Lebende Legenden zu Gast

Offenbach - Im Grunde ist es unverständlich, warum die Massen in die Fußballstadien strömen. Das Ziel dieser populären Sportart ist bekannt: Das Runde muss ins Eckige. Rein statistisch gehen nahezu alle Versuche aber schief, die meisten Angriffe versanden im Nirgendwo. Von Stefan Mangold

Gemessen etwa am Handball, wo ununterbrochen Tore fallen, ist Fußball daher eine eher öde Angelegenheit. Denn mit dem Fuß ist es viel schwerer als mit der Hand, den Ball aufzunehmen und eine Richtung zu geben. Fußball besteht aus einer Kette von Unzulänglichkeiten, die eine Mannschaft hin und wieder unterbricht. Doch im nostalgischen Rückblick scheint es manchem Fußballfan, als hätte früher auf dem Platz alles geklappt.

Am Sonntagmorgen steht Walter Bechthold im Kickersmuseum an der Aschaffenburger Straße und begrüßt den Mann, der gerade durch die Tür kommt: „Na Rado, gerade aus dem Bett gekommen?“ Gemeint ist Radomir Dubovina. Die beiden verbindet eine Gemeinsamkeit: Sie trugen irgendwann in ihrer Karriere als Fußballspieler das rote OFC-Trikot; nun war es Zeit für ein „Treffen der Generationen“, den die Macher des Kickers-Fan-Museum in der rot-weißen Kultstätte organisierten.

„Fünfzigtausend Mark sollte ich kosten“

Die meisten der Anwesenden hatten ihre große Zeit, als es noch üblich war, zwischen den Trainingseinheiten zur Arbeit zu gehen, obwohl schon das Geld floss. Stets muss Stürmer Oskar Lotz erzählen, wie es damals war, als die Kickers wieder einmal dringend Geld brauchten und Lotz über den Main an die Eintracht verkaufen wollten. „Fünfzigtausend Mark sollte ich kosten“, ein Betrag, für den heutige Bundesliga-Profis sich noch nicht einmal warmlaufen. Allerdings gab es Differenzen zwischen den mainischen Rivalen. Deshalb wusste Lotz damals am Morgen des Tages noch nicht, ob er abends mit den Kickers im Freundschaftsspiel „gegen Enschede oder mit der Eintracht gegen Sofia“ spielen werde. Schließlich lief der Stürmer gegen die Bulgaren auf den Platz. Mit „Krieg am Main“ habe die Bild-Zeitung seinerzeit das Gerangel betitelt.

Moderator Harald Spoerl will von Alfred Schultheis wissen, wie das war, als er zweimal „beinahe für die Nationalmannschaft“ aufs Feld gelaufen wäre. Zweimal hatte Bundestrainer Sepp Herberger „Freddy“ nominiert - 1958 gegen Ägypten und 1960 gegen Bulgarien. Zu einem Länderspiel-Debut kam es für den Offenbacher jedoch nicht. Schultheis hat das als „schöne Geschichte“ in Erinnerung behalten. Letztendlich habe der Verteidiger jedoch „keine Chance gehabt, an Karl-Heinz Schnellinger vorbei zu kommen“.

Günter Albert muss natürlich vom „Arschtor“ im Pokalspiel erzählen

Alfred Schultheis stand 1959 in Berlin im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, das die Kickers gegen die Eintracht nach Verlängerung mit 3:5 verloren haben: „Der Elfmeter brach uns das Genick.“ Einen Grund für die Niederlage sieht Alfred Schultheis heute noch darin, „dass der Scheppe nicht dabei war“. Gemeint ist Helmut Sattler, der am Sonntag ebenfalls im Kickers-Museum Autogrammkarten schreibt. Sattler war beim 3:2-Endspurt-Erfolg im legendären Gruppenspiel gegen Tasmania Berlin vom Platz geflogen und fürs Endspiel gesperrt gewesen.

Giuseppe Messinese schaut vorbei, der mit zwei Toren gegen den FC Memmingen die Kickers 1997 im Wiederholungsspiel wieder in die Regionalliga schoss. Etwas verspätet kommt „der Lange“ rein, wie Alfred Schultheis ihn begrüßt. Günter Albert muss natürlich allen vom „Arschtor“ im Pokalspiel vom August 1993 gegen SV Meppen erzählen. Die Kickers gerieten zehn Minuten vor dem Ende mit 0:2 in Rückstand. Nach dem Anschlusstor „schoss mich der Torhüter in der Nachspielzeit an“. Anschließend habe er gebannt zugeschaut, wie der Ball ins Tor kullerte. In der Verlängerung gewannen die Kickers noch 4:2. Eigentlich sei ihm der Ball an den Rücken geprallt, „doch Arschtor hört sich einfach besser an“.

Rubriklistenbild: © Georg

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