Stau hinterm Steuer

Wochenlang auf Prüfungstermin warten: Fahrschüler sind genervt

Rhein-Mains Fahrschüler stecken im Prüfungsstau: Wegen der Corona-Pandemie und stark steigenden Prüflingszahlen sind Termine für die praktische Fahrprüfung rar (Symbolbild).
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Rhein-Mains Fahrschüler stecken im Prüfungsstau: Wegen der Corona-Pandemie und stark steigenden Prüflingszahlen sind Termine für die praktische Fahrprüfung rar (Symbolbild).

Im Rhein-Main-Gebiet stauen sich die Prüfungstermine für den Führerschein. Der hessische Fahrlehrerverband in Offenbach sieht Handlungsbedarf beim TÜV.

Offenbach – Wer aktuell den Führerschein machen will, braucht viel Geduld. „Es gibt einen großen Rückstau bei theoretischen, vor allem aber bei den praktischen Prüfungen“, sagt Werner Liebner von der Fahrschule Profil in Rodgau.

Normalerweise beantragt Fahrlehrer Werner Liebner mit vier Wochen Vorlaufzeit die gewünschte Anzahl an praktischen Prüfungen beim TÜV Hessen. Im Moment bekommt er aber nur rund die Hälfte der beantragten Plätze. „Diesen Mittwoch hatte ich vier der gewünschten sieben Prüfungen vom TÜV bekommen. Und am 23. Juni wollte ich sechs Leute vorstellen, es gab aber nur drei Termine“, sagt Liebner. 15 bis 18 seiner Fahrschüler und Fahrschülerinnen, so schätzt er, wären langsam für die praktische Prüfung bereit – bis sie diese absolvieren können, wird es wohl noch dauern.

Für ihn bedeutet das zusätzlichen Stress. „Ich muss dann auswählen, welche Fahrschüler wir nehmen, bei wem es vielleicht aus beruflichen Gründen besonders dringend ist und wen wir schieben.“

Offenbach: Warten auf die praktische Prüfung – Frust sitzt tief

Auch wirtschaftlich hat der Stau Auswirkungen. Während eine reguläre Fahrstunde 45 Euro kostet, bezahlt man für die Prüfungsfahrt 130 Euro. Weniger Prüfungen bedeuten für Liebner und andere Kollegen somit weniger Einnahmen.

Der Frust sitzt tief, nicht nur bei den Fahrlehrern. „Auch die Schüler sind natürlich genervt und schlecht drauf – das ist absolut verständlich“, sagt Liebner. „Manchmal stehen sogar die Eltern auf der Matte und fragen, was los ist.“ Der Ärger über die langen Wartezeiten auf einen Prüfungstermin entlädt sich aber an der falschen Stelle, stellt Frank Dreier klar. Er ist Vorsitzender des Fahrlehrerverbands Hessen mit Sitz in Offenbach. „Wenn’s klemmt, ist natürlich erst mal die Fahrschule Ansprechpartner für den Prüfling“, sagt Dreier. „In diesem Fall können wir aber nichts für das Problem – das wissen die meisten nur eben nicht.“ Er sieht deshalb den TÜV in der Pflicht, Lösungen zu finden.

Darum ist man hier längst bemüht – die Corona-Pandemie erschwere die Situation allerdings zusätzlich. Personalausfälle durch Meldungen von Kontaktketten oder Quarantäne-Anordnungen kämen regelmäßig vor, heißt es in einem kürzlich verschickten Infoschreiben des TÜVs an alle hessischen Fahrschulen. Das führe zu kurzfristigen Umplanungen oder Lücken, die nicht geschlossen werden könnten. Dazu kommt, dass die Zahl der Prüfaufträge der Zweiradklassen aktuell saisonbedingt zunimmt.

So wird man Fahrprüfer

Um in Hessen als Fahrprüfer tätig zu werden, bedarf es der Anerkennung als Sachverständiger für den Kraftfahrzeugverkehr. Die Voraussetzungen: ein Mindestalter von 23 Jahren, ein Studium des Maschinenbaufachs, des Kraftfahrzeugbaufachs oder der Elektrotechnik, der Besitz der Fahrerlaubnis sämtlicher Klassen sowie eine Ausbildung in einer Technischen Prüfstelle mit anschließender amtlicher Prüfung. 

Offenbach: Vor allem in Rhein-Main müssen Fahrschüler lange auf Prüfungstermin warten

Zum anderen ist „die Zahl der Prüfungen darüber hinaus im Vergleich mit dem Vorjahr signifikant gestiegen“, sagt Jürgen Bruder, Sprecher des TÜV-Hessen. Das kann auch Frank Dreier nachvollziehen: „Immer mehr Migranten machen den Führerschein – das ist in den Fahrschulen deutlich zu spüren. Und weil wir in Hessen keinen zweiten Lockdown in den Fahrschulen hatten, kamen auch viele ,Überläufer’ aus benachbarten Bundesländern für ihren Führerschein zu uns.“ Deshalb sei das Termin-Problem vor allem in Rhein-Main und weniger in anderen Regionen Hessens zu spüren.

„Außerdem wurde zum 1. Januar die praktische Prüfungsdauer beim Pkw von 45 auf 55 Minuten verlängert“, nennt Liebner einen weiteren Grund. „Früher konnte ein Prüfer also mehr Personen pro Tag prüfen als jetzt.“ Dennoch ist er überzeugt: „Der TÜV hatte eigentlich schon immer zu wenig Prüfer – schon vor Corona. In der Industrie wird womöglich besser bezahlt, da zieht es Anwärter dann eher dahin.“

Fahrschüler warten auf Prüfungen: Der Führerschein ist in Rhein-Main begehrt

Eine zeitnahe Lösung des Problems ist aber so oder so erst mal nicht in Sicht. Auch wenn sich laut TÜV-Angaben fast alle Prüfer zu Sonderschichten, extra Prüftagen und Urlaubsverzicht bereit erklären, um den Prüfplatznachfragen nachzukommen.

„Es sind wirklich alle um Lösungen bemüht!“, sagt Werner Liebner. „Aber der TÜV hat ja keinen direkten Kontakt zu den Fahrschülern – da sitzen wir Fahrschulen in der Klemme, weil wir unserer Kundschaft erklären müssen, dass jemand, der ein Monopol hat, wie der TÜV, uns nicht bedienen kann.“ (Julia Oppenländer)

Im Sommer 2020 bekam ein Fahrschüler aus Offenbach seinen Führerschein – noch bevor er die Prüfung ablegte.

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