Fahrschulen ausgebremst ?

Umschulung von Arbeitslosen zu Kraftfahrern

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Offenbach - „Sie ist zwar teuer, aber für Menschen ohne Arbeit eine der schnellsten und sichersten Möglichkeiten, wieder in einen Job zu kommen“, sagt Wolfgang Trenkler. Von Matthias Dahmer

Der Inhaber der gleichnamigen Offenbacher Fahrschule sitzt mit zwei Kollegen aus dem Kreis Offenbach am Tisch. Sie berichten darüber, wie es nach ihren Beobachtungen zugeht, wenn Arbeitslose eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer anpeilen.

Wenn man weiß, dass die Branche einem Haifischbecken gleicht, kaum einer dem anderen etwas gönnt, dann ist die konzertierte Aktion der Ausbilder bemerkenswert. Die drei eint der Ärger. Tatsächlich erzählen die Fahrlehrer – die beiden aus dem Kreis wollen aus Furcht vor Nachteilen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen – eine Geschichte, die alle Zutaten für einen Skandal hat.

Zutaten für einen Skandal

Die Ausbildung zum Lkw- beziehungsweise Busfahrer funktioniert mittels sogenannter Bildungsgutscheine. Die werden von den Hartz-IV-Behörden und Arbeitsagenturen an geeignete Arbeitslose ausgegeben, die damit zu einer Fahrschule gehen, welche später mit den Behörden abrechnet. Zwischen 6000 und 9000 Euro kostet eine Ausbildung.

Grundsätzlich, sagt Wolfgang Trenkler, darf die Behörde bei Ausgabe des Bildungsgutscheins keine Empfehlung für eine bestimmte Fahrschule abgeben. Sie kann den Interessenten lediglich auf eine Liste der zertifizierten Schulen im Umkreis verweisen. „Wir drei gehören dazu, geben jedes Jahr zwischen 6000 und 8000 Euro für die Zertifizierung aus“, berichtet Trenkler.

Aber: Gerechnet hat sich das in den vergangenen Jahren nicht mehr. Trenkler: „Bis vor zwei Jahren hatte ich pro Jahr zirka 20 Kunden mit Bildungsgutschein. Derzeit sind es nur noch zwei.“ Ähnliches berichten seine Kollegen. Der eine kommt auf sieben, der andere hatte 2011 zwar zwei Interessenten, die Ausbildung absolvierten sie dann aber bei einer anderen Fahrschule.

„Die haben die Hütte voll“

Was sie alle drei stutzig macht: Ein oder zwei Fahrschulen aus der Region – man kennt sich schließlich untereinander – kommen auf ein Vielfaches an Bildungsgutscheinen. „Die haben die Hütte voll“, sagt Wolfgang Trenkler.

Nun wären er und seine beiden Mitstreiter die letzten, welche etwas gegen Geschäftstüchtigkeit einzuwenden hätten. Weshalb sich ihr Zorn hauptsächlich nicht gegen die Umsatz machenden Kollegen richtet.

Die drei Fahrlehrer erheben insbesondere gegen die Pro Arbeit, das kommunale Jobcenter des Kreises Offenbach, schwere Vorwürfe. Das Jobcenter lotse Interessenten gezielt zu bestimmten Fahrschulen. Mehr noch: Ausbildungswillige Arbeitslose, weiß einer der Fahrlehrer aus dem Kreis zu berichten, würden unter Druck gesetzt, in diesen Fahrschulen ihren Bildungsgutschein einzulösen. „Einige haben sich bei mir erst informiert und dann gesagt, sie seien gezwungen worden, die Ausbildung bei einer anderen Fahrschule zu machen“, berichtet er.

Trenkler hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Er arbeite mit einem Busunternehmen zusammen und habe einigen Interessenten vor der Ausbildung die feste Zusage besorgt, dass sie bei der Firma anfangen könnten. „Trotzdem sind die mit ihren Bildungsgutscheinen zu der Fahrschule gegangen, die in meinen Augen von der Behörde bevorzugt wird.“

Insgesamt 677 Bildungsgutscheine für Kraftfahrer ausgeben

Beim Kreis Offenbach weist man die Anschuldigungen gegen die Pro Arbeit zurück. Und präsentiert erstmal die Zahlen: Von 2008 bis August 2012 seien insgesamt 677 Bildungsgutscheine für Kraftfahrer ausgeben worden, sagt Kreissprecher Ralf Geratz-Krambs. Diese hätten sich auf 50 Fahrschulen verteilt und seien von mehr als 100 Fallmanagern bearbeitet worden. Welche Fahrschulen im einzelnen wie viele Kunden mit Bildungsgutscheinen ausgebildet haben, könne er mit Rücksicht auf den Datenschutz nicht sagen, so der Sprecher.

Gewisse Häufungen habe es schon gegeben, räumt Geratz-Krambs ein. Doch die seien plausibel zu erklären. Einige Fahrschulen seien eben geschäftstüchtiger als andere, verteilten etwa während der jährlichen Zeitarbeitmesse vor dem Kreishaus Faltblätter. „Zwei Fahrschulen verfolgen diese Strategie konsequent, hinzu kommt Mundpropaganda.“

Wesentlich sei zudem, dass zwei der Fahrschulen mit Bus- oder Lkw-Unternehmen geschäftlich verbunden seien, so dass sie den per Bildungsgutschein Ausgebildeten gleich einen Job anbieten könnten, erläutert der Kreissprecher. Das spreche sich im Netzwerk der Hartz-IV-Empfänger herum.

Das System hat sich bewährt

Schließlich schicke die Pro Arbeit – im Vergleich zu anderen Sozialbehörden eine Besonderheit – potentielle Kraftfahrer in von ihr finanzierte Vorkurse, um ihre Tauglichkeit für die teure Ausbildung zu testen. Solche Kurse, sagt Geratz-Krambs würden nur von wenigen Fahrschulen regelmäßig angeboten. Und: „Wer einen Vorkurs dort macht, absolviert dort auch seine Ausbildung.“ Unterm Strich, so der Kreissprecher, habe sich das System bewährt.

Trenkler hält dagegen: Die Vorkurse würden von allen zertifizierten Fahrschulen angeboten. Im übrigen gebe es in Stadt und Kreis insgesamt weit weniger als 50 Fahrschulen, und nur ein Teil von denen sei zertifiziert.

Immerhin: Pro Arbeit musste vor kurzem an höherer Stelle Rechenschaft darüber ablegen, dass bei den von Steuergeldern finanzierten Bildungsgutscheinen ordnungsgemäß verfahren wurde. Auf die Beschwerde einer Fahrschule hin hat das Hessische Sozialministerium die Dietzenbacher mit Schreiben vom 28. September aufgefordert, Stellung zu nehmen. „Das haben wir getan und unser Verfahren geschildert“, sagt Pressesprecher Geratz-Krambs.

Die ministerielle Einmischung aus Wiesbaden mündete bislang in eine am 17. Oktober erlassene Dienstanweisung bei Pro Arbeit. Inhalt: Die Fallmanager werden noch einmal explizit darauf hingewiesen, keine Empfehlung für eine bestimmte Fahrschule abzugeben.

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