EVO: Energie selbst erzeugen

EVO-Chef Michael Homann möchte die Abhängigkeit seines Unternehmens von den großen Konzernen reduzieren. Foto: EVO

Der Energiemarkt in Deutschland befindet sich mitten in einem großen Umbruch.

Die EVO will den Wandel als Chance nutzen und verstärkt selbst Wärme und Strom erzeugen, wie der Vorstandsvorsitzende der Energieversorgung Offenbach AG, Michael Homann, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn sagte. Und: Der bekennende Schalke-Fan drückt auch dem OFC die Daumen. „Ich finde, die Stadt hat einen Zweitligisten mit einem schönen Stadion verdient, der guten Fußball abliefert. “.

Die Hauptanteilseignerin der EVO, die Mannheimer Energie AG, will Arbeitsplätze in Offenbach abbauen. Wie weit sind die Pläne gediehen?

Innerhalb der MVV-Energie-Gruppe haben wir gemeinsam mit der MVV in Mannheim und den Stadtwerken Kiel beschlossen, unsere internen Prozesse weiter zu verbessern und nach Möglichkeit zu vereinheitlichen. Damit wollen wir dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben und unsere Kosten reduzieren. Die EVO AG ist bereits jetzt gut aufgestellt, so dass die Auswirkungen auf den Standort Offenbach moderat bleiben. Bis zum Jahr 2020 werden wir 45 Arbeitsplätze abbauen. Betriebsbedingte Kündigungen wird es nicht geben. Die meisten der 45 Stellen werden nicht mehr besetzt, sobald die Mitarbeiter in Rente gehen. Der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen gilt zumindest bis zum Jahr 2013. Bei Erreichen der Abbauziele sogar bis zum Jahr 2016.

Die MVV ist bekanntermaßen nicht nur an den Stadtwerken in Offenbach beteiligt. Im vergangenen Jahr sorgte die Zentrale für Aufregung. Es bestand die Befürchtung, dass Dienstleitungen in Mannheim konzentriert werden sollten. Schließlich einigten sich die Oberbürgermeister mit MVV-Vorstandschef Georg Müller auf das Projekt „Dritter Weg“. Bringt es der EVO eine Art Bestandsschutz? Was ist bei der Ausgestaltung des Projekts bis jetzt herausgekommen?

Zunächst einmal: Die EVO kann weiter eigenständig und eigenverantwortlich arbeiten und neue Wachstumsfelder erschließen - etwa im Geschäft mit den erneuerbaren Energien. Die regionale Identität und die Marke EVO wollen wir weiter stärken. Unseren eingeschlagenen Weg können wir fortsetzen. Das ist im Aufsichtsrat von den Anteilseignern bestätigt worden. Für uns ist zugleich wichtig, dass wir uns gemeinsam mit der MVV weiter verbessern können. Schließlich haben wir mittlerweile einen harten Wettbewerb. Mehr als 70 Mitbewerber bemühen sich in Stadt und Kreis Offenbach um unsere Kunden. Wir kämpfen auch mit der Netzregulierung und sinkenden Entgelten. Deshalb müssen wir ständig nach Optimierungsmöglichkeiten suchen. Das ist nur zu schaffen, weil wir in Netzwerken arbeiten, mit Partnern wie der MVV - aber auch mit regionalen Partnern wie der Stadt Offenbach, den Kommunen in der Region, dem Main-Kinzig-Kreis oder auch der Mainova.

Wie wichtig ist für Offenbach und Umgebung ein regionaler Energieversorger?

Letzten Endes ist unser Erfolg ein Erfolg der ganzen Region. Ein Großteil unserer Erlöse kommt indirekt den Bürgern zugute - etwa über Steuern, Dividenden und Abgaben. Wir vergeben Aufträge an zahlreiche Unternehmen hier in der Gegend. Und über unser Sponsoring fördern wir soziale, kulturelle und ökologische Projekte - mehr als 150 Institutionen und Vereine profitieren auf diese Weise von unserer Unterstützung. Dazu kommt, dass wir mit unseren Investitionen in erneuerbare Energien den Klimaschutz in der Region vorantreiben. Wir bauen gegenwärtig die dezentrale Erzeugung von Energie massiv aus - dabei wollen wir die fossilen Rohstoffe wie Erdöl oder Kohle mehr und mehr ersetzen. Das schont unser Klima, macht uns unabhängiger von den großen Energiekonzernen und schafft Arbeitsplätze. Nicht irgendwo, sondern hier, wo wir leben.

