Familie steht über allem

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Immer mit Blick nach vorn: Gina Seidel-Girgis macht eine Ausbildung zur Heilpraktikerin.

Offenbach - Was ist Heimat? Für Gina Seidel-Girgis ist diese Frage nicht schwer zu beantworten. Der Offenbacherin mit ägyptischen Wurzeln gilt Deutschland als Heimat. So haben ihre Eltern es ihr beigebracht. Von Sebastian Schwarz 

In den 1970ern aus Ägypten in die Bundesrepublik eingewandert, wollten sie, dass ihre Kinder die neue Heimat auch als solche begreifen. „Meine Eltern haben mir vorgelebt, dass wir ein Teil dieses Landes sind“, erzählt die heute 38-Jährige. „Für uns war es klar, dass wir Deutsche sind.“ Geboren ist sie in Bad Hersfeld, aufgewachsen in Dietzenbach. Seit mittlerweile sieben Jahren lebt sie mit ihrem Ehemann und den vier gemeinsamen Kindern in Offenbach.

Besonders wichtig war den Eltern, dass die junge Frau sich mit deutscher und ägyptischer Kultur gleichermaßen anfreundet. Sie soll sozusagen mit dem Besten aus beiden Welten aufwachsen. Zwei Welten, die ziemlich verschieden sind. Zum Beispiel, wenn es um den Stellenwert der Familie geht. „Für uns steht die Familie über allem, man hält immer bedingungslos zusammen“, erzählt Seidel-Girgis. In Deutschland hingegen stehe Individualität und Freiheit mehr im Vordergrund, beobachtet sie. „Bei uns ist es nicht normal, dass ein Mädchen sich mit 13 schon den ganzen Tag auf der Straße rumtreibt.“

Rückkehr ins Berufsleben schwierig

Einen besonderen Platz innerhalb der ägyptischen Familie nehmen die Kinder ein. Sie sind überall dabei, ob beim Einkaufen im Supermarkt oder bei einer Hochzeitsfeier. „In Deutschland ist das anders“, findet Seidel-Girgis. „Da werden Kinder eher als Störfaktor wahrgenommen.“ Ungläubiges Kopfschütteln sei eine häufige Reaktion ihrer Mitmenschen, wenn diese erfahren, dass sie vier Kinder hat. „Einige Menschen in diesem Land können sich einfach nicht vorstellen, dass man so viel Nachwuchs haben kann“, sagt sie verständnislos. Denn ihre Kinder sind für sie eine absolute Bereicherung. „Was ich durch sie kriege, wiegt das, was ich dafür aufgebe, mehr als auf.“

Zum Beispiel ihren Beruf. Denn wie schwierig es ist, als mehrfache Mutter die Rückkehr ins Berufsleben hinzukriegen, hat sie selbst erlebt. Was sie denn vorhabe, wenn eins der Kinder mal krank werde, lautet nur eine der skeptischen Fragen, die ihr in Bewerbungsgesprächen gestellt worden sind. Gern würde sie in ihren angestammten Beruf in der Marketingbranche zurückkehren. Aber das erweist sich als äußerst schwieriges Unterfangen. Entmutigen lässt sich die lebensfrohe Deutsch-Ägypterin davon nicht. Sie suchte sich ein neues Aufgabenfeld. Als Heilpraktikerin möchte sie arbeiten, macht zurzeit eine Ausbildung.

In der Heimat ihrer Eltern war Gina Seidel-Girgis seit zehn Jahren nicht mehr. Und das wird sich wohl so schnell nicht ändern. Denn momentan ist die Lage dort ziemlich gefährlich. „Es ist wirklich schlimm“, sagt sie. Als sie noch zur Schule gegangen ist, war sie regelmäßig dort. „Ich werde nie den besonderen Duft vergessen, der einem entgegenweht, sobald man das Flugzeug verlässt.“

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