Neuordnung im Ethnologischen Museum

Aus dem Leben der Nomaden

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Probesitzen in gemütlicher Mongolenjurte: Aicha El-Jaouhari und Susanne Caponi. Die transportable Behausung soll auch bei Führungen benutzt werden.

Offenbach - Die Cowboys reiten nicht mehr. Wo einst die Lebensweise amerikanischer Viehhirten nachvollziehbar war, hausen jetzt Mongolen im Zelt.  Von Markus Terharn

Damit findet die Neuordnung des Ethnologischen Museums, die Direktor Dr. Christian Rathke seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren verfolgt, ihren „krönenden Abschluss“, freut er sich.

„Früher sind die Besucher von den Eskimos über die Cowboys zu den Japanern gesprungen“, schildert Rathke die für ihn unbefriedigende Ausgangslage. „Meine Vision war: Sie sollen der Landkarte folgen.“ Rund um China, das Vorbildfunktion besaß, reisen Schaulustige durch Japan und Tibet, jetzt auch durch Mongolei und Südostsibirien.

Bis dahin war es ein hartes Stück Arbeit. Schädlinge hatten dem Wildwestsaal stark zugesetzt. „Da hing etwa ein Büffelkopf, der voller Motten steckte“, schaudert es den Museumschef. Das Exponat wanderte in die Stickstoffkammer, in der das Ungeziefer durch Sauerstoffentzug giftfrei vernichtet wurde. Der Raum wurde geschlossen, erhielt einen neuen Fußboden und neue Wände, wurde mit Silikon versiegelt. Und völlig neu gefüllt.

Stiefel aus Fischleder fertigen die sibirischen Nanai.

Bei der Zurschaustellung der Jäger, Sammler und Nomaden, in deren Kultur Leder eine große Rolle spielt, fehlte ein Volk: die Mongolen. „Wir besaßen zwar einige schöne Stücke, aber sonst war das Terra incognita“, benennt Rathke den weißen Fleck in der Sammlung seines Hauses. Diese Lücke schloss die Ethnologin Amelie Schenk. Sie nahm Beziehungen zu Mongolen wie dem in Deutschland sehr erfolgreichen Autor Galsan Tschinag auf – und öffnete manche Türen.

So kam es zum Kontakt mit einem Händler, der neue, in der Mongolei nach traditionellen Mustern gefertigte Gegenstände „sehr preiswert“ (Rathke) verkauft. Von ihm erwarb das Museum eine Jurte, wie sie Mongolen mit sich führen, wenn sie ihrem Vieh auf der Suche nach Weideland hinterher ziehen. Neu: Das Zelt soll auch bei Führungen genutzt werden. „Unsere Museumspädagogen arbeiten bereits an einem Konzept“, berichtet der Direktor.

Hocker statt harter Boden

Ein hölzernes Scherengitter, mit Baumwolle bespannt, bildet die Konstruktion. In heißen Sommern lassen sich die Wände öffnen, in eisigen Wintern (bis minus 40 Grad) kommt eine Filzschicht darauf. Zwei Mann können die Jurte (mongolisch: ger) in wenigen Stunden aufbauen.

Schemel, Ofen, Kleidung, Reitutensilien und ein Bild des auch von Mongolen sehr verehrten Dalai Lama schaffen einen wohnlichen Eindruck. Wobei die Hocker eine Konzession an europäische Gewohnheiten darstellen: „Der Mongole hockt eher auf dem Boden“, weiß Rathke.

Vom modernen Nomadendasein künden aktuelle Farbfotos. Den Fortschritt in dem Land, das sich seit 1990 politisch und wirtschaftlich öffnet, verdeutlicht die Aufnahme eines Zelts mit Solarpanel und Satellitenschüssel.

Eröffnung am kommenden Sonntag

Vitrinen beherbergen zum Beispiel einen mongolischen Damensattel mit Schabracke, Stiefel und Sporen, Brautgabe aus der Ming-Zeit um 1600, sowie ein Herren-Pendant. Daneben findet sich das einzige koreanische Stück im DLM, ein mit Rochenleder bezogenes, verziertes Kabinett aus dem 19. Jahrhundert.

Fast vergessen ist die Kultur der Nanai am Amur, dem russisch-chinesischen Grenzfluss. Dieses Volk fertigt seit jeher, was im Internet heute hoch gehandelt wird: Kleidung aus Fischleder. Aus der Haut von Lachs, aber auch von Stör, Karpfen und Dorsch werden Gewänder genäht, die leider, weil sehr dünn, nicht wärmen. „Man muss etwas drunter anziehen“, erklärt Rathke. Der Russe Anatol Donkan hat alten Frauen das Geheimnis der Herstellung entlockt. Zwei besonders prachtvolle Exemplare sind zu sehen.

Die Dauerpräsentation „Kulturen am Rand der chinesischen Welt: Mongolei, Südostsibirien“ wird am Sonntag, 29. September, 11.30 Uhr, im Deutschen Ledermuseum (Frankfurter Straße 86) eröffnet.

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