Fähre für den Viehtransport

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Experten am Einbaum: Archäologe Lars Kröger (links) und Museumsleiter Dr. Jürgen Eichenauer mit dem Exponat im Haus der Stadtgeschichte.

Offenbach - Mancher Museumsleiter weiß gar nicht, was für einen Schatz er hütet. So ging es Dr. Jürgen Eichenauer. Zwei Einbäume, 1902 bei Aushubarbeiten für den Offenbacher Hafen entdeckt, bewahrt er im Bernardbau auf – einen im Depot, einen in der Ausstellung. Von Markus Terharn

Wozu und wie sie benutzt wurden, war bislang nicht bekannt. „Schiffsmühle, Wasserleitung, es gab viele Spekulationen“, berichtet der Hausherr. Daher die offen gehaltene Beschilderung: „Einbäume sind eines der ältesten Verkehrsmittel des Menschen. Von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter waren sie in Gebrauch.“

Da stieß Eichenauer in einer Fachpublikation auf einen Aufsatz, der ihn elektrisierte. Unter dem Titel „Einbäume des Maingebiets – Fähren als verbindendes Element eines mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wegesystems“ legte der Archäologe Lars Kröger eine plausible Deutung vor. Gestern stellte der Bamberger die Resultate in Offenbach vor.

„Mit einer kleineren Fähre ist vielleicht der Pfarrer aufs andere Ufer übergesetz“

Bis heute hat Kröger am Main 104 Einbäume erfasst, die Offenbacher Exemplare noch nicht mitgezählt. „Diese Dichte ist weltweit einzigartig“, betont der Fachmann. Um darin zu sitzen und zu paddeln oder darin zu stehen und zu angeln, sind sie viel zu schmal. Für eine Schiffsbrücke verwendete man größere Schwimmkörper, für eine Mühle sind sie zu klein.

Auf die Spur haben Kröger die Bohrlöcher gebracht. Sie liegen paarweise an Bug und Heck einander gegenüber. Vereinzelt fanden sich auch Querstangen. So kam Kröger die Idee, die ausgehöhlten Stämme könnten „zu etwas Komplexerem gehören“.

Seine Vermutung: Jeweils fünf oder sechs Einbäume wurden zu einer Fähre verbunden. „Mit einer kleineren Fähre ist vielleicht der Pfarrer aufs andere Flussufer übergesetzt“, meint Kröger. „Die größeren dienten dem Viehtransport.“ Der Wissenschaftler geht davon aus, dass die wertvollen Zugochsen dabei ausgeschirrt waren. „Ohne Heuwagen hintendran konnten sich die Tiere retten, falls die Fähre sank.“

Dem Fachmann zufolge verkehrten Fähren, wo weder Furten noch Brücken vorhanden waren. Nach seinen Berechnungen hat es im 15. Jahrhundert am Main „alle 3,2 bis 3,5 Kilometer eine solche Verbindung gegeben“. Das würde die große Zahl der Funde erklären.

Der Stoff uferte aus

Allein in Seligenstadt liegen zehn Einbäume im Museumskeller, Großkrotzenburg besitzt einen. Als Kröger im Zuge seiner Magisterarbeit zu forschen begann, waren ihm erst 42 bekannt. Der Stoff uferte aus, soll in eine Dissertation münden. Kröger ist für ein Projekt der Universität Bamberg angestellt, wo der 29-Jährige Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit studiert hat. Zweieinhalb Jahre hat er Zeit, um mit einigen Hilfskräften seine Untersuchungen zu vertiefen. Aus der ursprünglichen Studie über Einbäume am Ober- und Untermain sowie am Neckar ist eine zu den 130 Fährenstandorten geworden.

Die Geschichte der bis heute existierenden Rumpenheimer Fähre datiert Eichenauer zurück bis auf das Jahr 932. Das ist laut Kröger sehr früh: „Schriftliches liegt erst fürs 11. bis 14. Jahrhundert vor.“ Ab dem 15. Jahrhundert gab es ein Fährrecht, das nur der König verleihen konnte.

Wie alt die Offenbacher Einbäume sind, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Bauweise und Material – Oberflächenstruktur und dunkle Färbung des Holzes lassen auf Eiche schließen – sind typisch für die Epoche des Mittelalters und für die Region Untermain. Genaueres über Alter und Herkunft der Stämme könnte die Dendrochronologie erbringen, die Schlüsse aus der Zahl der Jahresringe zieht. „Allerdings wäre das extrem schwierig, weil kein Kernholz mehr vorhanden ist“, bedauert Kröger.

Leinöl verhindert Altersbestimmung

Für die Altersbestimmung mittels Radiokarbonmethode sieht Kröger „keine Chance“: Ist doch das Holz mit Leinöl behandelt worden, was die Ergebnisse verfälscht. Ohnehin müsste man eine Probe nehmen, das Exponat also beschädigen. Bei dieser Vorstellung wehrt Eichenauer ab.

Öffentlich zu sehen waren die Einbäume seit 1913. Ihr Eigentümer, der Offenbacher Verein für Naturkunde, zeigte sie in seinem Naturhistorischen Museum im Isenburger Schloss, das Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstörten. Als 1971 das Stadtmuseum am Dreieichpark eröffnet wurde, gehörte der besser erhaltene bereits als Dauerleihgabe zu den Ausstellungsstücken.

Die gut sichtbaren Krümmungen sind erst im Lauf der Lagerung entstanden. Und die Eisenteile, die das Holz verklammern, sind eine Zutat der Konservatoren aus dem 20. Jahrhundert.

Ein Jahrhundert lang haben die Offenbacher Einbäume ihr Geheimnis bewahrt. Zumindest ihr Zweck dürfte jetzt geklärt sein.

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