dass die Familie absehbar in der Rhein-Main-Region heimisch wird, damit die 14-jährige ihrer boxsportlichen Leidenschaft mit dem Enthusiasmus nachgehen kann, den sie bisher gezeigt hat.

Fluchterfahrungen von Prominenten und Künstlern

Nach dem Besuch des Boxclubs wird die Flüchtlingsgruppe in der Stadtbücherei von Katharina Klauer erwartet. „Wir möchten die Neuankömmlinge ermutigen, auch unter der Woche bei uns hereinzuschauen und die verschiedenen Medien zu nutzen, vor allem die Sprachhilfen“, sagt die Bibliothekarin und verteilt Lesestart-Beutel an die Kinder der Familien. Die Bücherei hat etwa 130.000 Medieneinheiten im Bestand, darunter neben Büchern auch Zeitschriften und Zeitungen sowie Hörbücher und CDs. Einiges von dem, was an Schriftgut ausleihbar ist, steht in den Herkunftsländern der Flüchtlinge auf dem Index. Groß ist also deren Erstaunen darüber, dass es sogar ein Bücherboard mit Literatur in arabischer Sprache gibt.

Zum Abschluss mischen sich die Spaziergänger unters multikulturelle Weihnachtsmarktpublikum und genießen mit Kartoffeln und Käse belegte Fladenbrote aus dem Holzofen. Sadom Fajas freilich hat, kaum vom Karussell geklettert, einen Stand ausfindig gemacht, an dem es Popcorn gibt. Sein fragender Blick, die bejahende Geste eines Spenders – es braucht keine Worte, um den Wunsch zu deuten. Eine große Tüte an sich drückend, ist sie für ihn ein Stück vom Kinderglück.

Rubriklistenbild: © Richter

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