Im Stadtteilbüro am Goetheplatz

Erstes Foodsharing-Regal aufgestellt

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Selbstbedienung erwünscht: Im Nordend steht das erste Foodsharing-Regal Offenbachs. Marcus Wöll (links) füllt es mit Lebensmitteln, die Supermärkte weggeworfen hätten.

Offenbach - Im Stadtteilbüro am Goetheplatz soll ein Rattan-Regal die Welt verbessern. Zumindest ein Stück. Denn dort kann man Lebensmittel reinlegen und rausnehmen. Eine Tauschbörse, die nicht nur der Umwelt nützt. Von Sarah Neder 

Marcus Wöll umklammert mit beiden Händen einen Becher dampfenden Kaffees, der ihm vor ein paar Minuten angeboten wurde. Er trägt eine Schirmmütze aus grobem Jutestoff. An der linken Seite ein Anstecker mit dem Satz: „Die Welt isst nicht gerecht. Ändern wir’s!“

Seit etwa fünf Monaten lebt Wöll, 47, genau nach diesem Motto, kauft kaum noch Essen, sondern nimmt das, wovon andere zu viel haben. Bloß nichts verschwenden. Denn seit Mai ist der gelernte Kaufmann Botschafter für die Offenbacher Foodsharing-Gruppe. Ziel dieser Organisation: Überschüssige Nahrung miteinander teilen und somit weniger wegwerfen.

Bisher tauschten einige umweltbewusste Offenbacher nur privat, eins zu eins, verabredeten sich im Internet, auf der Facebook-Seite von Foodsharing. Wer zum Beispiel Tomaten oder Brötchen übrig hatte, stellte sie ins Netz, Foto und Treffpunkt gleich mit dazu.

Nun gibt es im Stadtteilbüro am Goetheplatz die erste zentrale Verteilstelle, ein mannshohes Rattanregal. Wer Lebensmittel abgeben möchte, kann sie dort hineinlegen, wer welche haben möchte, kann sie sich herausnehmen. „Außerdem spenden manche Supermärkte Übriggebliebenes, was sonst im Abfall landen würde“, erzählt Wöll. Die Ware holt er ab und bringt Geeignetes an den Goetheplatz, erzählt der Botschafter.

Denn nicht alle Lebensmittel taugen zum Teilen. Obst und Gemüse dürfen zwar an der einen oder anderen Stelle schrumpelig sein, jedoch niemals faul. „Mein Grundsatz ist: Gib nur das ab, was du selbst auch noch essen würdest“, sagt Wöll. Er findet, das sei die wichtigste Regel beim Foodsharing.

Auch Speisen, die gekühlt werden müssen, können nicht im Stadtteilbüro abgegeben werden. Zumindest noch nicht. Aber wenn es nach Wöll geht, steht bald auch ein Kühlschrank neben dem Korb-Möbel. Diese Pläne unterstützt der Quartiersmanager des Nordends.

Marcus Schenk, gelb getönte Brille, Igelfrisur, Silberschmuck, findet es gut, dass das Stadtteilbüro erste Foodsharing-Dependance in Offenbach ist. „Von meiner Oma habe ich noch gelernt, sparsam mit Lebensmitteln umzugehen. Bevor Obst schlecht wurde, hat sie alles eingekocht“, erzählt Schenk. Heute werde zu viel verschwendet, meint der 49-Jährige. Er glaubt, dass der Essenverteiler auch einen erzieherischen Effekt hat. „Man lernt, dass nicht alles gleich in die Tonne gehört“, sagt er, steht auf und greift sich eine gelbe, schrumpelige Paprika aus dem Regal. „Sehen Sie, die ist doch noch gut.“ Schenk beißt bis zum Stiel und kaut mit Genuss.

Nachhaltigkeit und Wertschätzung der Produkte stehen im Vordergrund – nicht die Bedürftigkeit. „Wir wollen keine Konkurrenz zur Tafel sein“, sagt Marcus Wöll entschlossen. Idealismus sei der Antrieb der meisten Foodsharer. Die meisten sind Vegetarier wie Wöll oder sogar Veganer. Ihnen geht es eben darum, die Welt zu verbessern. Und wenn auch nur ein Stück.

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