Ein fast unsichtbares Handicap

So arbeitet der blinde Metin Catal am Postbank-Schalter

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Metin Catal am Arbeitsplatz. Sein Computer ist mit Braillezeile an der Tastatur und Sprachausgabe blindengerecht nachgerüstet.

Offenbach - Er nimmt Pakete, Einschreiben und Briefe entgegen, verkauft Briefmarken, bedient seine Kunden mit einem freundlichen Lächeln. Erst beim genauen Hinschauen wird klar, dass Metin Catal sich von den anderen Mitarbeitern der Postbank-Filiale an der Marienstraße unterscheidet: Er ist blind. Von Veronika Schade 

Zehn Briefmarken zu 70 Cent? Kein Problem. Mit einem gezielten Handgriff findet Metin Catal in seiner Schublade den richtigen Bogen. Als die Kundin zahlt, gleiten seine Fingerspitzen über die Münzen. Er erkennt den Betrag, ordnet das Geld der Reihe nach ins Fach, holt präzise das Wechselgeld raus: Sein genaues Sortiersystem und jahrzehntelange Routine machen es möglich. Seit mehr als 28 Jahren arbeitet Metin Catal am Postbankschalter an der Marienstraße 80 und ist damit (fast) ein deutschlandweites Unikat: Lediglich in Saarbrücken arbeitet ebenfalls eine blinde Schalter-Kollegin. Ein Schild, auf dem Catal und seine Tätigkeiten kurz vorgestellt werden, macht die Kunden auf sein kaum sichtbares Handicap aufmerksam.

Unterstützt vom Landeswohlfahrtsband Hessen hat die Postbank seinen Arbeitsplatz vor einem Jahr blindengerecht nachgerüstet – mit Braillezeilen und Sprachausgabe an Computer und Waage sowie den Anschluss ans Firmensystem ZORA. „Ich nehme jetzt auch Briefe mit Einschreiben und Retouren an, darf uneingeschränkt alle Buchungsvorgänge durchführen“, konkretisiert Catal.

Dass sein Berufsleben sich in diese Richtung entwickeln würde, hat der 51-Jährige selbst nicht geahnt. In einem kleinen Dorf in der Türkei geboren, attestiert ihm ein Arzt erst als Einjährigem Blindheit, wobei davon auszugehen ist, dass er schon blind zur Welt kam. Mit acht Jahren zieht er mit seiner Familie nach Deutschland, lebt zunächst in Dreieich. Mit elf Jahren kommt er an die Hermann-Herzog-Schule für Sehbehinderte in Frankfurt, wo er erfolgreich seinen Hauptschulabschluss macht und schließlich beim Blindenförderungswerk Würzburg eine Ausbildung zum Telefonisten absolviert.

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Da er nicht direkt eine Stelle findet, meldet er sich beim Arbeitsamt, das ihn an die Marienstraße vermittelt. Er überlegt nicht lange: „Ich brauchte Arbeit. Das erste Kind war da, das zweite unterwegs.“ Mittlerweile ist Catal Vater von drei erwachsenen Kindern, die, ebenso wie seine Frau, keine Sehprobleme haben.

Der Offenbacher hadert nicht mit seiner Behinderung: „Ich bin so geboren, ich kann es nicht ändern. Also lebe ich damit. Nur weil ich blind bin, ist mein Leben nicht gestorben.“ Sich aus diesem Grund dem Berufsleben fernzuhalten, ist für ihn undenkbar. So steht er von Montag bis Donnerstag ganztägig am Schalter, freitags besucht er die Moschee, die restliche Zeit verbringt er mit seiner Familie, trifft sich mit Freunden. Und besucht regelmäßig den Friseur, um sich den Bart stutzen zu lassen, legt Wert auf ein gepflegtes Äußeres.

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Und wie reagieren die Postbankkunden auf ihn? „So und so“, sagt er. Es gebe viele, die gezielt zu ihm kämen, netter Smalltalk inbegriffen. Doch auch unschöne Erfahrungen bleiben nicht aus. So bekam er etwa zu hören, als er eine Auszahlung nicht tätigen durfte: „Wenn du blind bist, was suchst du dann hier?“ Klar verletze ihn das, aber er versuche, es nicht so an sich heranzulassen: „Sonst wäre man irgendwann nervlich kaputt.“ Insgesamt sei er zufrieden und fühle sich gut angenommen von Kunden und Kollegen. „Ich könnte nicht schon so viele Jahre hier arbeiten, wenn es keinen Spaß machen würde.“

Darüber ist die Postbank froh, will ihrer sozialen Verantwortung nachkommen und Kollegen mit geistiger oder körperlicher Behinderung unterstützen. „Das Thema Wertschätzung spielt an dieser Stelle eine gewichtige Rolle“, heißt es aus der Pressestelle in Bonn.

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