Kirche bleibt nicht im Dorf

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Die evangelische Kirche Offenbachs will die Lauterbornkirche zum Verkauf anbieten.

Offenbach - Die Bombe platzte nach dem Sonntags-Gottesdienst. Im Gemeindeblatt hatte der Kirchenvorstand zur anschließenden Gemeindeversammlung gebeten. Dann kam es knüppeldick für die Protestanten des Stadtteils. Von Ernst Buchholz

War in der Einladung noch von einer Fusion der Lauterborngemeinde mit Paul-Gerhardt-, Schlosskirchen- und Luthergemeinde die Rede gewesen, verkündete der Vorstand nun das Aus für die Kirche der Lauterborngemeinde. Zielvorstellung für die Fusion ist der 1. Januar 2013. Die evangelische Kirche an der Anton-Bruckner-Straße steht zum Verkauf.

In der mit Spannung und Emotionen beladenen Sitzung wurden tiefe Gräben aufgerissen. Ein Teil des Kirchenvorstands verließ vor Ende der Sitzung den Raum. Robert Flauaus, selbst jahrelang an der Gemeindespitze, zeigt sich besonders getroffen von der Entscheidung, „die ohne Diskussion vom Kirchenvorstand getroffen wurde“. Dass das Ende für das Gotteshaus nur noch verkündet wurde, ist für ihn mehr als schmerzlich. Der Kirchenvorstand habe darauf bestanden, dass der Verkauf unwiderruflich sei. „Wenn die evangelische Kirche sich aus Lauterborn zurückzieht, besteht die Gefahr der Ghettoisierung des Stadtteils“, sagt Flauaus.

Verbindung von Kirchenraum und musikalischem Zentrum

Die Kirche ist eine außergewöhnliche Verbindung von Kirchenraum und musikalischem Zentrum, das weit in die Stadt hineinwirkt. Die Broschüre „Orte des Glaubens“, die das Forum Kultur mit Ralph Philipp Ziegler vor knapp zwei Wochen herausgebracht hat, betont den Wert dieses Raums.

1969 wurde das Gemeindezentrum in Lauterborn gebaut, 1979 wurde es mit dem Bau der Kirche erweitert. Der achteckige Bau hat neben Taufbecken, Altartisch und Predigerpult eine Orgel und einen Konzertflügel. Das „Herzensfenster“, ursprünglich aus Papierfolie gestaltet, wurde nach einer Spendenaktion in Glas gefasst. „Wir haben da sehr viel Herzblut und Eigeninitiative hineingesteckt“, betont Robert Flauaus. Er nennt das Kirchenfester, das Kreuz auf dem Kirchturm und die Gestaltung der Willkommensgrüße über dem Gemeindeeingang.

Ingrid Arnold, Leiterin der Arbeitsgruppe der Töpferinnen, mag an den Beschluss des Kirchenvorstands nicht so recht glauben. „Wir haben Nebenräume benutzen dürfen für den Einbau eines Brennofens und für die Unterstellung der Materialien. In Paul-Gerhardt müssten mindestens feuerfeste Türen neu eingebaut werden, damit man dort wieder einen Töpferofen installieren kann.“

Hausaufgabenhilfe in den Gemeinderäumen

Das sind nicht alle Aktivitäten, die noch heute in der Kirche und den Gemeinderäumen stattfinden. Da gibt es die Hausaufgabenhilfe, mehrfach dekoriert von der Stadt Offenbach. Sie soll in die Kindertagesstätte an der John. F. Kennedy-Promenade umgesiedelt werden. Da finden die Proben von zwei Chören statt. Die Belebung dieser Ecke durch die Kirche, gab so manchem Spaziergänger in Lauterborn abends ein Gefühl der Sicherheit.

Dieter Jahn, der Vorsitzende des Vereins „Besser leben im Lauterborn“, hat von den Verkaufsplänen am „Runden Tisch Süd“ erfahren. Der Verein wird sich mit Kräften gegen die Entfernung der Lauterbornkirche wehren.

Sicher ist die Zahl der eingetragenen evangelischen Gläubigen des Stadtteils von 1970 bis heute von 4000 auf rund 1400 gesunken. Auch haben beide großen Kirchen mit finanziellen Nöten zu ringen. Es ist auch nicht zu übersehen, dass die Lauterborngemeinde im Gegensatz zur Schlosskirche, die inzwischen Diakoniekirche geworden ist, sich nicht um neue Aufgaben bemüht hat. Die Gemeindemitglieder aber fragen sich, ob dies es rechtfertigt, dass man eine ästhetisch gelungene, lebendige und barrierefreie Kirche aufgibt.

Für die Lauterborner wird es jedenfalls ein herber Verlust sein, schließlich war das Kirchlein ein Stück lokaler Identifikation. Es heißt auch, mit dem Erlös solle die Paul-Gerhardt-Kirche an der Beethovenstraße saniert werden. Stellungnahmen von Befürwortern des Verkaufs waren bislang nicht zu erhalten. Lauterborn-Pfarrerin Brigitte Hoßbach ist noch im Urlaub. Dekanin Eva Reiß steht erst am Montag für ein Interview bereit.

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