Will die EVO auf Märkte in der Umgebung vordringen?

Als ich vor drei Jahren in Offenbach angefangen habe, stellte sich die Frage, wie es mit der EVO weitergeht. Wir haben uns damals für einen klaren Wachstumspfad entschieden. Wir wollen nachhaltig und ökologisch wachsen und zugleich unser Bestandsgeschäft sichern. In Fragen der Nachhaltigkeit gehen wir mit gutem Beispiel voran: Mittlerweile haben wir auf unserem Gelände vier Photovoltaikanlagen im Betrieb und erzeugen somit Jahr für Jahr 130 000 Kilowattstunden Ökostrom. In unserer Region speisen bereits nahezu tausend Photovoltaikanlagen saubere Energie in unser Netz ein. Nur zum Vergleich: Vor sieben Jahren waren es gerademal 50 Anlagen. Aktuell ist die Produktion in unserem Pelletwerk auf dem ehemaligen Allessa-Gelände am Offenbacher Mainufer angelaufen. Die Anlage befindet sich in der Testphase und soll im Laufe des Jahres den Dauerbetrieb aufnehmen.

Wo kommen die Holzpellets her?

Unser Motto lautet: Energie aus der Region für die Region. Im Landkreis Gießen haben wir einen Energiewald gepflanzt, der noch in diesem Monat zum ersten Mal geerntet wird. Außerdem sind wir Kooperationen mit Kommunen und Landkreisen in der Umgebung eingegangen, wo wir uns mit sogenanntem Landschaftspflegematerial, also etwa Resthölzer aus der Forstwirtschaft oder Sträucher und Büsche, die entlang der Straßen zurückgeschnitten werden, als Rohstoff für unsere Holzpelletproduktion eindecken können. Dieses Material wird dann in unserem neuen Werk in Offenbach zu Pellets verarbeitet. Genau das ist es, was wir als sinnvollen Wirtschaftskreislauf bezeichnen. Wir arbeiten dezentral und nutzen unsere Energie hocheffizient.

Gibt es weitere alternative Energien, auf die die EVO setzt?

Ja, wir gehen neue Wege und präsentieren bald unsere ersten Windkraftanlagen. Mehr möchte ich aktuell noch nicht verraten. Hier haben wir uns ehrgeizige Ziele gesetzt, geplant sind erhebliche Investitionen. Außerdem bauen wir massiv unsere Nahwärmenetze aus - mehr und mehr auf Pelletbasis. Diese Netze sind etwa in Raunheim und Aschaffenburg, in Hainburg oder Usingen. Darüber hinaus setzen wir auf den Ausbau unseres Fernwärmenetzes. Im vergangenen Jahr haben wir unsere Leitung nach Heusenstamm in Betrieb genommen. Jetzt bauen wir das Netz in Zusammenarbeit mit der Stadt aus. Die Wärme dazu kommt aus unserem Müllheizkraftwerk in Dietzenbach und dem Heizkraftwerk in Offenbach.

Auf welche Energiepreise müssen sich die Offenbacher denn in diesem Jahr einstellen?

In der mittel- bis langfristigen Entwicklung sind wir natürlich abhängig von verschiedenen Faktoren, die wir kaum beeinflussen können wie Kohle- und Ölpreise. Aber auch die politische Gesamtlage wie die Stabilität des Atomkompromisses spielt eine Rolle. Ich will kein Spielverderber sein. Aber: Langfristig müssen wir mit steigenden Preisen rechnen. Für die EVO-Kunden kann ich sagen, dass wir aus heutiger Sicht für den Rest dieses Jahres keine Preisänderungen planen.

Politiker und Verbraucherschützer fordern Energiekunden immer wieder zum Anbieterwechsel auf, um den Druck im liberalisierten Markt zu erhöhen. Birgt die Strategie mehr Chancen oder mehr Risiken? Hat die EVO schon viele Kunden verloren?

