„So etwas hat definitiv gefehlt“

+
Das KOMM verändert die bestehenden Kundenströme. Ein Blick aus den oberen Stockwerken des Rathauses zeigt es: Offenbacher und Auswärtige erobern nicht nur das Einkaufszentrum, sondern auch den Aliceplatz. Zumal der Handel mit verschiedenen Aktionen lockte.

Offenbach - Marlene Dietrich betörte einst alle mit der Zeile: „Männer umschwirren mich wie Motten das Licht.“ Nun hat das neue Kaufhaus Offenbach Main Mitte wenig mit der Schauspielerin und Sängerin gemein, die in den 30er-Jahren zur Diya aufstieg. Von Martin Kuhn und Isabel Winkler

Aber immerhin ist die Textzeile aufs KOMM übertragbar. Auch am verkaufsoffenen Sonntag umschwirren die Kunden den Konsumtempel am Ende des Aliceplatzes. Und es wird klar: Die Kundenströme in der Innenstadt haben sich binnen vier Tagen verlagert. Aliceplatz und Große Marktstraße profitieren, Marktplatz und Geleitsstraße verlieren.

Wer sich gestern in Offenbach auf den Weg macht, kommt unweigerlich am neuen Offenbacher Shopping-Paradies an. Erkennbar: Nach der Stimmabgabe zieht es viele bei bestem Herbstwetter in die Innenstadt und letztlich zum Aliceplatz. Dort sind die Klänge des Musikvereins Eintracht schon von weitem zu vernehmen.

Beste Voraussetzungen herrschen, um sich das siebenstöckige Gebäude mal genauer anzusehen, die Einkaufsmöglichkeiten in den drei unteren Etagen genauer unter die Lupe zu nehmen sowie durch die gewachsene Fußgängerzone zu bummeln.

Eindrücke vom verkaufsoffenen Sonntag

Verkaufsoffener Sonntag in Offenbach

Schön, sauber und offen. So urteilen die meisten Einkaufslustigen über das KOMM. Auch Angelika Kupkas erster Eindruck ähnelt dieser Stimmung. „Das Zentrum wird in Zukunft meine erste Anlaufstelle sein, wenn ich einkaufen gehe“. Denn es sei weitaus attraktiver als die Innenstadt, fasst sie ihrem Eindruck zusammen. Außerdem gebe es dort hochwertige Anbieter - etwa „Tegut“ oder „Jack Wolfskin“. „Und darüber freue ich mich besonders.“ Auch Norbert Nagel ist angetan vom neuen Zentrum, obwohl seine Frau ein kleines Geschäft in der Innenstadt führt.

Doch Ängste, dass ihre Kunden nun hier fündig werden, hat Nagel nicht. „Wir verkaufen ein Nischenprodukt, hochqualitative Damenwäsche. Ich freue mich eher für Offenbach: Denn so etwas hat definitiv gefehlt“. Befürchtungen anderer Einzelhändler kann er durchaus nachvollziehen. „Aber ich denke, dass durch die Neueröffnung eher mehr Leute nach Offenbach kommen - gerade von außerhalb.“ Man müsse abwarten, bis sich die anfängliche Euphorie lege, wie sich die Laufwege entwickeln und wo in Zukunft vermehrt geparkt werde.

Im KOMM spielt eine Band für die Besucher am ersten verkaufsoffenen Sonntag des neuen Einkaufszentrums.

Allein im KOMM stehen nun 200 Parkplätze zur Verfügung. Was sich offenbar noch nicht rumgesprochen hat: Wer zur besten Mittagszeit durch die Seitenstraßen geht oder radelt, bestätigt das. Allein in der Groß-Hasenbach-Straße parken 16 Karossen im absoluten Halteverbot - es könnte für die Fahrzeughalter ein teurer Nachmittag werden. Ein ständiger Wermutstropfen für ansonsten einfallsreiche Einzelhändler, die teils mit pfiffigen Ideen und Aktionen die Kunden für sich gewinnen wollen. Ob’s gelingt? In der ersten Stunde ist’s auf den Straßen gedrängt und in den Geschäften eher übersichtlich - was allerdings Zeit fürs Gespräch und die Beratung gibt.

So bietet etwa im dritten Stock die Galeria Kaufhof frisch zubereitete Cocktails, alkoholfrei versteht sich. Pfirsiche und Bananen, ein Schuss Maracuja-Saft und Eis dazu und rasch durch den Mixer gejagt. „Lecker, gell?“ Ja, keine Frage. Das Obst reicht ja mindestens noch für zwei, drei Fußballmannschaften... „Ist ja noch ein langer Tag“, hofft die Dame noch auf reichlich Zuspruch bis zum Abend. Das könnte klappen. Schließlich ist fürs Entgelt das Trinkglas inklusive und wird von der Kollegin an der Kasse auch noch in Papier eingeschlagen. Da greift man(n) gerne zu.

Auch beim Elektronik-Riesen Saturn spielen am Wahlsonntag Prozente eine Rolle. Zwanzig - davon träumt nicht nur in Berlin manche Partei - gibt’s auf Filme und Musik. Da fällt die Wahl schwer. Noch schwieriger wird’s in der Parfümerie: Sechs Damen, ein Herr; klarer Vorteil für die Verkäuferinnen. Was freilich nicht dazu führt, die sechsfache Menge an Eau de Toilette, After Shave oder Deodorant zu kaufen. Es ist das alte Lied: Auch jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Schade eigentlich...

Dennoch strahlen die meisten Einzelhändler bereits am Nachmittag. Christiana Baudach, Geschäftsführerin der Galeria Kaufhof und Vorsitzende des Treffpunktes Offenbach, ist mit dem Tag zufrieden. Und was kommt künftig auf den Handel und die Stadt zu? Da bleibt sie gelassen: „Das KOMM-Center ist schön kompakt, zieht aber eher ein junges Publikum“, sagt sie. Und das habe sie auch schon von vielen Kunden gehört. Außerdem sei auch aus ihrer Sicht die Parklogistik noch nicht ausgereift.

Um genauer zu analysieren, welche oder ob sich überhaupt Änderungen im Sortiment für den Kaufhof aus der neuen Situation ergeben, sei es noch deutlich zu früh. Baudach erhofft sich aber, „dass wieder Leute in die Stadt kommen, die schon lange nicht mehr zum Einkaufen in Offenbach waren“.

Auch Ulrike Schmittinger, Geschäftsführerin des „Schuhe Pauthner“, konnte in der kurzen Zeit noch keine signifikanten Veränderungen im Tagesgeschäft feststellen. Doch an eine Veränderung zu ihrem Nachteil glaubt sie nicht. Zum einen aufgrund der bei ihr angebotenen Qualität, zum anderen habe ihr Fachgeschäft nun eine ideale Lage: Ein Ausgang des KOMM führt genau auf ihren Laden zu. Außerdem lobte sie die Bauweise: „Schauen Sie es sich mal von hier aus an. Es sieht aus, als habe es schon immer hier gestanden“.

Wenn das KOMM seine Magnetfunktion hält oder gar verstärken kann, wird’s keinen stören - die anderen Einzelhändler nicht, die Kunden nicht, die Verantwortlichen im Rathaus nicht. Dann muss auch Marlene Dietrichs Textzeile nicht weiter zitiert und auf Offenbacher Verhältnisse umgemünzt werden. „... und wenn sie verbrennen, ja, dafür kann ich nichts.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare