„Es verlieren viele ihre Heimat“

Lutz Jahnke über die Schließung seiner „afip!“ in Offenbach

Leergeräumt: Die „afip!“ musste am 31. Januar 2022 die Räume am Goetheplatz verlassen. Ihr Betreiber Lutz Jahnke sucht nach einer neuen Location.
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Leergeräumt: Die „afip!“ musste am 31. Januar 2022 die Räume am Goetheplatz verlassen. Ihr Betreiber Lutz Jahnke sucht nach einer neuen Location.

Die „afip!“ (Akademie für interdiziplinäre Prozesse) in Offenbach musste am Sonntag (31. Januar 2021) schließen. Der Kulturort am Goetheplatz hat zehn Jahre lang für kreative Abwechslung gesorgt: schräg, unkonventionell, experimentell und mit wildem künstlerischen Anspruch. Eigentlich sollte am Samstag Abschied gefeiert werden – wenn die Corona-Regelungen nicht gewesen wären. Über ein abruptes Ende, das vielleicht doch keins ist, haben wir mit dem Gründer und Betreiber, dem ehemaligen HfG-Studenten und Designer Lutz Jahnke gesprochen.

Die „Akademie für interdisziplinäre Prozesse“ war von Anfang an als Zwischennutzungs-Projekt gedacht. Dennoch ist das Ende traurig, oder?

Ich würde sogar sagen, es macht mich depressiv. Und ich frage mich gerade, ob es die richtige Entscheidung war. Vielleicht hätte ich die höhere Miete doch stemmen können? Dafür hätte es 80 Leute gebraucht, die über fünf Jahre monatlich 20 Euro überweisen. Aber ob das geklappt hätte? Ich habe viel Geld und Zeit in die „afip!“ investiert, aber in den Miesen war ich noch nie. Hätte ich’s riskieren sollen?

Ihr Mietvertrag wurde im Sommer vergangenen Jahres gekündigt. Wieso?

Weil der Eigentümer den Raum an einen Frankfurter Künstler vermieten will, dessen Konzept mehr Geld bringt, und der mehr Miete zahlen kann.

Von wem sind Sie enttäuscht?

Von niemandem. Wir hatten eine tolle Zeit, wir haben so viele wichtige Veranstaltungen gemacht: Der „Web-Montag“ – eine Plattform, die digitale Errungenschaften in Kurzvorträgen über drei Jahre lang präsentierte – das war wichtig für eine Stadt mit über 4 000 Kreativen. Die jungen Offenbacher Slamkünstler „Kassiber in Leuchtschrift“ sind bei uns groß geworden. In unseren „Forschungsseminaren“ haben sich Menschen aus allen möglichen Bereichen vernetzt, wir hatten Tango-Abende, Jazz-Konzerte, Ausstellungen, Happenings, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es war ein Ort, an dem alles passieren konnte.

Wer waren die Leute, die kamen?

Wir haben so viele Zielgruppen angesprochen: Parteien, Künstler, Kinder, ganze Schulklassen, Professoren, Musiker. In der „afip!“ wurden Filme gedreht, der Rapper Haftbefehl war mit einer Arte-Doku hier, Robert Habeck war hier ... Ich denke, die „afip!“ ist so groß geworden, weil anscheinend die Notwendigkeit dafür da war.

Wie meinen Sie das?

Dass Offenbach und seine Bewohner einen Ort zum Austauschen, zum Ausprobieren, auch zum Scheitern, für Utopien brauchen, an dem sie stundenlang auf Pasta-Tellern tanzen, bis der letzte zerbricht. Und dieser Ort darf nicht geleckt und hochpoliert sein, sondern muss ehrlich, rustikal sein, nahe an den Menschen. Zur „afip!“ konnte jeder jederzeit kommen in der Gewissheit, dort jemanden zu treffen. Es verlieren jetzt viele ihre Heimat.

Wie ist ein solcher Experimental-Ort in der Stadt im Jahr 2011 aufgenommen worden? Es gab sicher einige, die kritisch beobachtet haben, was Sie da machen?

