Dämmung überdeckt die lokale Geschichte

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Die Motive schnitt Maler Alfred Bode in nassen, zweilagigen Putz. Dabei wird die innere, farbige Putzlage freigelegt und ergibt das Bild. Aus dem sogenannten Musikantenviertel im Süden Offenbachs sind die Arbeiten kaum wegzudenken.

Offenbach ‐ Wer aufmerksam durchs Musikantenviertel streift, dem fallen sie auf, die großformatigen Schnittputzbilder an einigen Hauswänden. Von Katharina Platt

Braune und rote Motive zieren nicht irgendwelche Häuser, sondern ehemalige Werks häuser des Offenbacher Druckmaschinen-Herstellers, der heute unter „manroland“ firmiert. Bauherr vor mehr als 50 Jahren war die Firma Faber und Schleicher. Als eine „neue Epoche im Wohnungsbau“ bezeichnete der damalige Oberbürgermeister Dr. Hans Klüber das Bauvorhaben. Erst seit 1996 sind die Bauten im Besitz der GBO. Gestaltet wurden die Fassaden vom Offenbacher Maler Adolf Bode. Motive sind die fünf Kontinente, ein geschmücktes Alphabet und Arbeiter mit den Werkzeugen ihrer Zunft. „Die farbige Gestaltung und Bemalung von Wandflächen ist ein Bedürfnis in einer an Grünflächen und Baumpflanzungen platzarmen Stadt“, schreibt der Künstler zu Lebzeiten.

Eine Sanierung der Fassade zur Wärmedämmung, die die Energiesparverordnung vorschreibt, steht an und damit auch der Abschied von diesen Bildern. Die Baugesellschaft hat prüfen lassen, ob es möglich wäre, die Bilder abzunehmen und nach der Sanierung wieder anzubringen. „80 000 bis 100 000 Euro kostet das pro Bild“, sagt GBO-Chef Winfried Männche. „Das ist nicht bezahlbar.“

Projekt: „Erlebte und gelebte Geschichte“

Und Aussparungen, die nötig wären um die Bilder trotz Sanierung zu erhalten, würden Kältebrücken hinterlassen. 25 Millionen Euro hat die GBO seit 2006 in ihr CO2-Programm gesteckt. 2010 sollen rund 400 Wohnungen wärmegedämmt werden. Aktuell finden Arbeiten am Odenwaldring und in der Bahnhofstraße statt. Wann die markanten Häuser im Süden Offenbachs dran sind, ist noch nicht klar.

Auch wenn der Abschied von den Schnittputzbildern schwer fällt: Die Dämmung erbringt Energieersparnisse zwischen 40 und 45 Prozent. Dem Geschäftsführer liegen die Bilder am Herzen, die an die Industriegeschichte der Stadt erinnern. Sie sollen in anderer Form dokumentiert werden. Fotografien seien schon gemacht, sagt Männche. Er plant, in einem Pavillon an der Weikertsblochstraße Stelen mit Bildern aufzustellen. Ergänzt mit Text zur Entstehungsgeschichte.

Um diese „geistige Konservierung“ kümmert sich der Verein Lebenszeiten, der sich mit seinem Mehrgenerationenhaus in der Weikertsblochstraße zwischen den Werkswohnungen angesiedelt hat. „Erinnerungspflege“ nennen es die Vereinsmitglieder, die die Belebung der Geschichte dieser Häuser erreichen wollen.

Ein längeres Quartiersprojekt schwebt der Vereinsvorsitzenden Heidi Evers vor. In mehreren Erzählcafés will sich die Gruppe mit dem Thema beschäftigen. „Erlebte und gelebte Geschichte“ nennen sie das Projekt, das in Kooperation mit der Offenbacher Geschichtswerkstatt entsteht. Die Zusammenarbeit mit Zeitzeugen ist den engagierten Quartierbewohnern bei ihrer Auseinandersetzung wichtig. „Eine Nachbarin erzählte, wie sehr sie sich nach Fertigstellung der Häuser auf den Einzug gefreut hatte“, berichtet Heidi Evers. „Damals galten die Werkswohnungen als Komfortwohnungen. Viele hatten sich um den Einzug beworben.“ Für die Umsetzung ihrer Projektideen wollen sie bei der EVO Fördergelder beantragen.

Suche nach ehemaligen Bewohnern

Die Geschichtswerkstatt ist ebenfalls um den gedanklichen Erhalt der Schnittputzbilder bemüht. Sie hat mit einer Dokumentation begonnen. Auch sie ist an Zeitzeugen interessiert. „Die vielen Werkswohnungen in der Stadt dokumentierten die große Bedeutung, die die Industrie in Offenbach hatte“, schreiben die Experten in ihrem Exposee. „Die klare Sichtbarkeit von (ehemaligen) Werkswohnungen im Stadtbild ist für sich ein Ausdruck des Erhalts von einem Stück Offenbacher Industrie- und Sozialgeschichte.“ Grund genug für die (Hobby-)Historiker, die Bilder zu bewahren.

Die Initiatoren sind noch auf der Suche nach ehemaligen Bewohnern, die sich an die Zeit des Einzugs erinnern. Das Team um Heidi Evers und Matthias Steurer interessiert sich auch für Fotos, die den Zustand der Häuser zur damaligen Zeit dokumentieren. Anrufe nimmt Heidi Evers unter z 069/871534 entgegen.

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