Natürlich werben andere Anbieter auch hier in der Region um unsere Kunden. Aber man muss aufpassen: Einige Firmen arbeiten mit Kautionen. Oft bleibt bei niedrigen Preisen der Service auf der Strecke. Manche Unternehmen lassen sich Kundenanfragen sogar bezahlen. Oft werden Kunden mit niedrigen Preisen und einem hohen Bonus angelockt, und nach einem halben Jahr erhöht dann der neue Lieferant die Preise drastisch. Das sind Praktiken, die nicht unserem Verständnis entsprechen. Wir bieten unseren Kunden faire Preise und achten zugleich auf seriöse Wettbewerbsbedingungen. Und natürlich unterhalten wir Kundenzentren mit persönlichen Ansprechpartnern. Zugegeben: Auch bei uns klappt nicht immer alles, so wie ich mir das wünsche. Aber: Unsere Kunden können im direkten Gespräch ihre Fragen erörtern. Viele andere Lieferanten bieten das nicht.

Jetzt ganz konkret: Wie viele Kunden haben Sie verloren?

Da muss ich Sie enttäuschen. Insgesamt ist unsere Kundenzahl in etwa konstant geblieben. Im vergangenen Jahr haben wir sogar mehr als 5 000 Kunden hinzugewonnen. Vor allem über unser Online-Angebot bei den Privatkunden, aber auch bei den Gewerbekunden.

Der Energiemarkt in Deutschland wird trotz Liberalisierung immer noch von den großen Konzernen gelenkt. Ärgert einen Stadtwerkechef diese Abhängigkeit nicht?

Absolut. Wettbewerb braucht echte Wettbewerber. Aber insbesondere in der Erzeugung von Energie dominieren noch immer die vier großen Konzerne. Wir brauchen mehr Wettbewerb und ganz konkret den Ausbau der dezentralen Energieerzeugung. Wir bei der EVO bauen unsere Eigenerzeugung weiter aus und wollen unsere Privat- und Geschäftskunden in fünf Jahren mit Energie ausschließlich aus eigener Erzeugung bedienen.

Welche Auswirkungen haben die verlängerten Laufzeiten für Atomkraftwerke auf den Energiemarkt in Deutschland?

Der sogenannte Atomkompromiss der Bundesregierung zementiert das Oligopol der großen Energiekonzerne. Mit diesem Beschluss sind wir nicht glücklich. Wir erwarten, dass durch die Entscheidung hohe Investitionen in erneuerbare Energien unterbleiben. Damit verzögert sich der notwendige Umbau in der Energiewirtschaft. Auf unsere Strategie hat der Atomkompromiss keine unmittelbaren Auswirkungen.

Die Ökopläne der Bundesregierung treiben die Strompreise hoch und verärgern damit die Verbraucher. Haben Sie Verständnis für den Unmut?

Ich habe volles Verständnis für den Unmut. Wir müssen die staatlichen Lasten an unsere Kunden weiterreichen und sind somit der Überbringer der schlechten Nachrichten an unsere Kunden, obwohl wir nicht deren Verursacher sind. Auf der anderen Seite muss man auch ehrlich sein und zugeben, dass der an sich sinnvolle Ausbau der umweltschonenden Energien eben Geld kostet. Und letzten Endes und langfristig betrachtet ist es der richtige Weg.

Vorstandschef ist eine anstrengende Aufgabe. Wobei entspannen Sie?

Wenn ich mit meiner Familie schöne Dinge unternehme. Ich spiele gerne mit meinen Kindern oder besuche Freunde. Ansonsten entspanne ich beim Sport. Beim Joggen bekomme ich den Kopf frei; ebenso beim Ski fahren. Und - na ja: Ich gestehe es, ich bin ein ausgemachter Fußballfan.

Gehen Sie als Schalke-Fan gerne auf den Bieberer Berg?

Als Schalke-Fan muss man momentan leidensfähig sein, vielleicht haben wir das mit den Kickers-Fans gemeinsam. Ich leide mit beiden Vereinen und ich freue mich mit beiden Vereinen. Der OFC ist ein Traditionsverein. Ich habe ein Faible für die alten Traditionsvereine.

Der OFC hat es einfach verdient, dass man ihn unterstützt. Das ist auch gutes Marketing für Offenbach. Ich hoffe, Wolfgang Wolf schafft in diesem Jahr den Aufstieg mit seiner Truppe. Und: Ich freue mich riesig auf das neue Stadion. Ich finde, die Stadt hat einen Zweitligisten mit einem schönen Stadion verdient, der guten Fußball abliefert.

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