Klar. Ich habe den leer stehenden „Schlecker“-Markt im Nordend ja zufällig gefunden, am ersten Abend dann 30 Leute eingeladen, einen Kasten Bier besorgt, und dann haben wir überlegt: Was kann man hier eigentlich machen? Das war dann das erste von etwa 250 „Forschungsseminaren“. In der Nachbarschaft hat man sich gefragt, was hier vor sich geht. Und nach der ersten Techno-Veranstaltung habe ich gemerkt: Ich bin hier ein Fremdkörper. Ich habe dann immer vor den Events 170 Briefe an die Haushalte im Wohngebiet verteilt. Und ich würde behaupten, dass jeder einzelne Bewohner über die Jahre schon mal zur Tür reinspaziert kam und sich selbst einen Eindruck gemacht hat.

Eigentlich wäre eine Abschiedsfeier geplant gewesen. Corona macht einen Strich durch die Rechnung. Wie hätte das Spektakel aussehen sollen?

Wir haben einen kleinen Sarg gebastelt, den wir mit einigen Grabbeigaben beerdigen wollten. Ein Nachbar hätte den Spaten gesponsert. Das alles unter der traurigen Cello-Musik von Christopher Herrmann, begleitet von den anwesenden Trauernden mit Mini-Instrumenten, alle in Schwarz. Es wäre tonnenweise Glühwein aus Thermoskannen geflossen. Wir hätten die Bombe platzen lassen. Ich hätte die gesamten zehn Jahre eingeladen, jeden, der irgendwas mit der „afip!“ zu tun hatte. Und dann hätten wir der Stadt mal gezeigt, was da jetzt gerade verschwindet.

Eine Beerdigung, das klingt dramatisch.

Ja. Wir hätten in diesem Jahr noch so viel vorgehabt: Wir hatten ein gutes Corona-Konzept und hätten gerne das zweite Jazz-Festival gestartet, diesmal mit zehn coolen, europäischen Bands. Dafür hatten wir schon die Förderanträge vorbereitet. Der Kulturfonds hat ein gutes Bild von uns, der Fonds Soziokultur und andere auch. Im Sommer hätten wir hier den zehnten Geburtstag gefeiert. Und den werden wir auch feiern, dann halt ohne Raum. Außerdem haben wir einen Zukunftsworkshop geplant, in dem es darum geht, wie die „afip!“ in Zukunft aussehen könnte. Dafür haben wir schon eine Förderung beantragt.

Klingt, als hätten Sie Pläne, die „afip!“ an einem anderen Ort wieder auferstehen zu lassen?

Ich bin auf jeden Fall auf der Suche nach einem Raum. Er muss natürlich dementsprechend groß sein, damit man sich entfalten kann, damit ich Schlagzeug drin üben kann. Und überhaupt; wenn ich das weitermache, dann will ich mich verbessern, größer werden. Andererseits: Wenn ich vernünftig wäre, müsste ich mich lieber mal um andere Dinge kümmern; meine Rente zum Beispiel. Die sieht nämlich nicht gut aus. Die 16 Stunden Arbeit am Tag als Designer und „afip!“-Betreiber zahlen sich jedenfalls für mich im Alter nicht aus.

Haben Sie schon eine Location im Auge?

Den ehemaligen Bio-Campus der Uni Frankfurt könnte ich mir vorstellen: ein Riesending, das leer steht. Da würde ich auch aus Offenbach weggehen. Ich frage mich mittlerweile nämlich schon, was die „afip!“ der Stadt eigentlich wert ist. Warum zum Beispiel dürfen wir nicht in den leeren Büroturm an der Berliner Straße?

Was denken Sie denn?

Ich denke, eine Stadt braucht so offene Projekte wie die „afip!“. Weil es wichtig ist, einer Stadt Orte zu geben, an dem man Vielfalt anfassen kann. Und deshalb behaupte ich jetzt mal: Die „afip!“ wird es weiterhin geben. Wie und wo genau, in welchen Zusammenhängen, das wird sich zeigen.

(Das Gespräch führte Lisa Berins.)

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