Kein Ort zum Bleiben

Exklusiv: So leben die Flüchtlinge am Kaiserlei

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Ein bisschen Privatsphäre in der Gemeinschaftsunterkunft. Bücher und andere Beschäftigungen sind noch Mangelware.

Offenbach - Seit gut zwei Wochen leben 600 Menschen im Erstaufnahmelager für Flüchtlinge am Kaiserlei. Über die Lebensumstände dringt bisher wenig nach außen. Der Offenbacher TV-Journalist Shams Ul Haq hat sich exklusiv für unsere Zeitung verdeckt in der Einrichtung umgesehen. Von Rebecca Röhrich 

Bislang ist der Presse der Zutritt verwehrt. Shams Ul-Haq weiß, wie sich die Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung fühlen. Vor 25 Jahren war er selbst aus Pakistan nach Deutschland geflohen. Er kennt die Ängste und den Stress. Er sagt: „Es klingt vielleicht banal, aber Aspekte wie das richtige Essen und eine Beschäftigung sind essentiell, damit ein Zusammenleben auf so kleinem Raum funktioniert.“ Nach seinem Gang durch die Einrichtung und Gesprächen mit den Flüchtlingen sieht der Journalist und Terrorexperte, der unter anderem für den Privatsender N24 arbeitet, vor allem diese beiden Gesichtspunkte noch nicht erfüllt.

„Wenn es bleibt, wie es ist, wird es auch hier Ausschreitungen geben“, so das ernüchternde Fazit des Experten, der im Gespräch mit unserer Zeitung auf die Ausschreitungen in anderen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland anspielt. Grund für Gewalt sei häufig der Frust, der aufgrund von mangelnder Beschäftigung und unverträglichem Essen entstehen kann. Weniger sind es religiöse Aspekte, wie oft in den Medien vermutet wird. Die Flüchtlinge vertrügen europäisches Essen wie Wurst, Nudeln oder rohe Zwiebeln schlichtweg nicht. „Das ist in etwa so, als würde man Europäern nur noch die scharfe indische Küche vorsetzen“, erklärt Ul-Haq. Dass es mit dem Essen Probleme gab, bestätigt auch Ludwig Frölich, Vorsitzender des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), der im Auftrag des Landes die Einrichtung betreut. Aber der für Offenbach verpflichtete Caterer lerne immer mehr dazu.

Ein noch größeres Problem sei jedoch die Langeweile, weiß Ul-Haq und schildert eine beklemmende Atmosphäre: In der großen Halle am Nordring stehen die Betten dicht an dicht; einziger Sichtschutz ist alle paar Betten ein mit blauer Folie verkleidetes Absperrgitter; künstliches Licht von der Decke, lediglich schmale Fenster durch die Tageslicht fällt, das verbreitet Tristesse, aus der es kaum ein Entrinnen gibt; die Menschen liegen auf Feld- und Etagenbetten und starren an die Decke. Schließlich könne man sich nicht den ganzen Tag ziellos auf den Straßen Offenbachs herumtreiben. Ul-Haq vermittelt direkten Kontakt zu Flüchtlingen, für die in einer Moschee ein Essen gegeben wird. Sie wollen aber nichts preisgeben über ihre persönliche Geschichte und Beweggründe. Ein 19-jähriger Afghane fasst in englische Worte, was viele beklagen: „Essen und schlafen ist das einzige, was wir hier tun können.“ Einen Gebetsraum für die vorrangig muslimischen Menschen gebe es auch nicht, sagt Ul-Haq. Gebetet werde in unruhiger Atmosphäre zwischen den Betten.

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Was die Situation noch angespannter werden lässt: Die Flüchtlinge warten lange auf die Registrierung, die sie offiziell zu Asylsuchenden macht und ihnen damit erst eine Zukunftsperspektive eröffnet. Am Kaiserlei ist noch nicht einmal damit begonnen worden, bestätigt das Regierungspräsidium (RP) in Darmstadt; wann es losgeht, ist noch offen. Durchschnittlich müsse ein Mensch sechs bis acht Wochen in der Erstaufnahmeeinrichtung leben, erklärt die Behörde.

Flüchtlingsunterkunft am Kaiserlei: Bilder

Das heißt warten ohne Fernseher, Bücher, Spiele oder Sprachkurse. Die zahlreichen Hilfsangebote der Offenbacher Bürger dringen nur langsam zu den Menschen am Kaiserlei vor. Noch gibt es kein Internet. Seit vier Wochen wartet der ASB auf Rückmeldung, ob ein großer Telefonanbieter das Gebäude mit WLAN versorgt. Internetverbindung ist für die Flüchtlinge wichtig als einzige Möglichkeit, mit den Familien Kontakt zu halten. Für die soziale Betreuung darf der ASB 14 Sozialarbeiter beschäftigen. Ein schmaler Personalschlüssel bei 600 zum großen Teil traumatisierten Menschen. Das sei Vorgabe des Sozialministeriums, bestätigt das RP. Ein ausgebildeter Psychologe ist in der Einrichtung nicht vorgesehen.

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Derzeit sei die Lage in der Erstaufnahmeeinrichtung am Kaiserlei ruhig, melden ASB und RP. Aber Shams Ul-Haq ist überzeugt: „Es muss sich etwas ändern, damit es auch bei 1000 Menschen ruhig bleibt.“

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