„Ach, wie war das schön!“

Offenbach ‐ Als die Alten noch jung waren und ihr Offenbach „die Lederstadt“ genannt wurde, da war die Fastnacht noch ein zentrales Ereignis. Das sagen Leute mit Gedächtnis. Von Lothar R. Braun

Im Else-Herrmann-Haus am Hessenring ließ die Arbeiterwohlfahrt einige von ihnen zu Wort kommen, bei einem Erzählcafé zum Thema „Damals in der Ledderstadt“. Das spielt auf den Karnevalsschlager der 1950er Jahre an: „Mei Offebach, du Ledderstadt, mir rufe laut Hallau“.

Die Sängerfreunde Offenbach beherrschen noch den vom legendären Karl Eichhorn verfassten Text. Bei „Mei Offebach, im Karneval bist du das Paradies“ schob sich mit Saxophon und Akkordeon das Duo Zoll in den Gesang. Karl-Heinz Stier stimulierte das Publikum zum Erzählen.

Eine reifere Dame schwärmte von den Maskenbällen der alten Zeit: „Wenn um Mitternacht die Masken fielen, das war aufregend.“ Monatelang habe man sich über die Frage „Als was gehe ich zum Karneval?“ den Kopf zerbrochen: „Ach, wie war das schön!“

Auch Bütt im Else-Herrmann-Haus

Die Erinnerungen eines älteren Herrn ließen die Damen kichern und die Herren schmunzeln. Ingeborg Fischer wiederum erinnerte sich an die Fastnachtszüge der 50er Jahre, die sie als Kind erlebte. Im Rotkäppchen-Kostüm habe sie sich einmal in den Umzug „geschmuggelt“, ohne Wissen der entsetzten Eltern. Ein paar Jahre später trug sie beim Ball in der Werkkunstschule ein gewagtes Kostüm, das zu Redereien Anlass gab. Das Mädchen aus der Bismarckstraße, das heute in Lämmerspiel wohnt, hat es ein Leben lang nicht vergessen.

Auch eine Bütt hatten sie im Else-Herrmann-Haus. Frieder Gruber und Kurt Vetter nutzten sie für Vorträge. Zweimal, 1969 und 1970, war Vetter Prinz, mit Prinzessin Inge an der Seite. Bei ihr suchte Karl-Heinz Stier das Gefühlsleben einer Karnevalsprinzessin zu erforschen. Auch Klaus-Dieter Roos und Manfred Roth, beide vom Offenbacher Karnevalverein, ließen sich von ihm alte Geschichten entlocken.

1960 gab es den letzten regelmäßigen Fastnachtszug in Offenbach. Manfred Roth wusste, warum das vorbei ist: „Die Offenbacher sind keine Offenbacher mehr. Es mangelt an Bodenständigkeit“. Doch für Resignation sieht er noch keinen Anlass. Auch in zwanzig Jahren werde es noch Offenbacher Fastnacht geben. Denn: „Es gibt immer noch Vereine, die damit Zuspruch finden.“ Das Publikum hörte es mit Vergnügen. Erinnerungsselig schunkelte es zu den Liedern mit diesen einfachen Texten, die sich jeder merken kann.

Rubriklistenbild: © rebel / Pixelio.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare