Verein Männerthemen freut sich über Spende

Kaum Interesse für die Opfer

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Monika Reiling von der Kölner Bethe-Stiftung übergibt Udo Gann vom Verein „Männerthemen“ einen Scheck für die Arbeit mit den Opfern sexuellen Missbrauchs.

Offenbach - Sexueller Missbrauch von Kindern ist seit Jahren mediales Thema. Dies nutzt etwa eine Partei wie die NPD, um am Feuer der Empörung ihr braunes Süppchen zu kochen und die Todesstrafe für Kinderschänder zu fordern. Von Stefan Mangold

Dass dies jedoch nur selten dem unbekannten bösen Mann den Kopf kosten würde, der im Halbdunkel spielenden Kindern auflauert, weiß Udo Gann, Mitbegründer des Offenbacher Vereins Männerthemen. In der Regel stünden vielmehr Verwandte auf dem Schafott, denn: „Nach meiner persönlichen Erfahrung stammt ein Dreiviertel der Täter aus der Familie“, so Gann. Sein Verein kümmert sich um die Opfer sexuellen Missbrauchs, die als Erwachsene mit Traumata kämpfen. Mittlerweile betreut der 59-jährige vier Selbsthilfegruppen.

Die Kölner Bethe-Stiftung unterstützt die Offenbacher seit Jahren. Auch für 2014 erklärte sich die Stiftung bereit, das Spendenaufkommen des Vereins bis zu einer Summe von 5000 Euro zu verdoppeln. Männerthemen gelang es diesmal, 6986,50 Euro zu sammeln. Besonders freut sich Gann über die Einzelspende von 730,50 Euro einer Dame, die durch einen Artikel in unserer Zeitung von der Aktion erfahren hatte. Und so überreichte die Frankfurter Stiftungsbeauftragte Monika Reiling kürzlich den versprochenen Scheck.

Gedämpfter Aufschrei bei Erwachsenen

Noch immer ist regelmäßig ein gesellschaftlicher Aufschrei zu erwarten, wenn etwa im Fernsehen sexuelle Übergriffe an Kindern geschildert werden. Das Interesse an den Opfern wirkt jedoch eher gedämpft, wenn sie als Erwachsene mit ihrer Sexualität, ihrem Selbstwertgefühl und dem Leben an sich massiv zu kämpfen haben. Das Kinderbild im Hintergrund der Spendenübergabe malte eine heute 46-jährige. Während ihrer Kindheit verging sich über Jahre ein Onkel an ihr. Später damit konfrontiert, leugnete er. Eine eigene Sexualität konnte die mit Angstzuständen kämpfende Frau bis heute nicht leben.

Bisher habe er in den Selbsthilfegruppen etwa 130 Betroffene kennengelernt, blickt Udo Gann zurück. „Von einem Täter, der den Missbrauch zugab, geschweige denn bereute, erzählte noch niemand.“ Verwundert ist er darüber nicht. Denn Reue empfinde nur jemand, der gegen das eigene Wertesystem verstoßen habe. Die meisten Täter schafften es jedoch, die eigene Wahrnehmung ihrem Interesse anzupassen. „Das Kind wollte es doch auch“, lautet ein Standardargument, von dem Verteidiger manchen Mandanten vor dem Prozess erst mal abbringen müssen. „Die Perspektive der Täter hat mich aber nie sonderlich beschäftigt“, sagt Gann, der von seiner Mutter selbst wie ein Sexspielzeug benutzt wurde.

Missbrauchsfälle in der Kirche

Chronologie der Missbrauchsfälle

Gann sitzt in einem Gremium, das über die Zuwendung von geldwerten Leistungen an Opfer mitentscheidet. Denn die Bundesregierung hat für den Zeitraum Mai 2013 bis April 2016 einen 50 Millionen schweren Fond für inzwischen erwachsene Opfer von sexuellen Missbrauch bewilligt. Pro Betroffenem können das bis zu 10.000 Euro sein. Damit seien die Chancen groß, beispielsweise eine Therapie finanzieren zu können, deren Kosten die Kasse nicht übernimmt. Im Paket können jedoch auch Aktivitäten wie Mal- und Yogakurse, Gitarrenunterricht oder Box-Training enthalten sein. „Eben alles, was hilft, um mit den Folgen besser fertig zu werden“, sagt Gann.

Betroffenen bietet er Hilfe beim Ausfüllen des detaillierten Formulars. Er mache oft die Erfahrung, dass der geschilderte Fall nicht immer derjenige ist, der das Leid verursacht. Nicht selten erinnerten sich Betroffene irgendwann an weiter zurückliegende Geschehnisse. Udo Gann nimmt sich selbst als Beispiel dafür, „dass es möglich ist, die alten Traumata aufzulösen“.

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